Schlaflosigkeit macht einsam

Wenn ich untertags nicht weiß, was ich tun soll, kann ich immer einen Freund oder eine Freundin anrufen. Wir können uns treffen, gemeinsam was unternehmen, vielleicht auch einfach nur ein bisschen reden – nicht alle meine Freunde wohnen in derselben Stadt, aber dafür gibt es schließlich das Telefon.

Wenn ich nachts nicht weiß, was ich tun soll, bringe ich es doch nicht übers Herz, einen Freund oder eine Freundin aus dem Schlaf zu reißen. Sie können ja nichts für mein Problem, und sie brauchen ihren Schlaf (genauso sehr wie ich, aber das ist eine andere Baustelle). Also lasse ich die Finger vom Telefon, sitze allein auf dem Sofa und lausche auf meinen Freund, der im Nebenzimmer schläft. Insgeheim hoffe ich, dass er aufwacht und nach mir sucht, aber natürlich ist es unfair, mir zu wünschen, dass er leiden muss, nur weil ich leide, also hoffe ich gleichzeitig, dass er die Nacht durchschlafen kann – und mich bis zum Morgen alleine lässt.

Immerhin, es gibt das Internet, das den großen Vorteil hat, alle Zeitzonen zu umfassen – irgendwo ist immer Tag. Trotzdem ist es nicht das gleiche. Manchmal brauche ich eine menschliche Stimme, ein richtiges Gespräch, und Text auf einem Bildschirm kann dieses Bedürfnis nicht stillen. Sicher, es hat den Vorteil, dass ich auch in Unterwäsche und mit strubbeligen Haaren auf der Couch sitzen kann, und niemanden stört es. Aber das ist ein magerer Trost, wenn man sich einsam fühlt. Wie viel lieber wäre es mir, mich verpflichtet zu fühlen zu angemessener Kleidung und sorgfältiger Körperpflege, weil Leute, an denen mir liegt, meine Gesellschaft suchen und ich sie nicht vertreiben will! Wenn niemand wahrnimmt, ob ich gepflegt oder ungepflegt bin, mag das entlastend sein – es heißt aber auch und vor allem, dass niemand mich wahrnimmt.

Schlaflose Nächte sind einsame Nächte. Der Mensch ist ein soziales Tier, und die Gesellschaft, in der ich lebe, ist nun einmal tagaktiv; wenn ich nicht in ihren Zeitrahmen passe, bin ich allein. Selbst der nachtaktive Teil der Stadt (in Berlin ein nicht zu vernachlässigender Anteil) hat einen anderen Rhythmus als ich. Zu der Zeit, zu der ich wach werde und nicht wieder einschlafen kann, sind alle Partys schon längst im Gange. Selbst wenn ich dorthin wollte und mir die Mühe machte, mich aufzubrezeln und loszufahren, wäre ich der Fremdkörper, der zum Höhepunkt der Ausgelassenheit nüchtern und schüchtern in der Tür steht. Der einzige Unterschied wäre, dass ich Leute um mich herum hätte, während ich einsam bin. Die Vorstellung übt keinen großen Reiz auf mich aus.

Irgendwann bricht der Tag an, und andere Menschen stehen auf. Ich sollte mich freuen – endlich Gesellschaft! Aber ich bin zu müde, um mich mit ihnen zu beschäftigen. Ich habe Schwierigkeiten, mich auf Unterhaltungen zu konzentrieren, und das macht mich zu einem unbefriedigenden Gesrpächspartner. Also verstumme ich und höre ihnen nur zu. Das ist besser, als allein zu sein, aber einsam bin ich immer noch – ein stiller Zuschauer, ein unbeteiligter Beobachter. Dabei möchte ich nichts lieber als mich beteiligen! Doch bis ich mit meiner müden Zunge einen Satz formuliert habe, ist das Gespräch schon drei Themen weiter gewandert, also schweige ich lieber und lächle unverbindlich, damit nicht so auffällt, dass ich den Faden verloren habe. Und abends, wenn meine Freunde sich verabreden, muss ich mich entschuldigen: Ich bin zu müde, ich muss heute früher ins Bett.

Zwei, drei Stunden später kommt dann auch mein Freund dazu, und eine Weile schlafen wir gemeinsam. Dann wache ich auf, es ist mitten in der Nacht, und ich kann nicht mehr einschlafen. Ich will meinen Freund nicht wecken, also stehe ich leise auf und gehe ins Wohnzimmer. Dort sitze ich in Unterwäsche auf der Couch und gehe in Gedanken alle Freunde durch, die ich jetzt, um diese Uhrzeit, nicht anrufen kann.

Schlaflosigkeit macht einsam.

(631 Wörter)

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