Medusa 2013

Perseus schlich durch die dämmrige Höhle, den Blick fest auf sein Smartphone gerichtet. War das die richtige Adresse? Google Maps bestätigte das, aber noch hatte er hier noch keine Spur der unheimlichen Bewohner gesehen. Nicht einmal eine Maus war ihm entgegengekommen, geschweige denn eine Gorgo. Er scrollte noch einmal durch seine Suchergebnisse. Nein, in ganz Griechenland kannte Google nur eine Medusa, und die sollte hier leben, zusammen mit ihren Schwestern Stheno und Euryale.

Er seufzte leise und öffnete seinen Facebook-Account. Polydektes‘ Herausforderung war immer noch auf seiner Pinnwand zu sehen, aber inzwischen hatten einige neue Botschaften von Freunden sie ein Stück nach unten verschoben. Außerdem hatte er eine private Nachricht. Er öffnete sie im Gehen und lächelte. Wie süß, seine Mutter wünschte ihm „viel Glück und den Segen der Götter, in Liebe, deine Mama Danae“. So richtig hatte sie das mit Facebook noch nicht kapiert, aber er freute sich über die Nachricht. Natürlich war sie das Mindeste, schließlich gab er sich dieses ganze Abenteuer nur ihr zuliebe, aber trotzdem gaben ihr ihre Worte neuen Mut. Er würde dieses Gorgonenpack schon finden.

Vielleicht gaben ihre Facebook-Profile ihm einen Anhaltspunkt, wo sie gerade steckten. Er gab „Medusa“ in das Suchfeld ein – ja, sie hatte ein Profil, aber es war so gut wie nichts öffentlich. Verdammt. Sie hatte nicht einmal ein Profilfoto, nur ein Bild von so einer dämlichen Statue. Und ihre Schwestern waren ebensolche Paranoiker. Aber – hier, das war doch ein Hinweis: Auf Sthenos Pinnwand hatte Medusa eine Nachricht hinterlassen:

„hey sis bin jetz bei twittr twitter.com/snakehairlady lol follow?“

Mit einem Fingertippen war er bei Twitter. snakehairlady war noch nicht lang dabei, aber ganz schön aktiv. Er scrollte durch ihre History und pfiff leise durch die Zähne. Wow, 103 Tweets in nur zwei Tagen. Da musste doch was dabeisein.

Mit einem Wisch war er wieder ganz oben, bei ihren letzten Tweets. „sooo müde man warum is seeleute ershrecken so aanstrengend? lol zeit fürn nickerchen #gorgonsrule #naptime“. Das war vor einer Viertelstunde gewesen. Perfekt! Das hieß, sie musste zu Hause sein, und er hatte nur deshalb niemanden gesehen, weil sie alle schliefen.

Wirklich alle? Er las den vorhergehenden Tweet: „sehleute erschrecen mit meinen sistahs! wir sind die grusligsten lol #gorgonsrule“ Das klang vielversprechend. Er sah kurz auf. Der Felsgang verzweigte sich hier – welches war die richtige Richtung? Er zuckte mit den Achseln und ging nach links, den Blick wieder auf sein Smartphone gerichtet, auf der Suche nach wichtigen Infos in Medusas Tweets der vergangenen Stunden.

Erst als er fast über einen großen Stein gestolpert wäre, sah er wieder auf.

„Ach du heilige Scheiße“, entfuhr es ihm. Der Gang hatte sich in einen großen Raum geöffnet, der komplett vollgestellt war mit Statuen. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Statuen, alle von Männern – nein, von Kriegern, alle erstarrt in einer Pose des Schreckens. Und sie alle trugen echte Klamotten, als hätte jemand den Stein sorgfältig eingekleidet – oder als wären sie echte Menschen, zu Stein erstarrt. Er schaute auf den Brocken, über den er gestolpert war. Es war ein Arm, und er sah auch die Statue, der er abgebrochen war. Die Bruchfläche sah seltsam detailliert aus, als könnte man noch die Knochen und Adern und Muskelfasern erkennen, aus denen der Arm einmal bestanden hatte…

Perseus schluckte. „Krass“, murmelte er. „Wie bei Dr. Who.“ Er hob das Smartphone und tippte auf die Instagram-App. „Das muss Diktys sehen.“ Er begann die Statuen zu fotografieren.

Von ihm unbemerkt erschien ein neuer Tweet auf snakehairladys Seite. „alda wer machtn hier son lärm? bin unausgeschlafen und scheisse gelaunt >:-( #nixnaptime #racheee“

Und kurz danach: „krass! das wer eingebrochen! na warte dass wird n neues stück für die samlung *fg* #petrified #heldenstatuen“

Dann hörte auch er die Schritte im Gang. Noch ganz ins Knipsen vertieft, richtete er die Kamera auf den Eingang der Höhle.

„Ach du Scheiße, bist du hässlich!“, rutschte es ihm heraus, als er sah, was auf dem Display erschien. Mechanisch drückte er den Auslöser.

„Waaas?“, kreischte Medusa und fuchtelte mit ihrem eigenen Smartphone nach ihm. „Was fällt dir ein, bei uns einzubrechen? Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“

„Boah, lieber nicht“, murmelte Perseus und suchte verzweifelt nach einem Instagram-Filter, der ihre Hässlichkeit abmildern könnte.

„Du dreister Sterblicher!“, die Stimme der Gorgo klang wie quietschende Kreide auf einer Schultafel. „Warum erstarrst du nicht zu Stein, wie deine Vorgänger?“

„Keine Ahnung“, gab Perseus zu, ohne aufzuschauen, denn jetzt hatte er ihre neuen Tweets entdeckt. „Magst du ein bisschen leiser reden? Du weckst noch deine Schwestern.“

Medusa zuckte zusammen. „Oh shit, die bringen mich um. Verdammte Unsterbliche.“

„Ich dachte, ihr wärt alle unsterblich?“ Herrje, ihre Rechtschreibung war fast so schlimm wie ihre Visage, vor allem wenn sie unausgeschlafen war.

Medusa seufzte. „Alterslos, ja, aber ich bin die einzige, die sterben kann. Nicht, dass irgendwer außer meinen Sistahs an mich rankäme.“ Sie grinste raubtierhaft, doch die Wirkung ging an ihm völlig verloren. Gerade hatte Diktys seine neuesten automatischen Instagram-Uploads kommentiert, und er musste lachen. Sein Ziehvater hatte echt den besten Humor.

Dann fiel ihm etwas ein. „Du bist die Sterbliche?“, fragte er, während er mit dem Daumen der linken Hand eine Antwort an Diktys tippte. „Dann musst du Medusa sein, richtig?“

„Allerdings. Und jetzt schau mich gefälligst an, du unhöflicher Schnösel!“

„Nein danke“, erwiderte Perseus und holte mit dem Schwert aus. Die Klinge fuhr durch das twitterbereit erhobene Smartphone, das sie in zwei symmetrische, aber nun völlig nutzlose Elektronikrechtecke zerteilte, traf dann den Hals der überraschten Gorgo und trennte ihren Kopf glatt von ihrem Körper.

Das Haupt rollte trotz der Schlangenhaare erstaunlich weit den Gang hinab, während der deutlich attraktivere Körper zusammensackte. Einige Augenblicke lang sprudelte Blut aus dem offenen Halsstumpf.

Vorsichtig stieg Perseus über die Leiche hinweg. Dann holte er den Sack hervor, den er mitgebracht hatte, und stülpte ihn rasch über den Gorgonenkopf, der – zum Glück mit dem Gesicht nach unten – auf dem Boden lag, bevor er ihn anschauen konnte. Jetzt musste er nur noch die Höhle verlassen und abhauen, bevor die anderen beiden erwachten… Aber eines konnte er sich doch nicht verkneifen. Wieder am Tageslicht, setzte er den Sack ab, zog den Kopf heraus und richtete die Kameralinse auf sich selbst und seine Trophäe.

„Suck this, Polydektes“, betitelte er das Bild, das er an den König von Seriphos schickte.

(14.08.2013, 1059 Wörter)

(inspiriert von Chris Bucholz, der mich hier auf die Idee brachte, Gorgonen und Smartphones zu kombinieren)

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6 Kommentare

  1. Ist das stark! Tolle, originelle Idee und dazu noch gut geschrieben. Und es hatte noch niemand hier drin geliked? Schande aber nochmal! Das hat die Geschichte nicht verdient. Du auch nicht.

    1. Vielen Dank für die Blumen! Ich muss zugeben, selber bin ich von der Umsetzung noch nicht ganz überzeugt… Aber es freut mich, dass die Geschichte dir gefällt!

  2. Ich habe die Medusa 2013 nun nochmals gelesen, mein Urteil nicht revidiert und wäre neugierig, weshalb du selbst von der Umsetzung nicht ganz überzeugt bist. Also, ich weiß natürlich nicht, ob du dir die Mühe machen willst, darauf einzugehen, aber mich würde es interessieren.

    1. Naja, ich bin mit dem Tempo nicht ganz zufrieden – das ständige Facebook-Checken etc. nimmt immer wieder den Schwung raus, sodass nach meinem Gefühl viel von der Spannung der Konfrontation zwischen Perseus und Medusa verloren geht. Da das aber natürlich für die Geschichte zentral ist, kann ich es auch nicht einfach wegkürzen…

      Aber natürlich freut es mich, dass dir die Geschichte trotzdem gefällt! Vielen Dank für deine lieben Worte.

      1. Danke für die Erläuterung! Schwung, okay … Wenn ich meine Meinung dazu äußern darf: Diese Social Media-Einheiten verlaaangsamen das Tempo ja nicht, sondern zergliedern sie nur und betten die eigentliche – physische – Konfrontation in dieses Informationsgewitter ein. Und das finde ich ganz folgerichtig. Vor dem Hintergrund dieser Medien wäre ein stärkeres Gewicht auf der physischen Konfrontation gerade die falsche Entscheidung, finde ich. So wie es jetzt ist, ist es schlicht konsequent. Na ja, meine Meinung. ;)

      2. Hm, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Vielen Dank! :-)

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