Ein Geheimnis

Der menschliche Körper ist ein fragiles Wunderwerk. Millionen von Zellen, die ein Ganzes bilden; Nerven, Adern, Muskeln, die zusammenarbeiten, um Leben zu ermöglichen. Tausende geheimnisvolle Prozesse, die ineinandergreifen, die ständig gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen.

So viel kann dabei schiefgehen. Ein bisschen zuviel von diesem Hormon, und man wird krank; ein bisschen zu wenig von jenem, und man stirbt. Ein Stück DNS wird bei der Zellteilung falsch repliziert – wumms, du hast Krebs. Ein Loch an der falschen Stelle, und wichtige Stoffe treten aus oder gefährliche ein. Dass die meisten Menschen einen ganz gewöhnlichen Tag überleben, grenzt an ein Wunder.

Und viele Menschen überleben noch mehr: Außergewöhnliche Härten, schreckliche Katastrophen, Unfälle, tödliche Krankheiten. Bei all seiner Fragilität ist der menschliche Körper auch erstaunlich widerstandsfähig. Warum das so ist, wissen selbst die besten Ärzte nicht. Sie forschen seit Jahrhunderten, und doch ist ihr eigener Körper noch immer voller Geheimnisse. Ein fruchtbares Feld für hunderte Karrieren in der Wissenschaft. Jede Krankheit, jede überraschende Gesundung führt zu höherer Erkenntnis oder tieferer Verwirrung. Wie viel könnte man über die Heilungskräfte des Körpers lernen, wenn man jeden Genesenden rund um die Uhr untersuchen könnte! Und wie viel mehr, wenn sie mich unter Beobachtung hätten, der ich schneller und besser gesunde als jeder andere Mensch.

Vielleicht bin ich auch kein Mensch; diesen Verdacht hatte ich schon öfter. Doch wie soll ich ihn beweisen? Meine Eltern sagen, sie hätten mich gezeugt und geboren, und ich wage nicht, ihr Wort anzuzweifeln – aus Respekt und aus Angst um die Sicherheit, die der Glaube an ihre Ehrlichkeit mir gibt. Also ziehe ich es vor zu glauben, ich sei ein Mensch, auch wenn einiges dagegen spricht.

Von Kindesbeinen an war ich nie krank – keine Masern, keine Windpocken, nicht einmal eine Erkältung schleppte ich heim, nicht einmal, als mir der Rotzlöffel aus dem Nachbarhaus ins Gesicht nieste. Natürlich schlug ich mir wie jedes andere Kind auch bisweilen die Knie blutig oder die Nase kaputt, aber wo andere tagelang ein Pflaster zur Schau trugen, war bei mir schon nach Stunden nichts mehr zu sehen. Ich sah schon bald davon ab, meinen Eltern von solchen Verletzungen Bericht zu erstatten. Sie erschraken jedes Mal, wenn ich den blutenden Körperteil zeigte, und erneut, wenn er nach viel zu kurzer Zeit wieder verheilt war.

Mit elf brach ich mir ein Bein. Ich war mit dem Nachbarsjungen (demselben Rotzlöffel, der mir seinen Schnupfen anzuhängen versucht hatte) auf einen Baum geklettert, höher, als irgendein Erwachsener erlaubt hätte, und da meine Wunderheilungen und meine allgemeine kindliche Dummheit mich furchtlos gemacht hatten, war ich zu waghalsig geworden und hatte nicht darauf geachtet, ob die Äste mich tragen konnten. Der letzte brach ab, und ich fiel in die Tiefe.

Der Beinbruch tat höllisch weh, mehr als jede andere Verletzung, die ich kannte, und natürlich schrie ich nach meiner Mama. Die kam auch sofort gelaufen und schrie erst recht, was uns denn einfiele und was für schreckliche Jungen wir waren und wie mein Bein aussähe, ob ich aufstehen könnte. Konnte ich nicht. Ob ich mit den Zehen wackeln könnte. Ich versuchte es, aber das tat erst recht weh. Daraus schloss sie messerscharf, dass es gebrochen war. Ich blickte auf mein Bein, wägte den Schmerz ab und glaubte ihr aufs Wort. Sie befahl mir, mich nicht zu bewegen, und rannte zurück ins Haus, um den Krankenwagen zu rufen.

In der Zwischenzeit war der Nachbarsjunge herabgestiegen und guckte mich doof an. Er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte, und vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, denn immerhin war es seine Idee gewesen, auf den Baum zu steigen (nicht, dass es viel gebraucht hatte, mich zu überreden). Ich hatte keine Lust, mich mit ihm auseinanderzusetzen, und schickte ihn grob weg. Er floh beinahe dankbar.

Als der Krankenwagen ankam – meine Mutter hatte sich gleich nach dem Anruf wieder zu mir gesetzt, um mich zu trösten – hatte der Schmerz schon etwas nachgelassen. Das verschwieg ich allerdings, schließlich hat man nicht alle Tage die Gelegenheit, in einem Krankenwagen zu fahren. Ich ließ mich wie ein rohes Ei auf eine Bahre betten und in den Wagen schieben, und dass Mama meine Hand nicht losließ, fand ich dann doch gut, das gebe ich zu.

Im Krankenhaus angekommen wurde ich erst einmal geröntgt. Die Ärzte waren überrascht festzustellen, dass der Knochen nur angebrochen war, und gratulierten mir zu meinem Glück. Ich nickte und überlegte, ob es möglich war, dass mein Schienbein durchaus durchgebrochen gewesen war und nur angefangen hatte zusammenzuwachsen. Meine Mutter sagte ebenfalls nichts, guckte aber erleichtert. Dann vergipsten sie mich und bestellten mich einen Monat später zur Kontrolle ein.

Am nächsten Tag in der Schule präsentierte ich das Gipsbein wie eine Trophäe. Alle durften drauf unterschreiben, und ich genoss ihre Besserungswünsche und die Aufmerksamkeit. Für einen Tag war ich der König.

Dann begann der Gips zu nerven. Mein Bein juckte, und es tat auch überhaupt nicht mehr weh – nicht einmal, wenn ich die Krücken beiseitestellte und es mit meinem ganzen Gewicht belastete. Das allerdings konnte ich nur heimlich machen, denn beim ersten solchen Versuch beobachtete mich ein Lehrer und hielt mir sogleich eine Standpauke, wie ich mit einem Knochenbruch umzugehen habe, dass ich die Heilung nicht beeinträchtigen dürfe und dass meine Mutter so einen gedankenlosen Sohn nicht verdient hätte.

Hätte er gewusst, dass sich mein Bein schon wieder anfühlte wie vor dem Sturz, hätte er wohl geschwiegen.

Immerhin: An der Reaktion meiner Mitmenschen erkannte ich so klar wie nie zuvor, dass meine rasche Heilung anormal war. Andere Leute brauchten einen Gips für einen Monat; mir hatte ein Tag gereicht. Doch was sollte ich mit diesem Wissen anfangen? Ich erzählte es meinen Eltern, die mir kein Wort glaubten. Der Gips blieb dran. Einen ganzen Monat lang.

Ich nahm es als Strafe für meine Weichheit. Als ich mir das nächste Mal etwas brach, erzählte ich keinem davon, nicht einmal meinen Eltern, nicht einmal den Freunden, die dabeiwaren, als ich mich mit dem Rad bei einem allzu tollkühnen Kunststück überschlug und unglücklich auf dem Ellbogen landete. Ich schob den gebrochenen Knochen zurecht, was mir noch einmal die Tränen in die Augen trieb vor Schmerz, und behauptete, es sei nur eine Prellung. Zwei Tage später war es das auch.

Von diesem Zeitpunkt an hatte ich ein Geheimnis.

(22.08.2013, 1040 Wörter)

Advertisements

ein Kommentar

  1. […] 592 Wörter. Der erste Teil ist hier zu […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: