Das Kaninchen

In meiner Wohnung lebte ein Kaninchen. Es hat wohl meinen Vormietern gehört, oder vielleicht auch schon deren Vorgängern – so im Nachhinein betrachtet, sind sie ziemlich plötzlich ausgezogen und haben auch nicht lange dort gewohnt, und das könnte mit dem Kaninchen zu tun haben.

Ich kann das total verstehen – ich würde auch wegziehen, wenn ich könnte. Aber ich habe nicht viel Geld, und eine so günstige Wohnung ist heutzutage echt schwer zu finden. Da müsste ich schon irgendwo in die Pampa ziehen, ins Plattenbaughetto oder irgendwohin, wo tagsüber der Bus alle halbe Stunde kommt und nachts gar nicht mehr. Und so verzweifelt bin ich dann auch wieder nicht. Noch nicht.

Anfangs habe ich das Kaninchen auch gar nicht bemerkt, sonst wäre ich wohl auch nie dort eingezogen. Die Wohnung ist, wie gesagt, günstig, mit super Verkehrsanbindung, nicht allzu groß, aber gut geschnitten und schön sonnig. Sie hat sogar einen Balkon, und vermutlich durfte das Kaninchen im Sommer auch dort drauf, jedenfalls hat es in dem Zimmer gewohnt, zu dem der Balkon gehört. Es muss sich sehr wohlgefühlt haben in dieser Wohnung.

Woher ich das weiß, wenn das Kaninchen doch gar nicht mehr dort lebt? Nun, meine Vormieter sind zwar ausgezogen, aber das Kaninchen wollte hierbleiben, ganz eindeutig. Und Kaninchen können erstaunlich stur sein. Besonders, wenn sie nichts mehr zu befürchten haben, weil sie sowieso schon tot sind.

Ich weiß nicht, woran das Kaninchen gestorben ist – ich war ja nicht dabei; als ich in die Wohnung zog, war es schon eine ganze Weile tot. Ich nehme an, es ist einfach an Altersschwäche gestorben, so wie die meisten Wohnungskaninchen. Ob seine Besitzer wohl traurig waren? Das Kaninchen jedenfalls hat sich davon nicht beirren lassen. Es ist natürlich immer noch ein Kaninchen, also ängstlich und nicht besonders schlau. Vermutlich hat es sich deshalb erst einmal versteckt, als ich eingezogen bin, und so habe ich es erst bemerkt, als es zu spät war.

Anfangs war es ganz leise. Ab und zu habe ich ein Rascheln gehört, aber das hätte auch der Wind sein können. Manchmal ein Kratzen, wie von Krallen auf Holzdielen. Zuerst dachte ich, dass es Mäuse wären. Ich stellte eine Falle auf, die ich täglich kontrollierte, und suchte alle Wände nach Löchern ab, aber da war nichts. Außerdem gehen Mäuse meistens früher oder später in die Küche, da gibt es schließlich das meiste zu holen. Das Kratzen und Rascheln hörte ich aber nur im Balkonzimmer, das ich zu meinem Wohnzimmer gemacht hatte.

Eines Abends saß ich auf dem Sofa und las, als ich das Rascheln und Kratzen wieder hörte – direkt unter mir, hinter der Couch. Ich sprang sofort auf, und für eine Weile hörte das Geräusch auf, aber dann ging es wieder los. Und dann begann es zu… Quieken? Fiepen? Wie nennt man dieses lustige Geräusch, das Kaninchen machen? Hupen? Jedenfalls erkannte ich es ganz eindeutig als Kaninchengeräusch. Als ich noch in einer WG wohnte, hatte meine Mitbewohnerin zwei Kaninchen, und die gaben genau solche Laute von sich.

Aber wie sollte ein Kaninchen in meine Wohnung gekommen sein? In den vierten Stock?

Jemand musste es vermissen, dachte ich. Ich sollte es einfangen und bei den Nachbarn fragen, wer ein Kaninchen suchte. Also schob ich das Sofa ein Stück nach vorne (die Geräusche verstummten sofort wieder) und schaute nach dem Kaninchen. Sehen konnte ich allerdings nichts. Ich wartete eine Weile, möglichst leise, um es nicht zu erschrecken, und tatsächlich, die Geräusche setzten wieder ein. Krallen kratzten über den Boden, direkt vor mir, aber ich sah nichts.

Vielleicht hat sich das Tier unter dem Sofa versteckt, und als ich es verschoben habe, ist es einfach mitgegangen, dachte ich. Am besten, ich lockte das Tier hervor. Ich holte eine Möhre aus der Küche – Kaninchen mochten schließich Möhren, oder nicht? – und legte sie neben das Sofa, ganz in die Nähe, aber doch so weit weg, dass das geheimnisvolle Tier herauskommen musste, um sie zu schnappen. Dann war ich ganz still und wartete.

Wieder das Kratzen von Krallen, ein Rascheln, ein Fiepen. Dann das Geräusch von Nagezähnen auf Möhre. Und tatsächlich, da waren Bissspuren auf dem Gemüse. Aber da war kein Kaninchen! Ich hörte es raspeln und nagen und schmatzen und zufrieden grunzen, aber ich sah es nicht! Alles, was ich sah, war die Möhre, die Stück für Stück kleiner wurde.

Das Kaninchen war ein Geist.

Nun, wenigstens musste ich jetzt nicht mehr rumlaufen und seinen Besitzer suchen – woher auch immer dieses Kaninchen kam, niemand würde es vermissen. Dennoch: Ich war eigentlich nicht darauf eingestellt, meine Wohnung mit einem Geist zu teilen, nicht einmal mit dem eines Haustiers. Ich hatte nie ein Haustier gewollt.

Das Kaninchen scherte sich nicht darum, was ich wollte. Es verzehrte die Karotte und saß dann eine ganze Weile zufrieden hupend hinter meinem Sofa. Nicht einmal als ich das Möbelstück zurück an die Wand schob, ließ es sich stören.

Ich muss zugeben, ich traute mich nicht, irgendjemandem davon zu erzählen. Wenn ich das von einer Freundin gehört hätte, würde ich sie schließlich auch für verrückt erklären. Doch es führt kein Weg dran vorbei: In meiner Wohnung lebte ein Kaninchen, und nicht einmal, als es tot war, wollte es weg. Es sitzt noch immer hinter meinem Sofa und quiekt vor sich hin.

Ich sitze nicht mehr gern allein in meinem Wohnzimmer.

 

(05.09.2013, 883 Wörter. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich natürlich ganz anders zugetragen hat…)

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4 Kommentare

  1. Hupen. Echt jetzt? Ich müsste wohl mal googeln, ob das nun von dir recherchierterweise tatsächlich so heißt, aber ich habe keine Lust, außerdem gefällt mir das Wort dafür. Um nicht zu sagen: ROFLMAO (rolling over the floor laughing my a** off). Aw. (How does the Kaninchen say? …*sing*)

    Ich weiß ja überhaaaaupt nicht, woher du die Inspiration für diese Geschichte genommen hast, und ich find sie super und auch echt originell. Geistergeschichten gibts ja viele, aber nicht so viele mit den Geistern von Haustieren, und noch weniger mit (und das gefällt mir besonders) einfach nur äh… sich wie ein normales Tier verhaltenden Haustieren. Kaninchen ist halt da und frisst Möhren, wenn man sie hinlegt. Vielleicht legt es auch noch unsichtbare Köttel. Aber man stellt es sich in jedem Fall pummelig und puschelig und unbedarft (und ein klein wenig dümmlich) vor sich hin mümmelnd vor. Wie Kaninchen das eben sind. Mit einem Paar großer, glänzender Knopfäuglein, die man natürlich nicht sieht, und Schlappohren. Nix mit glimmenden Glutaugen über geifertriefenden Raubtierzähnen von Bunny Mutantrabies II, dem Furchtbaren, der sich nachts auf deine brust setzt um dir das Blut auszusaugen. Das ist das wirklich Lustige. Man erwartet bei Geistergeschichten ja eigentlich sonstwas fürn Horror. Und dann ist es halt nur ein unsichtbares Haustier, das man nicht mehr loswird, eher nervig als grauenvoll. Dieser Umstand erweckt viel Sympathie für den geplagten Ich-Erzähler. Ob man dafür wohl Mietminderung beantragen kann…

    Wobei es schon auch ein bisschen furchterregend ist. Ich zumindest fühle mich irgendwie involviert. Und traue mich nun eventuell in gewisse Wohnungen nicht mehr hinein, weil ich Angst habe, dass der Geist eines gewissen Nagers dort noch sein pelziges, hupendes Unwesen treibt. Kann man über den eigentlich stolpern? Ich hoffe nicht. Wenn ich gewisse Leute das nächste Mal besuche, bringe ich vielleicht besser Möhren mit.

    1. Ich habe keine Ahnung, wie ein Kaninchenfachmann dieses Geräusch nennt XD

      Danke für den Kommentar! Es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat. Bisher bin ich über den Kaninchengeist noch nicht gestolpert, aber ich gehe auch nicht häufig hinter unserem Sofa entlang :-P Und wenn es köttelt, dann wenigstens geruchslos. Vielleicht ist das der eigentlich Vorteil gegenüber lebenden Kaninchen… ;-)

  2. Können Geisterkaninchen eigentlich die Wohnungsbewohner kratzen, wenn die ihm auf den Schwanz treten? Da muss man dann im WOhnzimmer ja ganz schön vorsichtig sein, um nicht plötzlich Kratzer zu bekommen…

    1. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Ghostbuster oder Exorzisten :-P

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