Wie Himmel und Erde zu Feinden wurden

Vor langer, langer Zeit, als die Welt noch jung war und der Himmel und die Erde noch leer, da bekam die Göttin Lust einen Spaziergang zu machen. Sie trat auf die Erde, doch die war rau und schroff und stieß ihren Fuß. Da wurde die Göttin zornig und stampfte auf, und ihre Ferse hinterließ eine tiefe Grube und die Zehen fünf kleinere. Die Erde erschrak über den Zorn der Göttin, und rasch brachte sie weiches Gras und Moose hervor, um ihren Fuß nicht mehr zu schmerzen, auf dass sie nicht noch einmal aufstampfe. Da war die Göttin wieder versöhnt und setzte ihren Spaziergang fort.

Eine Weile ging sie so dahin, und die Erde bemühte sich, ihren Weg so bequem wie möglich zu machen. Doch wie sie so über die nun grüne und weiche Erde ging, den leeren Himmel über sich, da wurde ihr langweilig, und sie blieb stehen und stampfte wieder auf, dass neue Gruben entstanden. Die Erde erschrak noch mehr und wich vor ihr zurück, sodass um sie ein Tal war und in der Ferne Gebirge. Da sah die Göttin, dass die Gebirge schön waren, und sie lachte vor Freude; und wo ihr Lachen von den Bergen widerhallte, da begannen sie zu leuchten von Metall und Edelsteinen.

Der Himmel sah, wie gut die Erde es verstand, der Göttin zu gefallen, und wurde eifersüchtig. Er konnte keine Berge auftürmen, und Gras und Moose wuchsen nicht in ihm. Er wurde wütend auf die Erde, sodass sich große Wolken in ihm zusammenballten, und beschloss, es der Erde heimzuzahlen. Mit Stürmen rüttelte er an ihren Gipfeln, schleuderte Blitze nach ihr und suchte das Gras mit Regen zu ertränken. Da wurde die Göttin auf ihn aufmerksam und blickte nach oben, doch was sie sah, gefiel ihr nicht, denn der Himmel war ganz dunkel geworden vor Zorn; sie aber liebte das Helle. Sie griff nach den Bergen und riss eine Handvoll leuchtender Steine und Metalle heraus. Die warf sie in den Himmel, um auch ihn zum Leuchten zu bringen, doch der Himmel war groß, und die Steine wurden in ihm zu winzigen, fernen Pünktchen, die nach Kräften funkelten und doch kein Licht verbreiten konnten.

Doch nun merkte der Himmel, dass die Göttin ihn ansah, und er spürte ihren Zorn. Da begann er zu strahlen und sich in leuchtendes Blau und Weiß zu kleiden, und wo die Göttin hinblickte, da strahlte er so sehr, dass es schien, als hinge ein Licht in ihm. Da war die Göttin auch mit ihm wieder versöhnt und setzte ihren Spaziergang wieder fort.

Eine Weile wanderte sie so über Berge und durch Täler, und wo sie ging, da schien die Sonne und war der Himmel hell. Doch wohin ihr Blick nicht fiel, da war der Himmel noch immer wütend, und sein Regen füllte die Spuren ihrer Zehen, und seine Blitze zertrümmerten Berggipfel, und er war finster und böse. Die Erde brachte Sträucher mit langen Wurzeln hervor, die sie festhalten sollten und vor den Blitzen schützen, und sie ließ Bäume wachsen mit breiten Kronen, um den Regen abzuhalten, doch gegen die Dunkelheit konnte sie nichts tun, und der Himmel bemühte sich nach Kräften, die Sträucher und Bäume herauszureißen.

Da wurde es der Erde zu viel, und sie rief die Göttin um Hilfe an. Als diese sich umdrehte und sah, was der Himmel getan hatte, da wurde sie traurig um die schöne Welt und weinte, und ihre Tränen füllten die Spuren ihrer Fersen mit salzigen Wasser. Da schämte sich der Himmel, und um sie zu trösten, hängte er sich ein Licht auch in seinen dunklen Teil. Doch das zweite Licht war schwächer, denn was man aus Scham tut, wird nicht so schön wie das, was man aus Freude tut, und die Göttin war getröstet, aber nicht versöhnt, und sie wusste, wenn sie wegsah, würden sich Himmel und Erde wieder streiten.

Da hatte sie genug von ihrem Spaziergang und verließ die Welt wieder. Bevor sie aber ging, schuf sie die Tiere und schickte sie in alle Winkel der Welt, und sie schuf einige, um das Licht zu lieben, und andere, die in der Dunkelheit leben konnten; fliegende Tiere, die den Himmel bevölkerten, und grabende Tiere, die sich tief in die Erde wühlten; damit immer jemand wach war, um Himmel und Erde zu beobachten. Und sie trug ihnen auf über Himmel und Erde zu wachen, und erst wenn sie sich nicht mehr stritten, wollte sie zurückkehren.

Der Himmel und die Erde wollten die Göttin gern zurückholen, und so bemühten sie sich immer wieder, ruhig und schön zu sein, doch sie waren auch eifersüchtig und nachtragend, und so wurde der Himmel immer wieder dunkel und zornig, und die Erde brachte Dornenbüsche hervor und schroffe Klippen, die in den Himmel stießen. Und so streiten sie sich bis heute, und deshalb verschwindet die Sonne jede Nacht, und es gibt Gewitter und Lawinen, und von Himmel und Erde drohen Gefahren; aber weil sich auch der Himmel die Göttin zurückwünscht, wird es jeden Tag aufs Neue hell, und weil die Erde sich nach ihr sehnt, bringt sie jedes Jahr reiche Frucht und schöne Blüten. Und eines Tages werden sich die beiden aussöhnen, und dann wird die Göttin zurückkehren, und die Welt wird Schönheit und Frieden sein.

(13.09.2013, 866 Wörter. Natürlich ist dieser Text von diversen Schöpfungsmythen verschiedener Völker inspiriert, aber er gehört keiner realen Religion an – deshalb auch die namenlose Göttin. Manchmal macht es mir Spaß, mir Mythen auszudenken. Wer sich damit ein bisschen beschäftigt hat, wird sicher das eine oder andere Element aus den „echten“ Mythen dieser Welt wiederfinden, aber das ist auch Absicht. Ich denke, Fantasy (und „künstliche“ Mythen sind letztendlich auch Fantasy) wird glaubwürdiger, wenn sie sich an der uns bekannten Welt orientiert, ohne sich an sie zu fesseln. Ob mir das hier gelungen ist, mag der geneigte Leser selbst entscheiden; zumindest hat es mir Spaß gemacht, diesen Mythos zu schreiben.)

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