Warum ich wählen werde, obwohl ich (noch) nicht weiß, wen

Von Wahl zu Wahl brauche ich länger, um mich zu entscheiden.

Ich weiß noch, wie ich das erste Mal in einer Bundestagswahl abstimmen durfte. Das war im Jahr 2002, ich war im Sommer gerade achtzehn geworden, und im Herbst war Bundestagswahl. Ich war stolz und voll staatsbürgerlichen Pflichtgefühls und, ja, auch ein bisschen aufgeregt. Zum ersten Mal würde meine Stimme ein bisschen (nur ein klitzekleines bisschen, aber immerhin) mitbestimmen, wer unser Land regierte. Natürlich hatte ich mich schon das ganze Jahr über ausgiebig über die Parteien informiert und wusste, noch bevor ich offiziell ins wahlberechtigte Alter kam, wen ich wählen würde. Am Wahltag selber ging ich mit stolzgeschwellter Brust in die Kabine und setzte mein Kreuz an die vorher ausgewählte Stelle.

Das nächste Mal an einer Bundestagswahl teilnehmen durfte ich 2005. Das kam ziemlich überraschend – ich war erst Ende August von einem Auslandsjahr zurückgekommen, in dem ich nur sporadisch Kontakt nach Hause hatte und so gut wie nichts über deutsche Politik hörte. Dass der Bundestag aufgelöst wurde, war dann sogar den südafrikanischen Nachrichten eine Zeile wert, aber viel über die Hintergründe erfuhr ich nicht. Da stand ich also, die Koffer in der Hand, zwischen zwei Lebensabschnitten, zwischen zwei Wohnungen, und sollte auf einmal wählen. Ungefähr einen Monat hatte ich, mich zu informieren und zu entscheiden. Ach ja, und eine Aufnahmeprüfung abzulegen, mich für ein Studium einzuschreiben und eine neue Wohnung in einer anderen Stadt zu finden.

Dann kam die Wahl 2009. Ich war älter, zynischer und hatte mehr Zeit gehabt als 2005, mir alles anzuschauen und eine Meinung zu bilden – und es war keine besonders gute Meinung. Klar, ein paar Parteien kann wohl jeder sofort für sich ausschließen – aber es waren genug übrig, die ich, nun ja, nicht unwählbar, aber jetzt auch nicht unbedingt begeisternd fand. Letzten Endes wählte ich dieselbe Partei, die ich in den Jahren davor gewählt hatte (und gab meine Erststimme einem aussichts-, weil parteilosen Direktkandidaten). Die Entscheidung traf ich irgendwann ein bis zwei Wochen vor dem Wahltag, als ich einfach keine Lust mehr hatte, mir den Kopf darüber zu zerbrechen.

Und jetzt ist Donnerstag, der 19.09.2013, und am 22. ist Wahl; und ich weiß noch immer nicht, wen ich wählen werde. Ich gehe alle möglichen Szenarien im Kopf durch. Wer würde besser regieren? Welche Koalition ist überhaupt möglich? Wen will ich um jeden Preis von der Macht fernhalten? Wie viel Einfluss habe ich überhaupt? Soll ich vielleicht eine Kleinpartei wählen, die sowieso nicht in den Bundestag kommt? Eine der großen, die sicher reinkommen? Eine von denen, die auf der Kippe stehen und den Einzug vielleicht genau meiner Stimme verdanken werden? Und wenn ich jemanden gewählt habe, dessen Versprechen mir halbwegs zusagen: Werden die dann auch tun, was sie jetzt anpreisen? Werden sie überhaupt die Möglichkeit haben, ihre Wahlversprechen zu halten, und wenn ja, wie viel davon verkaufen sie an den nächsten Lobbyisten, den Fraktionszwang, die Beschwichtigung eines gefühlten oder tatsächlichen Volkszorns? Ich habe noch keine Partei gefunden, deren Wahlprogramm mir zu hundert Prozent zusagt, und bisher hat es noch keine geschafft, alle Versprechen zu halten. Wer sagt mir, dass sie nicht genau das, was ich an ihnen doof finde, umsetzen, und das, wofür ich sie eigentlich gewählt habe, unter den Tisch fallen lassen?

Ich fürchte, ich werde noch am Sonntag in der Wahlkabine sitzen, ohne mir wirklich sicher zu sein. Jetzt jedenfalls erfüllt mich die Nähe des Wahltermins nicht mehr mit Stolz, sondern mit Nervosität. Bin ich als Teil des Volkes wirklich in der Lage, meine Macht verantwortungsvoll auszuüben?

Und dennoch: Ich werde wählen gehen, soviel weiß ich sicher. Nichtwählen kommt für mich nicht in Frage, und zwar aus einem simplen Grund: Wer nicht wählen geht, hat kein Recht, sich über das Ergebnis zu beschweren, und ich beschwere mich nun einmal gern.

Es mag ja gute Gründe fürs Nichtwählen geben – die Hauptgründe, die ich gehört habe, lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Es ist mir egal, was rauskommt; ich finde alle Parteien unwählbar; ich kann doch sowieso nicht beeinflussen, was in der Politik passiert; ich finde das ganze System der bundesrepublikanischen Demokratie schlecht und möchte nicht daran teilhaben.

Bis auf den ersten Grund finde ich keinen davon legitim, oder genauer, bis auf das erste kann der Nichtwähler durch das Nichtwählen nichts ausdrücken.

Wenn es mir egal wäre, was rauskommt – klar, dann brauche ich nicht hingehen. Dann habe ich aber auch kein Recht, mich hinterher darüber zu beschweren: Entweder es ist mir wurst, oder es stört mich. Beides zugleich ist ein Widerspruch.

Und wenn ich alle Parteien unwählbar fände? Wozu sollte ich dann zur Wahl gehen, und was sollte ich machen? Einen leeren Stimmzettel abgeben? Meine Antwort darauf ist ganz klar: Ja. Lieber ungültig wählen als gar nicht. Im Jahr 2009 haben 29,2% der Wahlberechtigten nicht gewählt*. Die Botschaft, die sie damit vermittelt haben – egal ob beabsichtigt oder nicht – war, dass es 29,2% der Wahlberechtigten völlig pups ist, was die Regierung macht. Die Regierung hat das auch brav als Aufforderung genommen, zu machen, was ihnen gerade einfiel, unbeeindruckt davon, was sinnvoll, angebracht oder auch nur vom Volk gewollt wäre. Wenn diese 29,2% stattdessen ins Wahllokal gegangen und auf ihre Wahlzettel „Ihr seid alle unwähbar“ geschrieben hätten, dann sendete das die Botschaft: 29,2% der Wahlberechtigten sind unzufrieden mit dem, was ihr da veranstaltet. Ich weiß nicht, wie viel das tatsächlich bewegt hätte, aber zumindest wäre die Botschaft angekommen. Nichtwählen sagt nichts außer „Macht doch, was ihr wollt.“ Na, dann dürft ihr euch nicht wundern, wenn sie das tun!

Aber was, wenn ich das Wählen aufgegeben habe, weil ich ja doch nichts beeinflussen kann? Dann muss ich eine Entscheidung treffen: Entweder das wurmt mich so sehr, dass ich selber in die Politik gehe und versuche, von den Stellen aus was zu bewegen, die an Hebeln sitzen. Dann kann ich immerhin mich selbst wählen – und wenn ich nicht mal mir selber vertrauen kann, dann habe ich noch ganz andere Probleme. Oder es wurmt mich nur ein bisschen; dann sollte ich trotzdem wählen gehen, und zwar die Partei, der ich am ehesten zutraue, etwas in meine Richtung anstoßen zu wollen, und sei es nur ein bisschen. Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt, aber wenn nicht mal der gemacht wird, ist klar, dass es beim Stillstand bleibt. Oder ich gehe in mich und stelle fest, dass mich das eigentlich gar nicht so sehr wurmt – vielleicht mag ich es, von der Verantwortung entbunden zu sein, die ich habe, wenn alle Macht von mir (als Teil des Volkes) ausgeht, oder ich fühle mich wohl in einer Welt, in der alles von geheimen Mächten gerichtet wird, eine Welt, in der ich mich treiben lassen kann und mich nicht anstrengen muss, denn ich kann ja doch nichts ausrichten. Von mir aus. Dann sollte ich aber die Klappe halten und mich ganz heimlich, still und leise zu den Nichtwählern der ersten Gruppe gesellen. Wenn ich an meinen eigenen Einfluss nicht glaube, weil ich ihn gar nicht haben will, dann darf ich mich nicht beschweren, wenn die, die ihn sehr wohl wollen, damit machen, was ihnen passt.

Aber das ganze System ist doch scheiße!, könnte ich sagen, die Demokratie ist korrupt, oder überhaupt eine schlechte Idee, und das einzige, was hilft, ist, alles einzureißen und neu anzufangen.

Ist dem so? Glaube ich das wirklich? Und wenn ja, glaube ich, dass Nichtwählen der richtige Weg ist, das System zu zerstören, um Platz für Neues zu machen?

Wirklich?

Ich weiß von keiner Regierung, ob demokratisch oder nicht, die wegen mangelnder Wahlbeteiligung aufgegeben hätte. Die Weimarer Republik ist nicht an den Nichtwählern zugrundegegangen. Und die wirklich korrupten Regimes dieser Welt füllen im Notfall die Wahlurnen mit ihren eigenen Zetteln (nicht, dass ich das der BRD unterstellen will). Wer eine echte Systemänderung will, der muss sich entweder wählen lassen und im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten eines gewählten Volksvertreters an dern Änderung von innen arbeiten (oder eben jemanden wählen, der das verspricht), oder in den Untergrund gehen und von außern an der Systemänderung arbeiten. Ich persönlich halte nicht viel davon – Extremisten jeder Couleur sind mir suspekt, und im Großen und Ganzen finde ich die repräsentative Demokratie und das System der Bundesrepublik Deutschland gar nicht so schlecht. Im Detail verbesserungswürdig, das schon – wir leben bei Weitem nicht im Paradies, oder auch nur im besten aller möglichen Länder. Das Grundgerüst finde ich aber ziemlich gut, und was ich geändert sehen möchte, lässt sich alles im Rahmen des Grundgesetzes machen. Aber wenn es jemanden gibt, der damit wirklich nicht leben möchte, dann ist es ehrlicher, auszuwandern oder radikal zu werden, als Nichtwähler zu sein und am Stammtisch über die Lage der Nation zu jammern.

Ich verstehe die Jammerer ja. Ich jammere auch gern, und habe ich schon erwähnt, dass ich mit der Gesamtsituation im Allgemeinen und der deutschen Politik im Besonderen gerade nicht besonders glücklich bin? Aber Jammern ist ein Privileg, das man sich verdienen muss. Hast du versucht, was zu ändern? Warst du wählen und gehst am Sonntag wieder? Und dann kommt nicht raus, was du möchtest? Blöd, ja, aber du hast nun das Recht darüber zu jammern. Wer nicht wählen geht, darf sich auch nicht beschweren, wenn nicht das passiert, was er oder sie wollte. Ihr wurdet gefragt. Ihr werdet am Sonntag wieder gefragt. Wenn ihr euch weigert zu antworten, seid ihr selber schuld.

Darum also werde ich wählen gehen, obwohl ich (noch) nicht weiß, wen: Weil ich gerne jammere und mir auch dieses Jahr das Recht dazu verdienen möchte.

Und natürlich weil ich, tief in mir drin, immer noch hoffe, dass meine Stimme was bewirkt. Vielleicht wähle ich diesmal die Richtigen, und genügend andere auch, und alles wird besser? Immerhin muss ich in der Rückschau zugeben, dass wir ganz schön weit gekommen sind. Den Rest schaffen wir auch noch, Leute. Wenn wir alle mitmachen. Wenn wir nicht aufgeben. Wenn es uns nicht egal ist. Lasst uns wählen gehen am Sonntag. Und lasst uns am Montag damit weitermachen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Da, wo wir sind. Da, wo wir was bewirken können. Das können wir nämlich. Die Welt ist mehr als Politik.

*Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Bundestagswahl_2009, abgerufen am 19.09.2013, 21:40 h

(19.09.2013, 1685 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Brigitte · · Antwort

    Ich bin ja vielleicht befangen (du weißt schon warum), aber mir gefällts. Hoffentlich haben es viele gelesen. oder lesen es vor der nächsten Wahl.

    1. Bisher habe ich noch nicht so viel Reichweite… Aber das kann ja noch werden bis zur nächsten Wahl, und dann verlinke ich den Beitrag nochmal ;-)

      Danke für das Lob!

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