Das Ende aller Kriege

Der Mann schiebt den Vorhang zur Seite und tritt auf den Balkon. Unter ihm erstreckt sich sein Reich, alles, was er erobert hat, alles, was ihm gehört. Es ist ein großes Land, von Küste zu Küste ist alles sein. Ein schönes Land, voll sanfter Hügel, fruchtbarer Landstriche, von malerischen Bächen und stolzen Flüssen durchzogen. In der Mitte erheben sich die Berge, schroff, felsig, unnachgiebig. Hier hat sich der Widerstand am längsten gehalten. Die Bewohner des Gebirges kennen ihr Land, seine Stärken, seine verborgenen Winkel, und sie haben den Eroberungszug aufgehalten und in einen langen, zähen Guerillakrieg gezwungen.

Doch der Heerführer ist zäh. Er lässt sich nicht entmutigen, doch als Division um Division seines mächtigen Heeres in den Bergen aufgerieben wird, steht er vor einer Entscheidung. Was soll er tun? Aufgeben, das Gebirge seinen Bewohnern überlassen? Ein Loch in seinem Reich, einen Fleck auf seiner Landkarte zulassen? Das kommt für ihn nicht in Frage. Doch immer neue Soldaten zu schicken bringt offenstichtlich nichts. Zu viele sind schon gestorben, und er hat zwar alle Städte einnehmen können, doch seitdem ist er keinen Zentimeter vorwärts gekommen. Sobald seine Soldaten die Berge betreten, sterben sie, von Lawinen zermalmt, aus dem Hinterhalt erschossen, in die Irre geführt und erfroren, in Schluchten gestürzt. Er muss einen dritten Weg finden, einen, mit dem die Gebirgsbewohner nicht rechnen. Er sucht Rat bei einem Magier.

Der Magier ist mächtig, gefürchtet. Auch er wohnt in den Bergen, in einem Schloss auf dem höchsten Gipfel, von dem aus ihm das Land zu Füßen liegt. Selbst die unerschrockensten Helden des Gebirges meiden seinen Berg. Der Eroberer hat keine Angst. Er hat einen Plan.

Auf dem Weg zum Berg des Magiers verliert er fast seine gesamte Leibgarde an die Guerilleros. Sie wissen, wer er ist, wissen, dass sein Tod das Ende der Eroberung sein wird. Sie setzen alles daran, ihn zu töten. Er entkommt.

Nur zwei Mann seiner Leibgarde sind noch bei ihm, als er das Gebiet des Magiers betritt. Niemand folgt ihm; darauf verlässt er sich. Er heißt seine Wächter die Schwerter ablegen, legt selber seines auf einen Felsen, deutlich sichtbar vom Schloss des Magiers aus. Er ist sicher, beobachtet zu werden, und er möchte dem Magier zeigen, dass er in Frieden kommt. Der Magier ist zu mächtig, als dass er ihn auch noch als Feind haben wollte. Nicht, bevor die Gebirgsleute besiegt sind.

Zu dritt und ohne Waffen wandern sie durch das Land des Magiers. Auch er hat schon von dem Eroberer gehört, doch er fühlt sich sicher in seiner Macht, und er ist neugierig auf diesen Mann, der sich die Welt unterwerfen will. Also lässt er sie in sein Schloss, empfängt sie; hört sich an, was sie zu sagen haben.

Der Vorschlag ist simpel. Der Magier beseitigt jeden Widerstand im Gebirge; der Eroberer wird ihn nicht angreifen. Das Land, das ihm jetzt gehört, wird ihm weiterhin gehören.

Der Magier ist amüsiert, aber nicht beeindruckt. Das Land gehört ihm schon. Was will ihm der Eroberer bieten, das er nicht schon hat? Damit er auch nur einen Finger rührt, muss der Preis schon stimmen.

Der Eroberer nickt. Er hat sich das gedacht, aber es wäre dumm, den billigeren Handel nicht wenigstens zu versuchen. Er bietet ein neues Geschäft. Der Magier soll verstehen, worum es ihm geht. Er will den Krieg beenden. Ob dem Magier das Gemetzel nicht auch zum Halse heraushängt? Der Eroberer will nur das höchste aller Ziele, den Weltfrieden, und er glaubt, ihn nur zu erreichen, wenn er all die vielen vereinzelten Fürstentümer zusammenführt. Unter seiner starken Hand gäbe es keine Grenzen mehr und damit auch keine Konflikte. Das Ende aller Kriege.

Der Magier ist beeindruckt. Ein hehrer Plan. Aber hat der Eroberer auch schon darüber nachgedacht, Ähnliches mit Friedensverträgen zu erreichen? Der winkt ab. Verträge werden gebrochen. Er sucht eine endgültige Lösung. Der Magier fragt nicht, ob er vorhat, den Vertrag mit ihm ebenfalls zu brechen.

Jetzt bietet er einen Handel: Er wird das Gebirge von Widerständlern befreien und dem Eroberer überlassen. Mehr noch, er wird ihm einen mächtigen Zauber geben, der ihm Kriegsglück bringt. Wenn er einschlägt, wird der Eroberer keinen Kampf mehr verlieren. Der ganze Kontinent wird sein werden. Als Lohn dafür will der Zauberer nicht mehr als das Land, das er nicht mehr braucht, und die Garantie, dass dieser Krieg der letzte ist. Sobald der letzte Widerstand auf dem Kontinent gefallen ist, muss auch das Heer des Eroberers fallen. Ein Ende aller Kriege. Ein Ende des Tötens und der Gewalt.

Der Eroberer lächelt. Dieser Handel ist noch besser als sein eigener Vorschlag. Natürlich hat er nicht vor, sein Heer aufzugeben, aber irgendeinen Widerstand wird er schon noch finden, um seine Existenz zu rechtfertigen. Er schlägt ein.

Der Magier lädt ihn ein, den Zauber an Ort und Stelle abzuwarten. Er weiß, dass der Eroberer nicht zurück kann, bevor er das Gebirge gesichert hat. Die zwei letzten seiner Leibwächter können ihn nicht beschützen, solange die Einwohner ihm feindlich sind. Er hat viel riskiert auf dem Weg hierher. Nun soll er den Lohn sogleich erhalten. Der Magier schenkt ihm noch zu trinken ein, dann zieht er sich zurück.

Der Eroberer ist neugierig. Er verlässt seinen Platz, geht an ein Fenster, sieht hinaus. Der Ausblick ist atemberaubend. Er ist im untersten Stock des Schlosses, und doch sieht er meilenweit über die Gipfel. Er sieht einzelne Lager der Aufständischen, er sieht die Stadt, die er zuletzt erobert hat, und die Bürger, die sich der Besatzung beugen. Bald werden sie ihn anerkennen müssen, bald würden sie nicht mehr mit den Zähnen knirschen, wenn sie seine Soldaten sahen, und abwarten, bis ihre Brüder im Gebirge die Fremden vertrieben. Der Eroberer lächelt. Er ist gekommen, um zu bleiben.

Jetzt tut sich etwas. Es wird kalt, auf eine fremdartige, nichtkörperliche Art. Selbst er, der harte, der unerschütterliche, beginnt zu zittern. Er hält sich am Fensterrahmen fest, um seine Schwäche zu verbergen. Dann steigt eine schwarze Wolke aus dem Schloss hervor, fließt die Hänge hinab, erstickt das Gebirge unter ihrer nachtdunklen Decke. Sie breitet sich in alle Richtungen aus, hüllt alles ein, und erst nachdem sie schon Meilen unter sich begraben hat, beginnt sie in der Mitte, unter den Füßen des Eroberers, einzureißen und den Blick wieder freizugeben. Wo sie über das Gebirge hinweggerollt ist, liegen die Aufständischen reglos. Sie sind alle tot.

Der Eroberer triumphiert. So einfach, so schnell geht das! Schon ist das Gebirge, so weit er es sehen kann, von der Wolke gereinigt. Er lässt den Fenterrahmen los, will dem Magier gratulieren, da sieht er, dass die Wolke nicht innehält. Auch über seine Stadt rollt sie hinweg, entseelt Bewohner und Soldaten unterschiedslos, zieht weiter, ins Hügelland, in Richtung der Küstenebenen. Der Eroberer dreht sich um, befiehlt seine Leibwachen zu sich. Der Magier hat sie verraten. Sie stürmen nach oben.

Der Magier erwartet sie im obersten Zimmer des Schlosses. Hinter ihm verdeckt ein leichter Vorhang einen Balkon. Von dort aus muss man den ganzen Kontinent sehen können, doch der Eroberer ist nicht gekommen, um die Aussicht zu genießen. Er stellt den Magier zur Rede.

Der ist sichtlich erschöpft. Es ist ein großer Zauber, den er gewirkt hat. Nun, er wird noch einen wirken müssen. Der Heerführer will sein Heer zurück.

Der Magier winkt ab. Er hat bekommen, was er wollte. Schon bald wird die Wolke den gesamten Kontinent von allem Widerstand befreit haben, und dann, so die Abmachung, braucht der Eroberer sein Heer sowieso nicht mehr. Und die beiden Wächter, die ihn in festem Griff halten? Der Magier lächelt, macht eine Handbewegung, und auch sie sinken leblos zu Boden.

„Du hast gesiegt, Eroberer. Niemand ist mehr im Land, der dir Widerstand leisten könnte. Der Krieg ist zu Ende; alles ist dein. Nun sag mir, welchen Teil brauchst du nicht? Den musst du mir geben, so haben wir es vereinbart.“

Der Eroberer schiebt den Vorhang zur Seite und tritt auf den Balkon. Unter ihm erstreckt sich sein Reich, alles, was er erobert hat, alles, was ihm gehört. Es ist ein großes Land, von Küste zu Küste ist alles sein. Ein schönes Land, voll sanfter Hügel, fruchtbarer Landstriche, von malerischen Bächen und stolzen Flüssen durchzogen. In der Mitte erheben sich die Berge, schroff, felsig, unnachgiebig. Ein Land voller Reichtum und Schönheit. Ein Land ohne Menschen. Er senkt den Kopf.

„Alles“, gibt er zu. „Alles ist dein, Magier. Ich kann es nicht mehr gebrauchen.“

(03.10.2013, 1389 Wörter)

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