Das Baumbeet

Berlin ist eine grüne Stadt. Nicht nur, dass der Tiergarten in seiner Mitte eine Fläche von über 200 Hektar umfasst und Parks verschiedenster Größen seine Bezirke zieren; die meisten großen Straßen sind auch von Bäumen gesäumt, die das Grün auch in den hintersten Winkel tragen.

Am Fuß dieser Bäume sieht es dafür allzu oft grau aus. Trockene Erde, getüpfelt mit Hundehaufen und alten Kippen, sandig, schrundig, hässlich und lebensfeindlich. Oft kann hier nicht einmal Unkraut wuchern. Dadurch sieht Berlin von oben wunderschön aus; von unten dagegen, aus Sicht der Passanten, mag man manchmal kaum glauben, dass es mehr als vier Pflanzen- (Eiche, Kastanie, Ahorn, Rasen) beziehungsweise Tierarten (aggressive Spatzen, nachtaktive Füchse, kackende Hunde und Kastanien zerstörende Miniermotten) in Berlin gibt. Über 20.000? Nicht auf Fußhöhe, so scheint es.

Um diesem (völlig falschen!) Eindruck zu mindern, hat sich das Quartiersmanagement in vielen Bezirken etwas hübsches ausgedacht: das Baumbeet. Eine kleine Einfassung, ein paar Säcke fruchtbare Erde, ein paar Samen und kontinuierliche Pflege durch eifrige Ehrenamtler oder schönheitsliebende Anwohner, und schon steht dem Augenschmaus knapp unter Augenhöhe nichts mehr im Weg (außer die oben erwähnten Hundehaufen und Kippen). Auch in Neukölln ist man kreativ, und so erblüht es um viele der Bäume, die die Sonnenallee und ihre Seitenstraßen säumen, in allen Farben des Regenbogens. Ein Restaurant hat Stiefmütterchen gepflanzt, die es mit einem Drahtnetz vor Hunden schützt; eine kleine Galerie hat Blumen und Kräuter mit selbstgemalten Schildern ausgezeichnet und den Zaun um das Baumbeet in eine Sitzbank verwandelt; ein Spätkauf und ein Copyshop liefern sich einen Wettbewerb um die größten Sonnenblumen.

Das schönste Baumbeet aber hat ein kleiner Laden in der Nähe des Hermannplatzes. Das Geschäft verkauft Möbel aus zweiter Hand, Restposten und allerlei Kleinkram und Kitsch für wenig Geld. Jeder Zentimeter des Innenraums ist mit Regalen vollgestellt, und der Ladeninhalt quillt dennoch auf den Gehweg, wo der Inhaber auf einem seiner Gebrauchtstühle sitzt und auf Kunden wartet, während er sich mit vorbeikommenden Bekannten unterhält. Jeden Morgen räumt er seine Auslage nach draußen, damit man den Laden betreten kann; jeden Abend schafft er alles wieder hinein. Dazwischen kümmert er sich um sein Baumbeet.

Es ist mit Steinen eingefasst, und darüber hat er einen bunt gestrichenen Holzzaun gebaut. Die Erde ist dunkel, schwer und fruchtbar, und die Tomatenpflanzen darin gedeihen prächtig (auch wenn sie vermutlich ein gewisses Straßenaroma in ihren Früchten sammeln). Sein Stolz aber sind die Blumen dazwischen: Leuchtendrote Tulpen wetteifern mit Gerbera, Hyazinten und Narzissen blühen zu jeder Jahreszeit, und auch exotischere Blumen, deren Namen ich nicht kenne, schmücken das Beet mit dicken Blüten.

Im Herbst und Winter dann verwandeln sich die meisten Baumbeete wieder in braune oder graue Flächen, die manchmal, aber nicht immer und nie rechtzeitig, ein gnädiger Schneefall unter Glitzerweiß verbirgt. Im Winter sind Berlins Straßen grau, und man ist dankbar für jeden Farbtupfer eines bunt gestrichenen Baumbeetzaunes.

Nur das Baumbeet des kleinen Ladens in der Sonnenallee trotzt der Jahreszeit. Die Tomaten sind welk und braun, sie werden die Kälte nicht überstehen – die Blumen aber, deren Farbenpracht den Händler in sein südliches Heimatland zurückversetzt, sie bleiben standhaft in Nebel und Schnee. Denn der Händler, der das überwältigende Grau deutscher Winter kennt, hat vorgesorgt.

Sein Sommer ist aus Plastik, und er wird nie verwelken.

(09.10.2013, 536 Wörter)

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