Herbstgeruch

Miri hängte das letzte T-Shirt auf den Ständer und räumte den Wäschekorb weg. Das wäre geschafft. Als sie in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, rümpfte sie die Nase. Jetzt roch der ganze Raum nach nasser Wäsche – nicht gerade ein Duft von Gemütlichkeit.

Sie beschloss, erst einmal einkaufen zu gehen. Bis sie zurück war, wäre der Geruch vielleicht schon verflogen. Sie stellte die Balkontür auf Kippe, damit frische Luft hereinkam, und nahm den Einkaufszettel vom Kühlschrank, wo sie imer notierte, was nachzukaufen war. Puh, der Biomüll musste auch mal wieder runter. Sie nahm die Mülltüte und eine Einkaufstasche und zog Mantel und Schuhe an.

Schon in der Tür des Müllraums schlug ihr der Gestank entgegen. Ein Glück, dass morgen wieder die Müllabfuhr kam! Sie öffnete die Biotonne mit spitzen Fingern. Ein Schwall Fliegen und Verwesung kam ihr entgegen. Angeekelt drehte sie sich weg, während sie ihren Müllbeutel hineinleerte. So schnell wie möglich floh sie wieder ins Freie.

Auf der Straße angekommen, atmete sie erst einmal tief durch. Es war Herbst, das roch sie deutlich. Nasses Laub, ein schwerer, erdiger Geruch, feuchte Erde, klamme, nebelgetränkte Luft, die kühl in alle Kleideröffnungen drang. Dennoch tausendmal besser als tagealter Biomüll. Miri lächelte trotz dem grauen Himmel und setzte sich in Bewegung. Der Supermarkt war nicht weit von ihrem Haus entfernt, sodass sie nicht lang durch die Kälte laufen musste, und ein bisschen frische Luft tat ihr ganz gut.

Auch wenn die nicht überall so frisch duftete. Woher kam dieser stechende, scharfe Geruch? Da musste wohl eines von den parkenden Autos Öl verlieren. Sie warf einen Blick auf den Asphalt darunter, konnte aber nirgendwo eine verräterische Regenbogenspur entdecken. Sie zuckte mit den Achseln. Musste der Besitzer es eben selber herausfinden.

Sie hielt sowieso nicht viel von Autos. In der Stadt fand sie sie unnötig, und bessere Luft machten sie auch nicht gerade – Miri war sicher, dass sie die Abgase nur deshalb nicht roch, weil sie schon ihr ganzes Leben daran gewöhnt war.

Jetzt kam sie an der Eckkneipe vorbei, und in genau diesem Augenblick öffnete jemand die Tür und brachte einen Schwall abgestanden Zigarettenrauchs mit sich heraus. Miri versuchte vergeblich, die Luft anzuhalten, bevor der Geruch sie mit voller Wucht traf. Sie beschleunigte ihre Schritte. Bloß weg hier!

Kurz darauf hatte sie auch schon den Supermarkt erreicht. Drinnen war es so warm, dass sie ihren Mantel öffnete. Auch die anderen Kunden mussten bei dem Temperaturwechsel schwitzen; wenn sie in den engen Gängen an einem vorbeikam, stach ihr unverkennbares Schweißaroma in die Nase. Sie zog den Einkaufszettel heraus und begann ihn abzuarbeiten. Puh, wer hatte denn einen Hund mitgebracht? Sie konnte das Tier nicht sehen, aber deutlich riechen, dass er vor Kurzem in den Regen geraten sein musste. Miri rümpfte die Nase. Nicht gerade appetitlich. Nicht einmal die Obst- und Gemüseabteilung konnte sie heute aufheitern – es war schon spät am Tag und nur noch wenig Ware da, und was in den Regalen lag, roch nach kaum mehr als trockener Erde, wenn überhaupt.

Seufzend packte Miri sich den Einkaufskorb voll und ging zur Kasse. Die Schlange war nicht allzu lang, immerhin etwas. Dafür war im benachbarten Gang ganz offenbar ein Glas mit Essiggurken zu Bruch gegangen. Ein Angestellter eilte mit Putzeimer und Wischmopp an ihr vorbei. Hoffentlich würde es ihm gelingen, das saure Zeug schnell wegzuwischen, Miri war schon nicht mehr ganz wohl. Oje, das künstliche Zitronenaroma des Putzmittels half nicht gerade – die Mischung war nahezu unerträglich. Miri atmete flach und wünschte inständig die Schlange schneller.

Endlich war sie weit genug vorne, um ihre Waren aufs Band zu legen, und hier war auch der Geruch nach Essig und Putzmittel schwächer. Ihr Blick fiel auf einen Korb mit Sonderangeboten. Hmm, Kräutertee? Ja, das war genau das Richtige. Sie lächelte. Zuhause würde sie gleich eine große Kanne aufsetzen, und dann wäre das einzige, was sie noch röche, der kötliche Duft von frischem Tee.

(18.10.2013, 646 Wörter. Tja, wieder ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen, besonders zusammen mit dem Herbstgedicht… Aber besser zu viel als zu wenig – zumindest bei Literatur.)

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