Frieda

Frieda ist mein Gummibaum. Wir wohnen schon sehr lange zusammen und haben einiges erlebt. Freunde kommen und gehen, Wohnungen, Städte, Berufe wechseln, aber Frieda war immer bei mir, seit jenem Donnerstag im Herbst, an dem ich achtzehn wurde und – neben einer Menge Schnaps, einem Schokoladenauto und einem Stripper (der eigentlich der Bruder meiner besten Freundin war und mit dem ich dann sogar, wie von ihm erhofft, ein paar Monate zusammen war) – einen Gummibaum zum Geburtstag bekam. Ich bin nicht ganz sicher, warum Tante Friederike glaubte, dass ein Gummibaum das richtige Geschenk zum Achtzehnten ist, aber ich freute mich trotzdem darüber und taufte das Gewächst ihr zu Ehren Frieda, und ich muss sagen, diese Beziehung hat deutlich länger gehalten als die mit Jens (dem Stripper).

Frieda hat auch mein erstes Auto überlebt, das ich mir nach dem Abitur leistete – ein gebrauchter Fiat Cinquecento in Magenta. Der hielt immerhin bis kurz vor Ende meines Studiums, aber natürlich nicht lange genug, dass ich mit ihm zu meinen ersten Vorstellungsgesprächen hätte fahren können. Wann immer ich eine Absage bekam, schob ich es auf mein fehlendes Auto und klagte Frieda mein Leid, und sie hörte zu, sagte nichts und wuchs still vor sich hin. Irgendwann bekam ich dann eine Stelle, und Frieda war die erste, die davon hörte. Ich gönnte mir zur Feier des Tages einen Piccolo und ihr eine Entstaubung mit der Sprühflasche. Dann rief ich meine damalige beste Freundin, meine Mutter, meinen Bruder und meinen derzeitigen Freund an, in dieser Reihenfolge.

Die Beziehung endete wenig später, was niemanden wirklich überraschte. Den Job behielt ich, und Frieda natürlich auch.

Als ich einige Jahre später dann für einen neuen Job in eine andere Stadt zog, verlor ich auch die Freundin aus den Augen. Frieda kam mit. Ebenso, als ich dort zu meinem neuen Freund zog, und als ich wieder auszog genauso. Als wir dann doch wieder zusammenkamen und schließlich heirateten, durfte sie neben dem Geschenketisch stehen – inzwischen war sie schon größer als meine fünfjährige Nichte.

Einige Zeit später hatten wir unser erstes eigenes Kind. Als Jonne krabbeln lernte, war ihr liebstes Ziel Frieda, deren Blätter wohl allzu appetitlich glänzten. Natürlich war das für keinen von beiden gut, also wanderte Frieda für ein paar Jahre wieder auf den Tisch, bis Jonne alt genug war, sie in Ruhe zu lassen.

Der Frieden hielt nicht lang. Ich zerstritt mich doch wieder mit Jonnes Vater, endgültig diesmal, und weil der Mietvertrag auf seinen Namen lief, stand ich samt Frieda und Jonne bald darauf auf der Straße. Wir zogen einige Wochen von Freundin zu Freundin, aber so viele Leute kenne ich leider auch wieder nicht, die spontan Platz für eine Erwachsene, ein Kind und einen mittlerweile eineinhalb Meter großen Gummibaum haben. Meine Familie hätte mich mit offenen Armen aufgenommen, aber dann hätte ich meine Arbeitsstelle aufgeben müssen, und mitten in der Wirtschaftskrise war mir das zu riskant. Also biss ich mich durch, suchte nach Feierabend nach einer neuen Wohnung und wurde endlich fündig. Gerade rechtzeitig bevor Jonne in die Schule kam, bezogen wir zwei Zimmer in einem Haus, das wir uns mit vier anderen Familien in einer Art Riesen-WG teilten.

Diesen Herbst werde ich achtunddreißig. Jonne wird sieben. Frieda zwanzig. Natürlich haben wir nicht alle gleichzeitig Geburtstag, Frieda gab es ja schon, bevor ich sie bekam, und Jonnes Geburtstag liegt fast drei Wochen nach meinem (ich weiß noch, wie ich hochschwanger feierte und alle mit Saft oder Limo auf mich anstießen, weil keiner in Gegenwart einer Schwangeren Alkohol trinken wollte – als hätte ich ihnen das übelgenommen!). Trotzdem werde ich dieses Jahr uns alle drei feiern, richtig groß. Die anderen Hausbewohner machen natürlich mit. Die Kinder sind Feuer und Flamme und basteln schon seit Wochen an der Deko. Jonne darf alle ihre Freunde und Freundinnen einladen. Wir feiern im Erdgeschoss, wo es einen riesigen Gemeinschaftsraum gibt; da haben ihre und meine Freunde alle Platz.

Und in der Mitte wird Frieda stehen, geschmückt wie ein Weihnachtsbaum. Ich habe auch schon ein Geschenk für sie – sie bekommt mal wieder einen größeren Topf. Und Jonne? Jonne bekommt dieses Jahr ihre erste eigene Zimmerpflanze.

Ich bin gespannt, wie sie sie nennen wird.

(24.10.2013, 693 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Ich seh ihn richtig vor mir, wie der Gummibaum geschmückt im Wohnzimmer einer Riesen-WG steht und eine Horde Alleinerziehender mit ihren Kindern drumherum sitzt.

  2. Ich frage mich eben, was mit dem Gummibaum meiner Kindheit eigentlich passiert ist, der damals (mit einen bisschen „Stützen“) über die halbe Zimmerdecke gekrabbelt ist.

    1. Vielleicht hätte er inzwischen auch eine Geschichte zu erzählen…?

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