Müde

Ich bin so müde, so schrecklich müde, und doch kann ich nicht schlafen. Ich weiß nicht mehr, wie lange das schon so geht; irgendwo in diesem Nebel aus erzwungenem Wachsein und alles verdrängender Müdigkeit habe ich mein Zeitgefühl verloren und es seitdem nicht wieder gefunden.

Ich erinnere mich noch daran, wie es war, ausgeschlafen zu sein – so wie man sich an Kindergeburtstage erinnert oder an die Sommerferien, bevor man in die Schule kam. Man glaubt, alles noch genau zu wissen, jedes Gefühl zu kennen und jeden Augenblick genossen zu haben, aber wenn man versucht, eine Einzelheit, ein Detail wieder wachzurufen, merkt man, wie verschwommen alles ist. Es war schön, sagt man sich, aber wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dann muss man zugeben, dass man nicht weiß, wie schön es wirklich war. Und man weiß, dass man die Erinnerung idealisiert, dass es gar nicht so lückenlos schön gewesen sein kann, wie man sich zu erinnern glaubt. Trotzdem: Der Kontrast zum grauen Jetzt ist nicht zu leugnen. Ich weiß nicht mehr, wie schön es ist ausgeschlafen zu sein, aber dass es schön ist, dessen bin ich mir sicher.

Schlafmangel macht seltsame Dinge mit dem Gehirn. Es sind nicht nur meine Erinnerungen, die neblig und unscharf werden, es sind auch meine Wahrnehmungen. Manchmal weiß ich nicht mehr, ob Dinge, an die ich mich erinnere, wirklich passiert sind. Vielleicht war ich auch nie ausgeschlafen? Vielleicht ist auch das ein Phantasma, das mein übermüdeter Geist mir vorspiegelt, wie um mich damit zu locken und zu reizen und dann ins Leere laufen zu lassen, wenn ich mich wieder hinlege und die Augen schließe und auf den Schlaf warte, der nicht kommt.

Manchmal weiß ich nicht einmal, ob Dinge, die jetzt gerade passieren, tatsächlich real sind. Ich sehe Wesen, die es nicht geben kann – oder habe ich ihre Existenz nur vergessen, wie so vieles? Es fällt mir schwer, mir neue Dinge zu merken, und auch altes, sicher geglaubtes Wissen entrinnt mir wie Sand, den kein Sandmann auffängt.

Manchmal höre ich Stimmen, obwohl niemand mit mir im Raum ist. Manchmal auch wenn jemand da ist, aber wenn ich antworte, sehen die Leute mich seltsam an, als hätten sie die Frage nicht gestellt – nicht einmal gehört. Dann entschuldige ich mich, dass ich übermüdet bin, obwohl ich weiß, dass sie das wissen, und auch das wissen sie, aber der Schein will gewahrt sein. Doch es wird immer mühsamer, den Schein zu wahren. Wenn man so lange so müde ist, wird alles mühsam, und kleine Lügen der Höflichkeit, die mir früher über die Lippen geperlt wären wie sozialer Champagner, rollen jetzt wie grobe Wackersteine von meiner Zunge, so schwer, dass ich sie kaum auszuspucken vermag.

Arbeiten kann ich schon lange nicht mehr. Seit ein paar Wochen (Monaten? Jahren? Ich merke nicht mehr, wie die Jahreszeiten vergehen, ob es warm oder kalt ist) bin ich krankgeschrieben, und seit einiger Zeit verlasse ich die Klinik nur noch, um unumgängliche Besorgungen zu machen. Die Ärzte wollen, dass ich mich öfter unter Leute begebe, sie sagen, es tue mir gut, aber es ermüdet mich nur, so wie mich alles ermüdet, selbst die Müdigkeit an sich. Sie finden mich faszinierend. Ich wünschte, ich wäre langweilig. Uninteressant.

Ausgeschlafen.

(28.01.2013, 536 Wörter. Diese Woche gibt’s mal einen älteren Text – ich habe fast jeden Tag an meinem Großprojekt geschrieben, und seit gestern habe ich Halsweh und Schnupfen und Kopfweh, sodass ich mich heute Abend nicht mehr genug konzentrieren kann, um was Neues zu schreiben. Ich hoffe, nächste Woche bin ich wieder fit…

Der Text ist übrigens lange vor Schlaflosigkeit macht einsam entstanden – zu der Zeit hatte ich meinen Schlafrhythmus eigentlich ganz gut im Griff, aber ich habe aus der Erinnerung an frühere Phasen der Schlaflosigkeit geschöpft und dann hemmungslos übertrieben dichterische Freiheit walten lassen.)

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3 Kommentare

  1. Na ja, es ist doch ganz legitim, ein Körnchen echten Gefühlszustand zu nehmen, den man einmal kannte oder noch kennt, und das Ganze in hemmungsloser Übertreibung auszuschmücken. :-) Gibt einem den richtigen Anstoß. Mach ich auch ständig. Ich gebe zu, für einen Leser, der einen kennt, ist das dann etwas schwierig, weil man das Körnchen erkennt und dann ausklamüsern muss, was nun hinzugekommene dichterische Freiheit ist, aber ich bin mir sicher, wenn der Autor Stimmen hören würde, wüsste ichs. ;) Und dir sei verziehen, dass es nur ein alter Text ist, so fleißig wie du trotz Erkältung an anderen Dingen schreibst.

    Ach ja… sozialer Champagner? Also der Erzähler spricht ja über Höflichkeiten, die ihm über die Lippen gehen… dieses also in „gebender“ Position. Und dann der Champagner, der über die Lippen geht, in gebender Position? Hm, wenn ich mir das bildlich vorstelle, ist das ein bisschen…. speziell. xD

  2. Ach ja, es muss natürlich noch bemerkt werden, dass auffällt, das dies eine umfassende und medizinisch korrekte Schilderung nahezu aller Symptome schwerer Schlaflosigkeit in ihrer ausgeprägteren Form ist. Motorische Verlangsamung, Derealisation, psychotisches Erleben, etc. pp. Hach ja.

    1. Harhar, du darfst dir aussuchen, wie viel davon selbst erlebt und wie viel recherchiert ist :-P Wobei meiner Erfahrung nach einige der Symptome schon recht früh zumindest anfangen; ich habe dann einfach extrapoliert. Trotzdem wär’s mir lieber, ich wüsste nicht so viel darüber aus eigener Erfahrung XD Aber dass Frau Doktor mir sagt, dass meine Geschichte medizinisch korrekt ist, geht mir natürlich runter wie Öl ;-)

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