Wind

Der Wind zerrte an meinen Haaren, trieb mir das Blut in die Wangen und ließ meine Augen tränen, aber er fühlte sich nicht aggressiv an, nicht feindselig, wie all die Stimmen und Hände der anderen. Er war fast zärtlich, unbeholfen freudig, wie ein im Wortsinn stürmischer Freund, der mich zum Spiel zerren wollte.

Ich wollte ihm ja folgen, würde ihm ja folgen, aber noch war ich nicht bereit. Ich stand auf dem Dach des Einkaufszentrums und schaute nach unten. Obwohl es schon dunkel war, herrschte noch reges Treiben. Die von Schaufenstern bunt beleuchtete Menschen hasteten hierhin und dorthin, schlenderten von Auslage zu Angebot oder schleppten sich schwer bepackt nach Hause. Ich fühlte mich unglaublich weit von ihnen entfernt, und das nicht nur, weil ich hier oben stand, wo sonst niemand hinkam – ich war einem Putzmann in die Eingeweide des Einkaufszentrums gefolgt und durch die Gänge geschlichen, bis ich ein selten benutztes Treppenhaus fand, das wohl der Aufzugwartung diente und bis aufs Dach geführt hatte. Ich wusste, selbst wenn ich dort unten, unter ihnen wäre, käme ich ihnen kein Stück näher.

Dass ich nicht zu ihnen gehörte, hatte man mir heute mal wieder deutlich gemacht. Ich wünschte, sie würden mich einfach in Ruhe lassen. Sie müssen mich ja nicht mögen, ich mag sie auch nicht, und ich wäre völlig zufrieden damit, meine Pausen allein mit einem Buch in einer Ecke zu verbringen, aber sie lassen mich nicht. Wenn sie mein Buch sehen, nehmen sie es mir weg, machen sich darüber lustig, und mehr als einmal haben sie es zerrissen, in den Müll geworfen, die Toilette damit verstopft. Wenn mir das wenigstens nicht so weh tun würde! Es ist ja nur ein Ding, nur ein Gegenstand, aber wenn ich sehe, wie sie mit meinem Buch umgehen, kommen mir die Tränen.

Und dann kommt natürlich das Lachen.

„Guck mal, die Schwuchtel weint!“

„Mädchen!“

„Heulsuse!“

„Was ist, hast du dir einen Fingernagel abgebrochen?“

„Pass auf, dass deine Wimperntusche nicht verläuft!“

Ich riss mich los von den Erinnerungen. Was half es, diese Szenen wieder und wieder zu durchleben? Es genügte schon, dass sie sich Tag für Tag in der Wirklichkeit wiederholten. Warum gab ich meinen Peinigern auch noch Raum in meinem Kopf? In dem einzigen Ort, an dem ich ganz ich sein konnte. Wie bescheuert war das denn?

Doch sie hatten sich dort eingenistet und überall ihre schmutzigen Fingerabdrücke hinterlassen. Nicht nur die Schulvormittage, sondern jede wache Stunde vergiftet. Inzwischen folgten sie mir bis in meine Träume.

Ich mache einen Schritt nach vorn, auf die Kante zu. Der Wind schob mich freudig an. Mein langer schwarzer Mantel, den ich irgendwie romantisch fand und den meine Klassenkameraden als Krähenflügel verspotteten, schlang sich um meine Beine, sodass ich fast das Gleichgewicht verloren hätte. Ich fing mich, und der Wind heulte enttäuscht um die Ecken.

So nicht, dachte ich, nicht stolpern, nicht als ein blöder Unfall. Es reicht schon, dass mein Leben mit einem blöden Unfall begonnen hatte (und dass meine Mutter nicht müde wurde, mir das zu erzählen, half auch nicht gerade) – enden sollte es absichtlich, gezielt, genau dann und genau so, wie ich es wollte. Ich atmete tief durch.

Wie machte man so etwas überhaupt? Ich ging bis ganz an die Dachkante und schaute an der Hauswand entlang nach unten. Wenn ich sportlicher gewesen wäre, hätte ich einen eleganten Kopfsprung gemacht; aber wenn ich sportlicher gewesen wäre, hätte ich mich vermutlich auch besser wehren können, wenn sie mich schubsten und schlugen, und dann stünde ich vielleicht gar nicht hier.

Der Wind fuhr mir jetzt unter den Mantel und bis auf die Haut. Ich zitterte. Meine Klamotten waren alle ein bisschen zu weit, seit ich keinen Appetit mehr hatte, und der Wind nutzte jeden Spalt, jede Lücke. Ich schloss die Augen und versuchte das Zittern zu unterdrücken. Ich wollte würdevoll sterben, nicht so erbärmlich, wie ich gelebt hatte.

Am besten, ich sprang ein Stück vom Haus weg. Nichts wäre peinlicher, als vom Wind gegen die Hauswand gedrückt zu werden und daran entlang zu Boden zu rutschen. Ich machte ein paar Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen. Möglichst weit springen, den Flug genießen, und dann, mitten unter den Shoppern und Flaneuren – platsch. Das würde es ihnen zeigen. Mir war nicht ganz klar, was genau es zeigen würde, aber zumindest wäre es dann nicht mehr zu übersehen. Nicht einmal von meinen Eltern. Ob sie wohl froh waren, dass ihr blöder Unfall endlich aus der Welt wäre? Oder würde es ihnen dann doch leid tun, dass sie mir nie zugehört hatten, wenn ich von meinen Problemen an der Schule erzählte?

Egal. Das wäre dann nicht mehr meine Sorge. Ich nahm Anlauf und sprang.

Der Wind empfing mich freudig, stürmisch, nahezu jubelnd. Er fuhr unter meinen weiten Mantel, blähte ihn wie einen Fallschirm, und umfing mich mit überraschender Kraft. Mein dürrer Körper schien gewichtslos zu sein. Ich wurde hochgewirbelt wie ein trockenes Blatt.

Ich öffnete die Augen. Anstatt rasend schnell näher zu kommen, hatte der Boden sich entfernt. Ich schwebte, ich ritt auf dem Wind, und ich fiel nicht nach unten. War ich etwa schon tot? Hatte meine Seele den Körper verlassen und trieb nun in der Luft? Aber ich fühlte noch immer die schneidende Kälte und den flatternden Stoff meiner Kleider. Ich hob die Hände vors Gesicht. Nein, das waren meine Hände, mit den abgeknabberten Fingernägeln und der trockenen Haut. Ich zwickte mich. Es tat weh.

Ich war noch immer am Leben.

Der Wind trug mich weiter, weg von dem Einkaufszentrum, als wüsste er, dass ich nicht zu den Menschen dort gehörte. Ich ließ es geschehen, zu überwältigt und erstaunt, um mich zu wehren. Nach einer Weile genoss ich es sogar. Der Wind wirbelte mich herum, schwang mich hoch über die Dächer und fegte mit mir zwischen Kirchtürmen hindurch. Ich ließ mich treiben. Es fühlte sich wunderbar an. So leicht, so frei und in jedem Sinn unbeschwert war ich schon lang nicht mehr gewesen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich mit dem Wind flog, aber irgendwann wurde ich müde. Er schien auch das zu spüren, denn bald schon setzte er mich überraschend sanft für ein so ungestümes Element auf einem Schuppen ab. Ich winkte zum Abschied, auch wenn ich mir etwas albern vorkam – wie konnte man dem Wind zuwinken? Dann kletterte ich hinunter und schlich auf die Straße. Erleichtert stellte ich fest, dass ich in der Nähe der Wohnung meiner Eltern war.

Kurz darauf lag ich wieder in meinem Bett, zum ersten Mal seit Langem mit einem Lächeln auf den Lippen. Heute Nacht, da war ich sicher, würde ich schöne Träume haben.

Draußen pfiff der Wind um die Häuserecken. Mir war, als pfiffe er mir zu.

 

(05.11.2013, 1116 Wörter. Das ist natürlich alles völlig fiktiv! Insbesondere das Verhältnis zu seinen Eltern. Ich habe mich (fast) immer ausgezeichnet mit meinen Eltern verstanden, und sie haben mir auch nie vorgeworfen, dass ich ein Unfall war – soweit ich weiß, war ich ein Wunschkind (bis ich dann reden konnte, höhö, da haben sie sich nicht mehr immer über mich gefreut). Und zugehört haben sie mir auch immer. Neinnein, ich habe tolle Eltern. Nur den langen schwarzen Mantel, den habe ich auch.)

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ein Kommentar

  1. […] 805 Wörter. Der erste Teil ist hier zu […]

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