Mein linker Fuß

Mein linker Fuß ist eingeschlafen. Das ist unangenehm, denn eigentlich wollte ich heute mit ihm joggen gehen – mit nur einem, dem wachen, Fuß ist das ziemlich schwierig.

Ich weiß das aus Erfahrung, denn mein linker Fuß ist, das muss ich schon sagen, eine ziemlich faule Socke. Ständig pennt er ein, einfach so. Und dann stehe ich da, beziehungsweise stehe eben nicht, denn auf die Dauer ist es echt anstrengend, auf nur einem Bein zu stehen.

Mein rechter Fuß ist auch schon ganz schön sauer auf den linken, weil der sich ständig drückt und der rechte dann allein die ganze Arbeit leisten muss. Aber was soll er tun? Der linke ignoriert sein Nörgeln, link, wie er nun mal ist, schaut einfach weg, als wäre nichts, und stiehlt sich davon in den Schlummer. Zurück bleiben sein rechter Bruder, zu Recht recht angepisst, und ich, hilflos weil ohne Gleichgewicht, denn dafür braucht man eben beide Seiten.

Dann taumele ich durch die Wohnung, den Schläfer schwer nach mir ziehend, denn liegenlassen kann ich ihn ja auch nicht, ist er doch dummerweise angewachsen. Nun ja, meistens eher praktischer- als dummerweise, denn beim Gehen, Stehen, Tanzen und gelegentlichen Joggen ist es doch ganz gut, dass er nicht einfach eigensinnig abhauen und ohne mich Pause machen kann. Wer weiß, was das faule Luder überhaupt noch täte, wenn es nicht fest mit meinem Bein verwachsen wäre? Ich will es lieber nicht darauf ankommen lassen, und so bin ich doch ganz froh, dass nicht nur ich an meinen linken Fuß, sondern vor allem er an mich gebunden ist.

Jetzt aber, in diesem Augenblick, in dem ich mein Buch zur Seite lege und meine Joggingschuhe anziehen möchte, da verfluche ich die schlafende Last, die ich mit mir ziehen muss wie einen Kettenbruder. Ich stoße ihn an, schüttle ihn und rüttle ihn, doch er tut so, als spüre er nichts, als könnte ich ihn in seinem Schlummer nicht erreichen. Nur ein leichtes Taubheitsgefühl lässt er durch, das sein Gewicht zu verdreifachen scheint und mein Gleichgewicht zu dritteln.

Ich schleppe, fluche und schüttele weiter, und bis ich an der Wohnungstüre bin, öffnet er tatsächlich sein erstes Hühnerauge. Jetzt merke ich, dass es tatsächlich mein Fuß ist und nicht ein fremder, auch wenn er sich bis eben angefühlt hat, als gehöre er nicht zu mir: Genau wie ich wird er nicht gern geweckt und rächt sich mit einem fiesen Kribbeln, das nun auch noch mit jedem Schritt schlimmer wird. Wäre es nicht doch besser gewesen, ihn schlafen zu lassen?

Er stimmt mir eifrig zu, aber jetzt ist es zu spät. Außerdem wäre es ja noch schöner, wenn ich auf meinen Fuß hören würde! Ich bin hier die Herrin im Hause, und wenn ich stehen will, dann wird gefälligst gestanden, und wenn ich joggen will, dann ist gefälligst auch mein linker Fuß dabei. Wo kämen wir denn sonst hin?

Ich weiß es schon: Nirgendwo, denn wie gesagt, zum Gehen brauche ich zwei Füße, und wenn ich nicht gehen kann, wie soll ich irgendwohin kommen? Eben.

Genug der Faulenzerei nun. Ich schüttele meinen Fuß noch einmal, massiere ihn wach (obwohl er so freundliche Behandlung überhaupt nicht verdient hat und sie auch prompt mit erneuten Kribbeln quittiert) und zwänge ihn in meinen Laufschuh.

Genug geschlafen. Jetzt wird gejoggt.

(14.11.2013, 543 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Leichtfüßig durchs Leben. Eben.

    Wie war der Lauf? ;-)

  2. Uii, schöne Vorstellung, auf dem Sofa sitzen und den Linken Fuß ausmeckern, dass doch endlich aufwachen solle:-)

    1. Nur leider hört er selten auf mich…

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