Am See

Monas früheste Kindheitserinnerung spielte hier am See. Sie waren Zelten gewesen, ihre Eltern, ihr Bruder und sie, und einer der Tage, die sie dort verbracht hatten, war ihr dritter Geburtstag gewesen. Sie wusste nicht mehr, was es sonst zu essen gegeben hatte – vermutlich schlichte Mahlzeiten, die man auf einem Campingkocher zubereiten konnte, aber sie erinnerte sich noch genau, wie sie an diesem Morgen aus dem Zelt gekrochen war und von einer Geburtstagstorte empfangen wurde.

Als sie später mit ihren Eltern über diese Erinnerung sprach, erfuhr sie, dass es nur ein paar Kuchenstücke vom Bäcker in einem nahegelegenen Ort gewesen waren, aber damals war es ihr vorgekommen, als hätten ihre Eltern eine riesige Torte herbeigezaubert, extra für sie. Sie durfte die drei Kerzen ausblasen, während ihre Eltern „Happy Birthday“ sangen, und dann gab es Erdbeerkuchen. Sie war bis heute überzeugt, dass es der beste Kuchen ihres Lebens gewesen war. Später bekam sie auch ein Geburtstagsgeschenk, drei Bälle in verschiedenen Farben – deshalb war sie auch so sicher, dass es ihr dritter Geburtstag gewesen sein musste. Sie war schon als Kind gut darin gewesen, Spielzeug kaputtzumachen oder zu verlieren, aber die Bälle hatte sie immer noch.

Danach waren sie jeden Sommer am See gewesen, wenn auch nicht immer an ihrem Geburtstag. Als sie in der Grundschule war, bestand sie darauf, ihren Geburtstag daheim zu feiern, mit ihren Freundinnen, mit Kuchen und Topfschlagen und Blindekuh, so wie alle ihre Klassenkameraden, und später, als das zu kindisch war, im Schwimmbad oder auf dem Minigolfplatz. Trotzdem freute sie sich jedes Mal, wenn es danach wieder zum Campen an den See ging.

Dann kam die Pubertät, und mit ihr die Gewissheit, dass alles, was ihre Eltern gut fanden, automatisch doof war. Einmal schleppten sie Mona trotzdem mit zum Zelten – ein Fehler, den sie alle schnellstens bereuen ließ. Im Jahr darauf durfte sie eine Woche bei ihrer besten Freundin Aysun verbringen, während ihre Eltern mit ihrem Bruder wegfuhren.

Im Jahr darauf weigerte sich ihr Bruder; dafür war Mona wieder Feuer und Flamme, vor allem, weil sie dieses Mal Aysun mitnehmen durfte. Die Mädchen gingen zusammen schwimmen und übten im Gebüsch das Küssen, und als in der Nähe eine Gruppe junger Männer kampierte, die ihre unbeholfenen Flirtversuche mit Humor trugen und sie sogar auf ein Bierchen am Lagerfeuer einluden, waren sie einig, dass dies der beste Sommer ihres Lebens war.

Wieder ein paar Jahre später fuhr sie ohne ihre Eltern an die altbekannte Stelle, mit ihrem damaligen Freund, und am Ufer des Sees, unter dem Sternenhimmel, schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Es war ungeschickt und längst nicht so romantisch, wie es ihr die Liebesromane versprochen hatten, aber trotzdem war es schön, und sie versprachen einander, in Zukunft jedes Jahr an „ihre“ Stelle zu fahren.

Im nächsten Jahr hatten sie sich schon wieder getrennt. Trotzdem fuhren sie beiden an den See, denn Mona feierte dort ihren 18. Geburtstag, und sie hatte die ganze Jahrgangsstufe eingeladen. Der sonst so stille See musste in dieser Nacht einiges an Lärm ertragen, aber die jungen Leute schafften es sogar, vor ihrer Abreise den Müll einzusammeln und den Zeltplatz einigermaßen manierlich zurückzulassen.

Jetzt war Mona schon seit einer ganzen Weile von zu Hause ausgezogen. Sie hatte ihr Studium abgeschlossen, Arbeit gefunden und einen wundervollen Mann, den sie nun schon das dritte Jahr in Folge mit an den See nahm. Dieses Mal waren sie wieder einmal alleine dort, ohne ihre Eltern und ihren Bruder, der in einer anderen Stadt wohnte und dort ebenfalls einen festen Freund hatte.

Es war schön, ungestört Zeit mit Markus verbringen zu können. Sie hatte ihm all ihre Lieblingsstellen gezeigt, an denen sie als Kind gespielt hatte, und immer öfter ertappte sie sich bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, ihr eigenes Kind hierhin mitzubringen.

Sie schaute Markus verstohlen von der Seite an. Ob er sich das wohl auch vorstellen konnte?

In diesem Moment stand er auf. „Wollen wir noch ein paar Schritte laufen?“, fragte er und reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen. Sie lächelte. „Klar.“

Hand in Hand spazierten sie um den See, in einträchtiges Schweigen versunken. Mona dachte an all die schönen Erinnerungen, die sie mit diesem Ort verband, und an die schönen Jahre mit Markus, auf die sie sich schon freute. Plötzlich blieb er stehen. Sie schaute ihn verwundert an.

„Was ist?“

„Sag mal“, begann Markus und verstummte dann wieder. Nach einer Weile fuhr er fort: „Du kommst gern hierher, nicht wahr?“

„Ja, natürlich. Das ist doch nichts Neues.“ Mona wunderte sich. Worauf wollte er hinaus? „Gefällt es dir nicht?“

„Doch! Doch, es ist wunderschön hier.“ Er zuckte mit den Schultern. „Genau der richtige Ort. Nur ich bin zu blöd.“

„Was?“, Mona verstand gar nichts mehr.

„Ich meine nur… Also, eigentlich wollte ich…“ Er ließ den Kopf hängen. „Ach, verdammt. In Filmen sieht das immer so romantisch aus, aber ich hab‘s echt nicht drauf. Ich wollte dir einen Heiratsantrag machen, und der Ort ist perfekt, und die Nacht ist perfekt, und du bist sowieso perfekt… Aber ohne Drehbuch finde ich nicht die richtigen Worte.“

Mona starrte ihn an. Dann lachte sie. „Willst du mich heiraten“, kicherte sie, „die richtigen Worte sind ‚Willst du mich heiraten‘. Du Spinner.“

Markus starrte seine nackten Fußspitzen an. „Na, und willst du? Obwohl ich es vergeigt habe?“

Mona umarmte ihn. „Ja. Ja, will ich. Obwohl du deinen romantischen Heiratsantrag vergeigt hast. Ich will dich heiraten und mit dir Kinder kriegen und gemeinsam alt werden, und dann werde ich unseren Enkeln erzählen, wie blöd ihr Großvater war, damals an unserem See, und wir werden alle über dich lachen. Das hast du dann davon“, und bevor er antworten konnte, verschloss sie seinen Mund mit ihren Lippen.

Dieser Sommer, da war sie sich sicher, war wirklich der schönste in ihrem Leben.

(22.11.2013, 965 Wörter. Jaja, auch Kitsch muss mal sein. Am Ende einer anstrengenden Woche brauche ich eben manchmal ein Happy End.)

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3 Kommentare

  1. Ich mag Happy Ends. Auch so „normale“ ;-)

    1. Das freut mich :-) Danke für deinen Kommentar!

  2. Awwwwwwwwww. Wie süß. Besonders, dass sie den Enkeln später über Opas Doofheit erzählen möchte. Na hoffentlich bleiben sie solange verheiratet, dass es noch derselbe Opa sein wird!

    Diese Geschichte erinnert mich ein bisschen an die Geschichte mit Frida, dem Gummibaum. Das Muster, dass eine Konstante eine Person in den verschiedenen Stadien ihres Lebens begleitet und immer wieder eine Rolle spielt. Das hat irgendwie etwas Beruhigendes. Und eigentlich ist das die wahre Liebesgeschichte…

    Ach ja, ich fand das „die jungen Leute“ ein bisschen hm…. altbacken. Es klang so unneutral, so aus einer „älteren“ Position heraus betrachtet, während überall sonst der Erzähler zwar zeitlich unabhängig vom Erzählten, aber eher neutral war. Das ist mir irgendwie aufgefallen.

    Senf has been given.

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