Regen

Der Himmel war bleigrau, und es hatte sich auf eine Weise eingeregnet, der man anmerkte, dass sich das Wetter in den nächsten Stunden nicht ändern würde. Der Wind trieb das Wasser in jede Kleiderfalte, und die Menschen im Flughafen hatten in ihren Mänteln, Schirmen und Stiefeln soviel davon mit hineingeschleppt, dass es überall nach nassem Hund roch. Ein permanenter Geräuschpegel schwappte durch das Gebäude und vermischte sich mit dem feuchten Dunst.

Sabine setzte ihre riesige Sonnenbrille auf und stöpselte den iPod in ihre Ohren, um den Rest der Welt und vor allem diese schreckliche Wartehalle voller schrecklicher Menschen auszublenden. Holger hatte sie ausgelacht, als sie darauf bestand, die Sonnenbrille in die Jacke zu stecken. „Wofür brauchst du die hier?“, hatte er gefragt, „schau doch mal raus! Es reicht, wenn du sie in den Koffer tust. Du wirst sie frühestens auf Bali brauchen, und wir landen abends.“

„Ich will eben vorbereitet sein“, hatte sie geantwortet, und jetzt war sie froh, nicht auf ihn gehört zu haben. Urlaub war toll, aber der Flug dorthin war grauenvoll. X Stunden mit fremden Leuten in eine Blechbüchse gesperrt, ihren Geräuschen und Gerüchen hilflos ausgeliefert… Und die Qual fing schon hier auf dem Flughafen an. Von außen sah das Gebäude so groß aus; wie konnte es sein, dass es trotzdem so voll war? Sabine konnte es jetzt schon kaum erwarten, den Flieger zu verlassen und all diese hässlichen Menschen nicht mehr sehen zu müssen.

Ein Kind weinte. Sabine stellte den iPod lauter und träumte von balinesischen Sandstränden.

Draußen prasselte der Novemberregen unaufhörlich gegen die Fensterscheiben. Ein Glück, dass sie dem gerade entkamen! Sabine konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen.

Jemand packte sie am Arm. Empört riss sie einen iPod-Stöpsel aus ihrem linken Ohr und schob die Sonnenbrille nach oben. „Was fällt Ihnen – ach, du bist es nur.“

„Hast du nicht gehört?“, fragte Holger vorwurfsvoll, „sie haben unseren Flug aufgerufen. Wir müssen los.“

„Natürlich habe ich das nicht gehört“, gab sie zurück, während sie ihre Handtasche über die Schulter drapierte. „Ich habe gar nichts gehört. Zum Glück.“ Sie verzog das Gesicht. „Oder findest du den Flughafen-Sound so angenehm?“ Sie warf der jungen Mutter, die vergeblich versuchte, ihr übermüdetes, weinendes Kind zu beruhigen, einen bösen Blick zu.

„Hast du ein Glück, dass ich mir nicht auch die Ohren verstopft habe“, meinte Holger. „Komm jetzt.“

„Jajaja, nicht so hektisch.“

„Willst du den Flug verpassen?“

„Und weiterhin in diesem Mistwetter festsitzen? Um Gottes Willen! Ich hasse Regen. Gut, dass wir zu dieser hässlichen Jahreszeit in den sonnigen Süden fahren!“

„Ja, Deutschland ist in dieser Jahreszeit furchtbar. Ich weiß nicht, warum irgendwer freiwillig hierbleibt.“ Holger rümpfte die Nase. „Komm, beeilen wir uns. Je schneller wir hier weg sind, desto besser.“

Sabine folgte ihm zum Gate. Natürlich hatte sich auch hier schon eine Schlange gebildet, und sie seufzte theatralisch. „Meine Güte, wohin wollen all diese Leute?“

„Ich weiß nicht“, gab Holger zurück, „aber man könnte fast vermuten, dass sie nach Bali wollen. So in Anbetracht der Tatsache, dass sie für den Flieger nach Bali anstehen.“

Sie warf ihm einen bösen Blick zu. „Mach dich nicht über mich lustig. Ich hoffe, keiner von denen ist in unserem Hotel. Die sehen ja fast so traurig aus wie das Wetter hier.“

„Ist doch egal“, versuchte er sie zu trösten, „in Bali wird die Sonne scheinen, da kannst du den ganzen Tag mit deinem Sichtschutz herumlaufen.“

„Herumliegen“, korrigierte sie ihn. „Morgen früh lege ich mich an den Strand in die Sonne und stehe nicht wieder auf, bis ich die perfekte Bräune habe.“ Wie um ihre Worte zu bekräftigen, ramte sie sich wieder die Sonnenbrille auf die Nase. All diese grauen Menschen in ihren regennassen Klamotten machten sie nur depressiv.

Endlich konnten sie das Flugzeug betreten. Holger fand ihre Plätze, und nachdem Sabine sich gesetzt hatte, stöpselte sie sofort die Ohren wieder zu, in der festen Absicht, die Realität erst wieder zu betreten, wenn sie auf Bali gelandet waren. Selbst ihre Getränkebestellungen und die Essensauswahl musste Holger ausrichten und für sie entgegennehmen. Sabine war fest entschlossen, nichts an sich heranzulassen. Zweimal musste sie den Vorsatz aufgeben, um die Toilette aufzusuchen, und jedes Mal war sie angeekelt von dem, was sie sah. Da schlief einer mit offenem Mund in seinem Sitz, und ein dünner Speichelfaden lief an seinem Kinn herunter. Dahinter stritten zwei Kinder um irgendeine Belanglosigkeit, die Sabine gar nicht wissen wollte. Und in der hintersten Reihe saß eine Gruppe Rucksacktouristen – sie hielt die Luft an, während sie an ihnen vorbeiging, man wusste ja, was diese Hippies von Hygiene hielten.

Dann, nach Stunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, landeten sie endlich in Kuta im Süden der Insel.

„Traumstrand und Sonne, wir kommen!“, jubelte Sabine lautstark und drängte sich durch die Menge zum Ausgang, ohne auf die wütenden Ausrufe derjenigen zu achten, die sie auf ihrem Weg anrempelte. Holger konnte ihr kaum folgen. Erst am Gepäckband holte er sie wieder ein. „Renn doch nicht so. Unser Koffer ist sowieso noch nicht da.“

„Ach, Holger, ich freue mich doch nur so! Endlich Sommer, Sonne, Strand, kein Regen mehr!“ Sie fiel ihm um den Hals. „Sei ein Schatz und hol unseren Koffer. Ich will schon mal an die frische Luft.“

„Kannst du nicht“, wollte er widersprechen, doch sie stürmte schon davon. „Danke! Du bist der Beste!“ Sie eilte durch den Zoll, durchquerte die Vorhalle – warum war es hier auch so voll? – und erreichte den Ausgang. Sie schloss die Augen voller Vorfreude und trat hinaus. Endlich Sonne!

Nach zwei Schritten traf es sie. Sie riss die Augen wieder auf, dann die Sonnenbrille von ihrem Gesicht. Fassungslos starrte sie auf den Anblick, der sich ihr bot.

Als Holger eine Viertelstunde später mit dem Koffer zu ihr stieß, stand sie noch immer so da. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Was ist los?“

Sie wandte sich ihm zu. „Oh, Holger“, schluchzte sie, „warum hast du mich nicht gewarnt?“

„Ach, mach dir keine Sorgen. Das ist sicher gleich vorbei. Und dann Sommer, Sonne, Strand, richtig?“

Sie wies auf den Zeitungkiosk vor dem Flughafen. Neben zahlreichen Schlagzeilen in einer unverständlichen Sprache hingen dort auch einige englischsprachige Zeitungen. Unter der durchsichtigen Plastikfolie, die sie vor dem Regen schützte, war der Titel deutlich zu lesen.

„Holger, es ist Monsunzeit!“

(29.11.2013, 1055 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Irgendwie ahnte ich die Pointe schon. Vermutlich weil ich sie ähnlich gewählt hätte ;-) Und es sind mehr als nur 501 gute Worte geworden. Respekt!

    1. Danke! Das geht mir natürlich runter wie Öl :-)

  2. Irgendwie freut es mich, dass es so ausgeht:-) Warum wollen Leute auch Strandurlaub auf Bali machen? Es gibt Dinge, die ich nie verstehen werde.

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