O’zapft is

Bavaria, die holde, eichenbekränzte, die Bronzegigantin, wacht seit 1850 über die Theresienwiese. Grünspanumflorten Auges beobachtet sie seit über hundertsechzig Jahren die Münchner. Was hat sie nicht schon alles gesehen in dieser Zeit! Was ist ihrem geliebten München nicht alles passiert! Könige sah sie aufziehen und Fürsten, Krieg und Cholera leerten die Festwiese, doch Bavaria verharrt, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Die Friedenskundgebungen und Naziaufmärsche musste sie beobachten, mit geschlossen gegossenem Mund zur Stummheit verdammt.

Doch sie hat alles überlebt, selbst den Größenwahn des Adolf H., der sie um einer Kongresshalle willen beseitigen wollte – sie steht noch immer, er aber ist nicht mehr und möge nie wieder erstehen. Unermüdlich, schlaflos, pausenlos wacht die metallene Patronin über die Hauptstadt ihres Freistaats. Regierungen kommen und gehen, Feste werden gefeiert oder fallen den Zeitläuften zum Opfer, sie ist immer da.

Seit 1950, seit ihrem hundertsten Geburtstag, ist sie zudem Zeugin einer ganz besonderen Zeremonie: Des jährlichen Fassanstichs zum Auftakt des Oktoberfestes. Seitdem beginnt das Fest offiziell, indem der jeweilige Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München das erste Fass Wiesnbier ansticht und verkündet: „O‘zapft is!“

Auch das beobachtet die Bavaria geduldig, von Thomas Wimmers 19 mühsamen Schlägen zu Beginn dieser Tradition bis zu Christian Udes lässigen zwei (für die er allerdings reichlich Gelegenheit zu trainieren hatte), und insgeheim freut sie sich jedes Mal, wenn das Bier fließt und das Fest beginnt, denn sie weiß ja, dass der Bayer dann in seinem Element ist. Zeigen kann sie die Freude nicht, ist sie doch fest auf ihrem Sockel verankert; doch tief in ihrem Bronzeherzen (oder wo auch immer das Gefühl bei einer Hohlstatue sitzen mag) wird ihr warm vor Glück, und wie das Bier fließt und schäumt, so fließt ihr das Herz über und schäumt ihre Seligkeit. Dies ist ihr der liebste Augenblick im ganzen Jahr.

Dieses Jahr jedoch ist alles anders. Der Ewige Ude ist in Altersruhestand gegangen (oder was auch immer er darunter versteht – besonders ruhig ist er nicht). Sein Nachfolger steht vor dem Bierfass, den Hammer in der Hand, als habe er noch nie ein Werkzeug benutzt, das größer als eine Nagelfeile war. Saft- und kraftlos klopft er gegen den Zapfhahn und vermag kaum das Holz des Fasses anzukratzen. Noch einmal schlägt er zu, etwas kräftiger, und Bavaria schöpft Hoffnung.

„Zwei!“, brüllt die Menge erwartungsvoll. Keiner rechnet damit, dass er einen neuen Rekord aufstellt (dafür ist es nun ohnehin zu spät), aber insgeheim messen die Münchner ihren OB doch daran, wie schnell er beim Oktoberfest anzapft. Kann er hier zupacken, kann er‘s auch im Rathaus, so geht die Logik.

„Drei! – Vier! – Fünf! – Sechs!“, skandiert die Menge, während der Neuling sich redlich bemüht.

„Sieben! – Acht!“, ein Ude ist er nicht, das ist schon mal klar.

„Neun! – Zehn! – Elf!“, und Bavaria zählt insgeheim mit.

„Zwölf! – Dreizehn! – Vierzehn! – Fünfzehn!“ Ist er denn noch nicht durchs feste Holz gedrungen, an den goldenen, flüssigen Kern?

„Sechzehn!“, brüllen sie und lechzen nach dem Gerstensaft, doch der Oberbürgermeister kann nicht liefern.

„Siebzehn!“ Was ist mit ihm los? Ist er etwa ein Schwächling? Ist das der Mann, den sie gewählt haben?

„Achtzehn!“ – und noch immer knackt kein Holz und fließt kein Bier.

„Neunzehn!“ Will er etwa den Rekord in die andere Richtung brechen?

„Zwanzig!“ Die Menge lässt schon merklich nach. Enttäuschung schleicht sich in ihre Rufe, und die ersten sind schon ganz verstummt. Auf des OBs Stirne glänzt der Schweiß, rinnt die Nase herab und droht in den Maßkrug zu fließen, den der Ministerpräsident dem Brauch gemäß erwartungsvoll unter den trockenen Zapfhahn hält.

„Einundzwanzig“, Resignation macht sich breit.

„Zweiundzwanzig“, murmelt die Menge mehr als dass sie ruft.

„Dreiund-“ Jetzt geschieht etwas. Doch nicht im Schottenhamel, wo der schwitzende Neubürgermeister noch immer das Fass malträtiert, sondern am Ende der Festwiese. Etwas regt sich, das bisher standhaft war. Im Zelt kann man es nicht sehen, aber die Panik von draußen schleicht herein und bricht den Zählenden das Wort ab.

„Vierundzwanzig“, ruft noch eine Stimme, der letzte, der es nicht gemerkt hat – nein, der vorletzte, denn noch einen Schlag tut der arme Mann mit dem Hammer, ehe auch er sich aufrichtet und versucht zu begreifen, was die tödliche Stille über die Menge gelegt hat.

Keiner schaut mehr zu ihm. Alle Blicke sind auf den Eingang des Zeltes geheftet, in dem ein gewaltiger Bronzefuß sichtbar ist. Dann greift etwas nach der Zeltplane, hebt sie an, als sei sie aus Papier, und reißt sie vom Gestänge.

Bavaria, die holde, zornesbewegte, wirft die Plane mit einer Hand zur Seite und greift mit der anderen nach dem Hammer, der dem ohnehin weichlichen Griff des OBs widerstandslos entgleitet. Sie nimmt ihn zwischen zwei Finger – mehr können ihre riesigen Hände nicht greifen. Mit einem Schlag treibt sie den Zapfhahn ins Holz und lässt das Werkzeug dann fallen wie einen Zahnstocher.

Zum ersten Mal seit hundertvierunsechzig Jahren öffnet sie den Mund, und aus den sanften Lippen dröhnt es wie von einer bronzenen Glocke:

„O‘zapft is!“

Dann dreht sie sich um und kehrt zurück auf ihren Sockel.

(04.–05.12.2013, 853 Wörter. Zählt es als Science-Fiction, wenn es nächstes Jahr im Herbst spielt? In die Weihnachtszeit passt es ja eigentlich nicht, aber nachdem eine gewisse Person sich eine Geschichte mit riesigen Monstern gewünscht hat, die Deckel von Gebäuden heben, wollte Frau Bavaria mich nicht mehr loslassen, bis ich ihre Geschichte niedergeschrieben hatte.

Alle Ereignisse bis 2013, die hier beschrieben wurden, haben so stattgefunden, und Schauplätze sowie Bräuche sind korrekt dargestellt. Wer Christian Udes Nachfolger wird, weiß ich natürlich noch nicht. Wollen wir mal hoffen, dass die Geschichte nicht prophetisch ist!)

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5 Kommentare

  1. SciFi ist das nicht. Nennen wir es Mystery ;-) Und die Bavaria ist wirklich eine richtig starke Frau! Jawoll!

    1. Ja, mit 87 t Bronze legt man sich besser nicht an :-P

      1. Und mit 1 Meter 62, auf zur Zeit 52 kg verteilt, auch besser nicht ;-)

  2. Eine gewisse Person · · Antwort

    Ich habe es ja schon vor einigen Tagen gelesen und fand es sehr schön. Riesige Monster, die Dächer wie Konservendosendeckel öffnen!! Es ist komplett anders als ich es mir vorgestellt hatte und eine sehr originelle Lösung der „Aufgabe“. Das ist toll. :D Und ich habe was gelernt über die Bayrische Kultur und ihre Riten…. was du natürlich schön sarkastisch ausgeschmückt hast. Und diese Statue der Bavaria kannte ich nicht und musste ich ja sofort googeln. Sieht mit dem Hintergrund deiner geschichte direkt furchteinflösend aus. xD Super! gefällt mir sehr, diese witzige Umsetzung.

  3. Haha, herrlich!

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