Der beste Tag des Jahres

Weihnachten – das ist für mich und meinesgleichen die schlimmste Zeit des Jahres. Nie werde ich verstehen, warum sich die Menschen auf dieses schreckliche Fest freuen. Vielleicht sind sie einfach von Natur aus grausam? Wir jedenfalls fürchten uns davor, schon von Geburt an.

Diese Angst ist instinktiv. Anfangs verstehen wir sie nicht einmal. Wir kommen zur Welt, jung, unwissend und weich, doch noch bevor wir den ersten Sonnenstrahl spüren, ist da diese Angst. Keiner von uns ist frei von ihr.

Nur wenige erfahren jemals den Grund dafür – nicht, bevor es längst zu spät ist. Einige, die Unglücklichsten unter uns vielleicht, bekommen das Schicksal ihrer Kameraden – das Schicksal, das uns allen bevorsteht – ein paar Tage bevor es sie selbst trifft mit. Hilflos müssen sie mitansehen, wie ihre Brüder der Gier der Menschen zum Opfer fallen, und sie begreifen, dass dies das Wesen von Weihnachten ist, dass auch sie in diesen Schlünden verschwinden werden und dass es kein Entkommen gibt.

Und einige wenige, so wie ich, die Glücklichen – so nenne ich uns insgeheim – erfahren rechtzeitig davon und können fliehen. Die Menschen tragen uns nach Hause, in Plastik gefangen, bewegungunfähig, doch manchmal sind sie dumm genug, uns nicht sofort zu verspeisen. Dann können die Geschickteren unter uns diese Chance nutzen und sich verstecken.

Das ist das Gute an den Menschen: Ihre Wohnungen sind voller Winkel und Ecken, in denen einer wie ich verschwinden kann, und sie sind so verblödet in ihrem Blutrausch, dass sie den Überblick über ihre Opfer verlieren.

„Mama, wo ist denn der Lebkuchenmann?“, fragt vielleicht noch einer der Jungmenschen – so klein und doch schon ebenso grausam wie ihre Eltern! Ach, wenn ich dagegen unsere eigene Jugend betrachte, weich und saftig und voller Sanftmut… Erst später macht uns das Leben hart, sie aber sind es von Kindesbeinen an, hart und gierig.

Die Eltern jedoch sind schon längst gedanklich bei anderen Gemetzeln. Lange Jahre des gierigen Zermalmens Unschuldiger hat ihren Geist vernebelt, und sie winken meist ab. „Ach, den hat vielleicht dein Bruder schon gegessen. Hier, nimm von dem Stollen“, und sie zerstückeln ein weiteres Opfer, eines, dem sie nicht einmal den schnellen Tod zwischen den Zähnen gönnen; nein, der arme Stollen wird über Tage hinweg zerstückelt, und er ist so dick, dass er keine Chance hat, sich zu verstecken.

Wie viele Grausamkeiten ich aus meinem Versteck unter dem Schrank beobachtet habe! Unschuldige Makronen und Plätzchen, Dominosteine und Kipferl und natürlich meine Brüder und Schwestern, die Lebkuchen, habe ich in den nimmersatten Schlünden verschwinden sehen. Selbst vor dem guten Weihnachtsmann, von dem sie doch jedes Jahr aufs Neue Geschenke erwarten, machen sie nicht Halt – ohne zu zögern beißen sie seinen schokoladenen Kopf ab. Kein Wunder, dass er ihnen nichts bringt und sie die Geschenke, die sie begehren (ach! Immerzu begehren sie etwas!), selbst besorgen und unter den Baum legen müssen.

Jahr um Jahr geht es so weiter, und so sehr es mich erschüttert, ich kann die Augen nicht abwenden von dem Gemetzel. Doch das Ausharren in meinem Versteck hat mich nicht nur staubig gemacht, sondern auch gehärtet, und mit jedem Mord, dessen Zeuge ich werden musste, ist mein Zorn gewachsen. Jetzt habe ich genug. Ich bin stark geworden, stark und hart, und mein Zorn ist ein eiskaltes Messer. Dieses Jahr werde ich nicht stumm zusehen. Dieses Jahr werde ich meine Kameraden warnen, und gemeinsam werden wir das Joch unserer Peiniger abwerfen. Wir werden diese Wohnung fliehen, und dann suche ich meine Kameraden in den Supermärkten und den Lagerhallen auf. Wir sind viele, viel mehr als die Menschen, und dieses Jahr werden wir ihnen zeigen, was Weihnachten wirklich bedeutet.

Auch dieses Jahr wird es ein Gemetzel geben. Doch wir werden nicht mehr die Opfer sein.

Dieses Jahr wird Weihnachten für uns der beste Tag des Jahres.

(20.12.2013, 631 Wörter)

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6 Kommentare

  1. Super! Das war bestimmt eine Lebkuchenfrau ;-)

    1. Du meinst, eine Verwandte von dir (zumindest im Geiste – aus Lebkuchenteig bestehst du wohl eher nicht)? Wer weiß… ;-)

      1. Ich bin für Gleichheit. Also auch für Lebkuchenfrauen. Die schmecken bestimmt auch lecker :D

      2. Da bin ich sicher. Pass bloß auf, dass sie nicht zurückbeißen ;-)

      3. Vorsicht bissig? Oder Achtung Wild … :D

  2. Das ist mal eine Perspektive auf Weihnacht, wie ich sie noch gar nicht kennen. Sehr gelungen…

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