Feuer und Flamme

Feuer fand ich schon immer toll. Schon als Baby – das erzählt meine Mama immer – hab ich nach jeder Kerze gefasst. Muss sie ganz schön erschreckt haben, wenn so ein Krabbelbaby in die Flamme greift. Ich war ja noch viel zu klein, um zu kapieren, wie gefährlich das war. Irgendwann hat sie sich gar nicht mehr getraut, Kerzen anzuzünden, nicht mal zu Weihnachten. Naja, dafür gibt’s ja elektrische Lichter. Sie fand‘s doof, aber immer noch besser als ein angebranntes Baby.

Blöd war nur, dass wir auch einen Gasherd hatten. Noch mehr Feuer! Ich fand’s klasse. Mama fand’s nur anstrengend. Vor allem, nachdem ich groß genug war, vom Boden aus an die Flamme zu fassen. Solange ich nur auf ihrem Arm dran kam, konnte sie mich ja immer absetzen. Aber Kinder wachsen nun mal, und irgendwann war ich also zu groß, und sie sperrte mich erstmal aus der Küche aus. Meine kleine Schwester Ina durfte mit rein, das fand ich besonders fies, aber die Finger vom Herd lassen, nein, das wollte ich auch nicht.

Irgendwann dachte sie dann aber, dass ich erstens alt genug sein müsste, um das endlich mal zu kapieren, und zweitens kochen lernen sollte. Das wollte ich ja eigentlich auch, einmal, weil ich auch fand, dass ich groß war und Sachen machen wollte, die Große nun mal machten, und außerdem sah ich ja auch, dass es für meine Mama ganz schön anstrengend sein musste, immer für mich und Ina zu kochen. Wenn ich aus der Schule kam, musste sie meine Schwester noch aus dem Kindergarten abholen, und in der Zeit könnte ich doch schon mal Essen machen, meinte sie, und da hatte sie ja auch Recht. Also musste ich ihr hoch und heilig versprechen, nicht ins Feuer zu fassen, und dann durfte ich wieder in die Küche.

Die ersten paar Tage war ich auch ganz brav, obwohl mich die Flammen natürlich furchtbar reizten. Ich guckte nur und fasste sie nicht an, und meine Mama brachte mir bei, wie man Nudeln kocht und Würstchen brät und Soße macht und alles mögliche. Doch dann durfte ich das erste Mal alleine kochen. Erst nahm ich mich ganz arg zusammen. Ich setzte das Nudelwasser auf und schnippelte Gemüse für die Soße, und solange ich was zu tun hatte, war auch alles gut.

Aber dann waren die Nudeln im Wasser und die Soße wurde langsam warm, und ich hatte eigentlich nicht viel zu tun. Ich rührte ein bisschen in den Töpfen, aber das war ziemlich schnell ziemlich langweilig. Und die Flammen tanzten so hübsch unter den Töpfen, als wollten sie mit mir spielen. Und Mama war ja nicht da, und ich war sicher, dass nichts passieren konnte, wenn ich nur gut aufpasste.

Also steckte ich einen Finger in die Flammen.

Heiß waren sie, aber das hatte ich mir ja denken können, schließlich konnten wir nur deshalb kochen. Ich hatte ja schon ein bisschen Angst, dass sie mir wehtun würden, denn davor hatte meine Mama mich natürlich gewarnt, aber ich dachte, so schlimm konnte das ja nicht sein, eine heiße Suppe tat ja auch nicht wirklich weh, selbst wenn Mama immer zurückzuckte und pustete wie eine Wilde, wenn sie sich die Zunge verbrannte. Komisch, mir war das noch nie passiert.

Und auch jetzt tat es nicht wirklich weh. Ich fuhr mit dem Finger durch die Gasflamme, und sie leckte neugierig daran und erhitzte die Luft darum herum, das spürte ich schon; aber Schmerzen hatte ich keine, und als ich den Finger wieder herauszog und genauer anschaute, sah er aus wie vorher.

Vielleicht brauchte der Schmerz einfach ein bisschen länger? Ich erinnerte mich daran, wie ich mal von der Schaukel gefallen war und erst furchtbar erschrocken bin, aber weh tat mir nichts – bis ich auf meine Knie guckte und sah, dass sie beide bluteten wie verrückt. Dann spürte ich auch den Schmerz.

Ob es mit Feuer genauso war? Ich beobachtete meinen Finger, aber da war nichts. Inzwischen war er auch schon nicht mehr warm. Ich rührte die Soße um und warf immer wieder einen Blick auf den verbrannten Finger, aber nichts tat sich. Verbrennen schien also gar nicht so schlimm zu sein. Warum nur hatte Mama solche Angst davor gehabt?

Dann kam sie schon mit Ina heim, und ich war so stolz auf das erste Essen, das ich ganz allein gekocht hatte, dass ich nicht mehr daran dachte. Mama lobte mich auch ganz arg, also beschloss ich, ihr nichts von den Flammen zu erzählen, denn sie hatte mir ja verboten, mit dem Feuer zu spielen. Und jetzt, wo ich kochen konnte wie eine Große, wollte ich das auch weiterhin machen. Also behielt ich das mit dem Feuer erst einmal für mich. Spannend fand ich es weiterhin, aber ich passte auf, dass Mama nichts davon mitbekam, und eine ganze Weile lang klappte das auch ganz wunderbar.

Bis ich Ina das Kochen beibringen wollte.

Aber das ist eine andere Geschichte.

(27./28.12.2013, 815 Wörter)

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8 Kommentare

  1. Oh, und erfahren wir das noch, was dann passierte!?

    1. Also, geplant ist eine Fortsetzung eines Tages schon… aber wann ich das schreibe, kann ich noch nicht versprechen.

      Danke für’s Lesen und Kommentieren!

      1. Das Ende macht halt wirklich mal neugierig. :)

      2. Na, dann werde ich mal sehen, was sich machen lässt ;-) Es freut mich sehr, dass du weiterlesen willst! Diese Woche wird es aber wohl noch mal was anderes.

      3. Oh, lass dich nicht drängen!

  2. Bei mir war’s der Auspuff unseres Autos, der so verführerisch war, dass ich ihn nach einer langen Autofahrt trotz Warnungen der Eltern einfach mal berühren musste. Nicht zur Nachahmung empfohlen… Eine sehr schöne Geschichte, wunderbar lebendig erzählt, und persönlich könnte ich auch auf eine Fortsetzung verzichten, ich mag den Spielraum nach derartigen Enden…

    1. Danke für das Lob!

      Mal sehen, wann aus der Fortsetzung überhaupt was wird… Aber sie wird dann „Feuer und Flamme (Teil 2)“ oder ähnlich heißen, du kannst sie also ganz einfach ignorieren, wenn es dir so besser gefällt ;-)

  3. […] 919 Wörter. Der erste Teil ist hier zu […]

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