Resonanzen

Ist nicht Musik die elementarste aller Sprachen? Eine, die jeder Mensch verstehen kann, egal, wo er geboren wurde und wie er sonst kommuniziert. Ich habe gelesen, dass selbst Taubstumme Musik spüren können, wenn sie laut genug ist, dass die Vibrationen ihre Körper zum Schwingen bringen. Ist das nicht eine wundervolle Vorstellung? Musik, die alles durchdringt?

Mein Leben jedenfalls durchdringt sie, seit meine Mama mir da erste Wiegenlied vorsang. Sie sagt, ich hätte gesummt, bevor ich gesprochen hätte, und Papa sagt, mein erste Wort wäre „Lied“ gewesen. Wer weiß? Ich erinnere mich nicht mehr daran, aber dafür an viele Stunden, in denen Mama gesungen an, erst für mich, dann mit mir. Ich liebe singen!

Als ich sechs war, durfte ich dann in den Kinderchor. Das war toll! Jeden Tag singen, und ab und zu hatten wir Auftritte, zu denen wir manchmal sogar in andere Orte fuhren. Das fand ich natürlich spannend, aber noch spannender fand ich es, neue Lieder und Melodien zu lernen.

Manchmal haben wir uns im Kinderchor auch mit Orff-Instrumenten selber begleitet. Die anderen Kinder fanden das toll, aber ich muss zugeben, mit einem Klöppel aufs Xylophon einzudreschen hat mir nie wirklich Spaß gemacht. Selber zu singen fand ich viel besser. Der neuartige Klang war allerdings interessant – solche Töne hatte ich vorher noch nie gehört! Ich versuchte, sie nachzuahmen, und nach einer Weile gelang mir das tatsächlich ganz gut. Die Chorleiterin wollte mir das erst nicht glauben, aber als ich ihr bewies, dass ich das ganz alleine und ohne verstecktes Instrument machte, war sie ziemlich beeindruckt. Den anderen Kindern traute sie das aber nicht zu, weshalb sie meinen Vorschlag, die Begleitmusik in Zukunft zu singen statt zu spielen, einfach ausschlug.

Ich war ziemlich beleidigt, aber als ich versuchte, den Trick ein paar Freunden beizubringen, um die Chorleiterin zu überzeugen, musste ich einsehen, dass mein Talent wohl ziemlich einzigartig war.

Später stellte ich dann fest, dass ich damit noch ganz andere Sachen machen konnte – Stimmen nachahmen zum Beispiel, was mir in der Schule eine Menge Lacher von meinen Klassenkameraden und einen Verweis von meinem Lehrer einbrachte, der da wohl leider nicht so viel Humor hatte. Trotzdem machte mir Singen weiterhin den meisten Spaß.

Dann nahm mein Papa mich in die Bücherei mit. Eigentlich wollte er, dass ich mehr lese. Er glaubte, das würde helfen, meine Noten zu verbessern. Doch dann entdeckte ich, dass man in unserer Stadtteilbücherei nicht nur Bücher und Zeitschriften, sondern auch CDs ausleihen konnte! An diesem Tag begann meine Reise durch die Welt der Popmusik (und die Popmusik der ganzen Welt) erst richtig.

Meine Schulnoten litten erstmal darunter, das muss ich zugeben. Papa war sauer, Mama war enttäuscht. Sie versuchten es mit gutem Zureden, sie versuchten es mit Zwang – Mama weigerte sich, mit mir zu singen, bis ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, dabei wusste ich doch, wieviel Spaß das auch ihr machte! Und Papa verbot mir, CDs aus der Bücherei auszuleihen, bis meine Noten wieder besser waren. Aber was konnte ich dafür, dass der Schulunterricht soviel langweiliger war als meine Musik?

Irgendwann versuchten sie es mit Drohungen.

„Wenn du nicht lernst, schaffst du es nicht aufs Gymnasium.“

„Na und?“

„Was willst du denn später mal arbeiten? Ohne gute Ausbildung landest du bei Aldi an der Kasse!“

„Ich kann ja immer noch Sängerin werden.“

„Davon kann man doch nicht leben!“

„Aber Madonna ist auch damit reich geworden.“

„Du bist aber nicht Madonna.“

„Ich singe aber genauso gut wie sie! Wenn ich groß bin, geh ich in ne Castingshow, und dann werd ich berühmt.“

An dieser Stelle seufzten meine Eltern und verlangten, dass ich dann doch wenigstens bis dahin lernen sollte, schließlich könne ich mich nicht darauf verlassen, dass das klappen würde. Und weil ich sah, wie traurig ich sie machte, versprach ich, mich zu bessern, und dann lernte ich ein paar Tage lang fleißig, bis ich eine neue Band entdeckte und wieder den Kopf so voll Musik hatte, dass ich nicht mehr an die Schule dachte.

Schließlich hatte Mama eine Idee. Zu meinem neunten Geburtstag schenkte sie mir eine CD, die ich noch nicht kannte. Ich legte sie ein, und aus dem Lautsprecher kam eine Musik, wie ich sie noch nie gehört hatte.

„Was ist das?“, fragte ich, fassungslos.

„Das“, erklärte sie feierlich, „ist sogenannte klassische Musik. Romantik, um genau zu sein. Edvard Griegs ‚Peer Gynt‘. Und wenn du solche Musik machen möchtest, musst du an die Uni gehen und Musik studieren. Und dafür musst du das Gymnasium schaffen.“ Sie sah mein langes Gesicht und fügte hinzu: „Außerdem gibt es musische Gymnasien, in denen der Musikunterricht Schwerpunkt ist.“

Zwei Wochen später sollte ich in die vierte Klasse kommen. Ich nutzte jeden Tag, um abwechselnd den Stoff des letzten Jahres nachzuholen und meine neue Musik zu hören. In diesem Schuljahr schrieb ich die besten Noten, die ich bis dahin hatte.

 

(10./11.01.2014, 814 Wörter)

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4 Kommentare

  1. Mit Musik geht alles besser :-)

  2. Meinen Lehrern ist es perfekt gelungen, mir die Freude an der Musik zu nehmen. Aber sie haben Pech gehabt. Sie hatten nicht mit dem Leben gerechnet. Heute liebe ich Klassik, Jazz, Dixieland, Soul, Liedermacher, …
    Selbst Musizieren beschränkt sich auf das Einlegen einer guten CD. Das ist zwar schade, aber ich trage es mit Fassung und freue mich über die Musik, die ich höre.

    1. Es ist nie zu spät, ein Instrument zu lernen ;-) Aber ich bin ja auch kein großer Musiker, das muss ich zugeben. Ich schreibe mehr darüber, als ich selbst mache. Vielleicht sollte ich mein altes Cello mal wieder auspacken… Die Nachbarn werden’s schon aushalten :-P

  3. […] 791 Wörter. Der erste Teil ist hier zu […]

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