Ein Geheimnis (Teil 2)

Die Pubertät ist wohl für niemanden der angenehmste Teil des Lebens. Pickel, Hormone, die erste Liebe, der erste Herzschmerz, und diejenigen, die einem eben noch wie die klügsten und besten Menschen des Universums schienen – die Eltern –, verwandeln sich von heute auf morgen in verständnislose, überstrenge Fremde, die in einer ganz anderen Welt leben. Es ist eine Zeit des Übergangs, des Wandels, und Wandel ist nicht einfach. Menschen sind von Natur aus konservativ. Wenn sie einmal glauben, die Welt verstanden zu haben, möchten sie, dass sie dann auch so bleibt.

Die Pubertät stellt all das in Frage.

Als ich in die Pubertät kam, hatte ich die besten Voraussetzungen: liebevolle, um Verständnis bemühte Eltern, eine behütete Kindheit in einem gebildeten Haushalt, die mir alles mitgegeben hatte, was man seinem Kind geben kann, ohne mich allzu sehr zu verwöhnen, und einen großen Freundeskreis. Außerdem aber hatte ich ein Geheimnis, etwas, von dem nicht einmal mein bester Freund (jener Nachbarsjunge, der mir ins Gesicht geniest und mich Jahre später auf einen Baum gelockt hatte, um dann Zeuge meines ersten Beinbruchs zu werden) wusste. Ich war unverwundbar.

Der Glaube daran war in meiner Altersgruppe weit verbreitet, anders lässt sich kaum erklären, wie bereitwillig meine Klassenkameraden alle möglichen dummen Risiken eingingen, aber ich war der einzige, der es beweisen konnte. Oder vielmehr, der beweisen konnte, dass seine Wunden, egal wie tiefgreifend, binnen Kurzem heilten.

Ich hütete mich allerdings, das irgendjemanden sehen zu lassen. Zu deutlich war mir die Erinnerung, wie schockiert meine Eltern gewesen waren, wenn sich kleinere Wunden über Nacht schlossen, und da ich den Verdacht, nicht ganz menschlich zu sein, seit meinem allzu schnell verheilten Beinbruch nicht losgeworden war, verbarg ich diese Eigenschaft, als wäre sie eine Behinderung.

Als die Pubertät jedoch zuschlug, stellte ich zwei Dinge fest: Meine Selbtheilungskräfte bedeuteten, dass ich mir um Pickel keine Sorgen machen musste. Und sie nahmen zu, mit jedem neuen Barthaar, wie mir schien.

Das war auch die Gelegenheit, zu der ich es bemerkte. Ich war immer schon ein wilder Junge, und dass Verletzungen mich nicht lang bremsten, hatte es nur schlimmer gemacht, aber ich war schon so daran gewöhnt, einfach ein Pflaster über meine diversen Wehwehchen zu kleben und es dann zur Tarnung ein paar Tage draufzulassen, dass ich nicht mehr groß darauf achtete, wie schnell oder langsam sie heilten. Als ich aber voller Stolz zum ersten Mal den Rasierer ansetzte und mich natürlich prompt damit schnitt, war es nicht zu übersehen. Ich stand schließlich vor dem Spiegel, und so konnte ich zusehen, wie sich die Wunde schloss. Ich warf einen hastigen Blick auf meinen Vater, der neben mir stand und sich ebenfalls rasierte – Vater und Sohn, traut vereint in einem Ritual der Männlichkeit. Er hatte sich wohl eine Art Bonding davon erhofft, aber mit dieser Entdeckung war alle Vertrautheit zumindest von meiner Seite dahin. Ich rasierte mich so vorsichtig es ging, um einen weiteren Schnitt zu vermeiden, und flüchtete dann aus dem Badezimmer.

Mein Vater war vermutlich etwas enttäuscht, aber ich war zu verwirrt (und wohl auch zu sehr gefangen in meiner pubertären Selbstbezogenheit), als dass ich darauf geachtet hätte.

Später schnitt ich mich absichtlich mit einer Rasierklinge in den Finger, und auch dieses Mal hatte die Wunde kaum Zeit zu schmerzen, bis sie wieder verheilt war. Ich war entsetzt und begeistert. Einerseits hieß das, dass ich tatsächlich nahezu unverletzbar war; andererseits aber musste ich ab jetzt aufpassen wie ein Luchs, dass ich mich nicht in der Öffentlichkeit verletzte.

Jeder Jugendliche hat seine Geheimnisse. Die wenigsten davon kann eine kleine, gut sichtbare Schramme verraten.

 

(18.01.2014, 592 Wörter. Der erste Teil ist hier zu finden.)

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