Sterne

Sie funkeln auf uns herab wie die Augen höhnischer Götter, wie falsche Diamanten vom Samttuch des Fälschers, sie verheißen und verlocken und sind doch unerreichbar.

Ich stehe hier und sehe sie, näher als jeder Mensch zuvor und doch genauso weit entfernt.

Wir haben es versucht, sie zu erreichen. Wir haben Generationen unserer klügsten Köpfe daran gesetzt, ihnen näher zu kommen, mit Teleskopen und Messinstrumenten, mit Sonden und Raumschiffen. Und immer noch funkeln sie aus der Ferne, verspotten uns und unsere schwächlichen Versuche, die auf sie wirken müssen wie das Grabschen eines Kleinkindes, das auf dem Tisch den Kuchen sieht und doch nicht einmal die Sitzfläche der Stühle erreichen kann.

Auch ich habe es versucht, habe ihnen mein ganzes Leben gewidmet. Ich habe sie von Kindesbeinen an durchs Teleskop bewundert, habe alles über sie gelernt, was wir wissen, und neues erforscht, und doch komme auch ich nicht an sie heran.

Wir haben Sonden zu ihnen geschickt, erst Voyager, dann New Horizons, aber sie beide erreichen nichts, erreichen niemanden, trudeln tot durch die unendliche Leere, deren Größe wir nicht begreifen können.

Ich habe meinen Geist durch das Studium und meinen Körper durch das Training gequält, habe Jahre meines Lebens auf diese Chance hingearbeitet. Dann durfte ich, endlich, diesen kleinen Planeten verlassen, durfte hinauf ins All, in die Weite, mich den Sternen nähern, doch alles, was ich erreicht habe, ist ein Bewusstsein für die Entfernung, die uns immer trennen wird.

Wir haben Bücher geschrieben und Filme gedreht, in denen wir zwischen den Sternen tanzen wie zwischen Partygästen in einem besonders vollen Ballsaal. Von Stern zu Stern brauchen die Kirks und Skywalkers unserer Erfindung Stunden, und sie bauen Konstrukte größer als Monde. Wer einmal das All gesehen hat, wie es wirklich ist, der weiß, dass die Autoren und Regisseure nicht einmal ahnen, wie groß ein Mond ist; nein, sie begreifen nicht einmal den Umfang des Planeten, auf dem sie doch jeden Tag stehen und gehen.

Es ist mir unmöglich, über den Himmel zu laufen wie ein Skywalker, und ich dringe auch nicht in Galaxien vor, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. All die Geschichten, die ich verschlungen habe, die meine Fantasie beflügelt und meinen Ehrgeiz geweckt haben – jetzt verhöhnen sie mich aus der Vergangenheit, von der sicheren Beschränktheit unseres Heimatplaneten, dessen Sonne ich nicht einmal verlassen habe und der mir inzwischen doch so unerreichbar ist wie die lockenden, lachenden Sterne.

Sie funkeln auf mich herab wie die Augen höhnischer Götter, und nach all den Jahren der Reise sind sie nicht einen Millimeter größer geworden. Ich habe mich ins All schießen lassen, um wenigstens die nächsten Himmelslichter zu erforschen, die Planeten, deren gestohlenes Sonnenlicht unseren Nachthimmel schmückt. Doch auch sie erreiche ich nicht mehr.

Ich werde nichts mehr erreichen. Ich habe mich nach dem Licht der Sterne gesehnt, und nachdem ich verstand, wie weit sie tatsächlich entfernt sind, nach dem Glanz der Planeten. Doch es war ein Komet, ein matter, staubbedeckter Eisbrocken, zu dunkel, um in den Teleskopen zu erscheinen, zu klein, um von den Messinstrumenten erkannt zu werden, zu langweilig, um in einer Geschichte aufzutauchen, zu nah, um mich zu reizen; ein dunkler, dummer Komet, der meine Bahn im falschen Augenblick kreuzte und damit mein Schicksal besiegelte.

Ich treibe steuerlos durch die Leere. Die Planeten ziehen unbeirrt ihre Bahnen um die Sonne; ich habe ihre Ekliptikebene verlassen, mitgerissen von einem Bruchstück, einem Überrest, einem Planetesimal, das kein Planet haben wollte, kosmischem Abfall aus der Oortschen Wolke.

Mein Treibstoff reicht nicht aus zur Kurskorrektur. Zu weit schon bin ich von der Erde entfernt, und außerhalb der Ekliptikebene gibt es keinen Planeten, dessen Gravitation mir den nötigen Schwung geben könnte. Ich könnte bremsen, aber das würde nichts ändern als die Stelle im Nichts, an der ich sterbe. Ich verbringe meine Zeit damit, Kometen zu zählen und ihre Daten zur Erde zu funken, in dem albernen Glauben, damit sei mein Tod nicht umsonst (irgendetwas muss die Langeweile vertreiben), und die Sterne zu beobachten.

Sie funkeln auf mich herab wie die Augen höhnischer Götter, wie falsche Diamanten vom Samttuch des Fälschers, sie verheißen und verlocken und sind doch unerreichbar.

 

(24./25.01.2014, 684 Wörter. Sci-Fi Writers Have No Sense of Scale.)

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4 Kommentare

  1. Lautlos im Weltraum. Fein :-)

  2. Toller und anspruchsvoller Text. Hatte ich nicht erwartet. Du stapelst in deinem ‚about‘ ja ziemlich tief. :-)

    1. Danke! Freut mich, dass er dir gefällt.

      Das „About“ ist auch ein bisschen Selbstschutz – manche Texte sind schon eher flach, und ich möchte lieber positiv überraschen als enttäuschen ;-)

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