Meine Muse

Meine Muse hat ein Alkoholproblem. Ich habe schon des Öfteren versucht, sie darauf anzusprechen, aber sie blockt ab. Wie das so ist bei Süchtigen: Solange sie das Problem nicht sehen wollen, kann man nicht mit ihnen darüber reden.

Eigentlich wäre mir das ja egal. Wenn es ein Freund wäre, dem es so geht, würde ich mir mehr Sorgen machen; ich glaube nicht, dass ich einfach so zusehen könnte, wie sich ein guter Freund zugrunde richtet. Nein, da würde ich mir schon was einfallen lassen. Aber meine Muse ist keine Freundin – im Gegenteil, uns verbindet eher eine Art Hassliebe.

Naja, und die Tatsache, dass wir voneinander abhängig sind. Ich brauche sie zum Schreiben. Sie braucht mich, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Ich habe jahrelang in WGs gewohnt und so einige an Mitbewohnern mitbekommen, aber meine Muse toppt sie alle, und ich kann ihr nicht einmal den Mietvertrag kündigen.

Ob es wohl eine Möglichkeit gibt, einer Muse zu kündigen? Kann man dann eine neue beantragen, und wenn ja, wo? Ich sollte dem wirklich nachgehen, aber mir fehlt dafür momentan einfach die Inspiration. Vermutlich, weil sie mal wieder vor der Glotze hängt.

Mist, das hat sie gehört. Jetzt brüllt sie mir wieder irgendwas Unanständiges zu und verlangt nach einem frischen Bier. Soll sie es sich doch selber holen, mir schmeckt das Zeug sowieso nicht.

Wenn ich doch wenigstens eine Muse mit Sinn für die feineren Genüsse des Lebens hätte! Eine, mit der man bei einem Glas edlen Weines angeregt über Poesie disputieren kann… Oder wenigstens eine, die nicht auf Fußball und Reality Soaps steht und nichts als Bier und billigen Wodka säuft. Davon aber umso mehr. Was die alles in sich reinschüttet! Unglaublich. Ich wäre beeindruckt, wenn ich nicht so entgeistert wäre.

Jedenfalls, wenn jemand weiß, wie man seine Muse austauscht, ich bin für jeden Hinweis dankbar. Aber wenn sich nichts findet, muss ich irgendwann ernsthaft darüber nachdenken, sie einfach rauszuschmeißen. Lange halte ich das nämlich nicht mehr aus.

Außerdem macht sie ihren Job auch immer schlechter. Ich meine, klar, Musen sind launisch, das weiß jeder Künstler; aber die meisten lassen sich doch irgendwann in den Griff kriegen. Meine nicht. Die hat einfach keinen Bock mehr auf ihre Arbeit, ich weiß nicht, warum sie nicht schon längst selber gekündigt hat.

Anfangs hat sie mir ja immer noch Ideen gegeben. Manchmal sogar richtig gute! Allerdings hatte sie immer schon eine gehässige Ader – warum sonst hat sie das meistens dann getan, wenn ich nichts zu schreiben hatte, unter der Dusche oder im Gespräch mit meinem Chef oder wenn ich gerade rennen muss, um den Bus zu kriegen. Teamwork geht anders, du blöde Kuh! Ja, ich weiß, dass du das gehört hast, und nein, ich bringe dir immer noch kein Bier. Bisschen Bewegung tut dir gut.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, das Alkoholproblem. Ja, als das anfing, ging es so richtig den Bach runter. Erst wurden die Ideen immer sporadischer, dann kamen sie nur noch, wenn sie ausreichend Alkohol intus hatte; und die Qualität hat natürlich auch darunter gelitten. Inzwischen ruft sie mir nur noch ab und zu, wenn sie sich daran erinnert, warum sie überhaupt bei mir wohnen darf, ein paar wilkürlich Stichwörter zu, und wenn ich mich beschwere, sagt sie, ich sei die Künstlerin, was draus machen müsste ich schon selber. Na, vielen Dank auch.

Aber bitte. Sie will, dass ich etwas draus mache? Dann schreibe ich jetzt über sie. Ihre Ideen taugen meistens nichts – das letzte Stichwort, das sie mir gegeben hat, war „Klopapier“; na, das kann sie sich genau dahin stecken, wo man es normalerweise verwendet –, aber dann schreibe ich eben über sie. Ich weiß schon, was sie sagen wird: Dass ich meine schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit waschen soll. Ha, als ob ich diejenige wäre, die seit einer Woche nicht das T-Shirt gewechselt hat! Dass wir unsere Probleme unter vier Augen klären sollten. Als hätte ich das nicht schon x-mal versucht! Dass ich sie doch bitte direkt ansprechen soll, wenn ich was von ihr will. Würde ich ja, aber ihre Fahne hält mich davon ab, ihr näher als unbedingt nötig zu kommen. Dass sie auch gehen kann, wenn sie mir nicht passt. Das ist ihre ultimative Drohung.

Und weißt du was, Fräulein Muse? Geh doch. Du weißt, wo die Tür ist. Und ich weiß inzwischen, dass ich auch ohne dich klarkomme. Diesen Text nämlich? Den habe ich ganz ohne Inspiration geschrieben. Ich hoffe nur, man merkt es nicht…

 

(01.02.2014, 746 Wörter. Ich, äh, war nicht so inspiriert heute… Also habe ich das zum Thema genommen. Das Klopapier kam übrigens tatsächlich von meinem Liebsten, als ich den um ein Stichwort bat. Naja, immerhin habe ich es doch noch eingebaut… Aber ob das in seinem Sinne ist? :-P )

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7 Kommentare

  1. Haha. Eine alkoholsüchtige Muse, die vor der Glotze abhängt – au Backe. Aber wie der Text zeigt, brauchst du sie wirklich nicht. Setz sie vor die Tür und schreib ohne ihre anmaßenden Meckereien weiter. :)

    1. Danke! :-) Mal sehen, ob ich das wage… ;-)

  2. Ich habe auch so etwas, wie eine Muse. Bei mir ist es ‚Der kleine Ingenieur in mir‘. Der gibt mir nicht nur Ideen, sondern quatscht auch laufend rein. Ich muss jetzt mal checken, ob er auch so ein Problem hat. Bisher ist mir noch nichts aufgefallen. Aber wenn ich etwas finde, na dann…

    1. Oje, ich hoffe nicht! So ein Ingenieur ist doch eigentlich ganz nützlich, wäre blöd, wenn der sich kaputtsäuft…

  3. Olle Muse ;-)

  4. sehr lustig :-) und toll, dass du es geschafft hast dich von deiner versoffenen muse zu emanzipieren! wär doch tragisch, wenn sie dich mit in den abgrund des alkoholismus gerissen hätte ;-)

    1. Danke :-)

      Ja, Alkohol genieße ich lieber in Maßen. Und meine Inspiration muss ich mir jetzt eben selber holen ;-)

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