Re-Animatrix (Teil I)

Ich hatte ein paar Leichen im Keller. Vermutlich haben viele von uns das – den angefangenen Roman, der in der untersten Schublade schlummert; das Heft mit den Nähvorlagen, die wir unbedingt mal ausprobieren wollten; das tolle Kochbuch mit über hundert Rezepten aus aller Welt, aus dem wir bisher nur eine einzige Suppe gekocht haben, bevor es zum Staubfänger wurde; die Mitgliedschaft im Fitnessstudio, die wir seit einem halben Jahr nur noch bezahlen, um unser schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, dass wir eines Tages bestimmt wieder regelmäßig hingehen.

Meine Leichen waren alle von der literarischen Art. Kurzgeschichten, Romane, sogar ein Drehbuch, alles mögliche hatte ich angefangen und nie zu Ende geschrieben, und nun moderten sie in alten Notizbüchern und Blöcken vor sich hin. Einige hatte ich komplett aufgegeben, zum Teil sogar schon vergessen, worum es in ihnen einmal hatte gehen sollen. Bei anderen glomm noch immer das kleine Flämmchen Hoffnung, dass ich sie eines Tages beenden würde; aber wenn ich ehrlich war (wovor ich mich natürlich hütete), wusste ich, dass dieser Tag nie kommen würde.

Nun gut; wie gesagt, viele haben solche Leichen im Keller, und sie tun niemandem damit weh (außer vielleicht dem eigenen Selbstwertgefühl). Ich hatte kein richtig schlechtes Gewissen deswegen. Außerdem gelang und gelingt es mir ja immer wieder, die eine oder andere Kreatur Frankensteinscher Art zum Leben oder zumindest zur Vollständigkeit zu erwecken. Damit tröstete ich mich, wenn die Menge meiner Leichen mich mal wieder erschreckte.

Eines Tages jedoch geschahen zwei Dinge, die zusammen mein Leben ändern sollten.

Das erste war mein Umzug. Aus beruflichen Gründen musste ich in eine andere Stadt ziehen, und wie das so ist bei Umzügen, wollte ich vorher gründlich ausmisten. Dabei stieß ich auf einen ganzen Stapel alter Notizbücher. Ich blätterte ein bisschen darin und stellte fest, dass sie voller angefangener und nie beendeter Geschichten waren.

Einige davon hatte ich komplett vergessen. Ich las sie alle an, und in einigen las ich mich fest. Was ich mal für Ideen hatte! Daraus müsste man doch noch was machen können. Warum nur hatte ich das alles nie fertig geschrieben? Ich beschloss, die Notizbücher mitzunehmen, und sobald ich mich an meinem neuen Wohnort ein bisschen eingelebt hatte, wollte ich daran weiterschreiben.

Das zweite, was in die Katastrophe führte, passierte kurz nach meinem Umzug. Ich hatte noch nicht alle Kartons ausgepackt, und das Wohnzimmer war ein bisschen kahl (ich hatte beschlossen, meine alte Couch nicht mitzunehmen, sondern mir in der neuen Stadt auch ein neues Sofa zuzulegen, war aber noch nicht dazu gekommen), aber das Bett und der Kleiderschrank waren schon aufgestellt und die Küche eingeräumt. Ein paar Freunde übernachteten bei mir – sie waren mitgekommen, um mir bei meinem Umzug zu helfen, und jetzt belagerten sie das nicht-ganz-eingerichtete Wohnzimmer mit Schlafsäcken und Luftmatratzen, denn wenn sie schon mal hier waren, so hatten wir beschlossen, konnten wir auch zusammen in Ruhe die Stadt anschauen.

An diesem Abend hatten wir jedoch alle keine große Lust rauszugehen, und irgendwann schlug jemand vor, eine DVD auszuleihen und einen Filmabend zu machen. Die Idee stieß auf ein begeistertes Echo, und praktischerweise wohnte ich auch direkt über einer Videothek – es waren quasi nur drei Stockwerke (und einmal raus, einmal wieder rein) bis zu einer gigantischen Auswahl an Filmen.

Wir gingen also runter, alle vier, in bester Laune, und als jemand einen 80er-Jahre-Horrorschinken aus dem Regal zog und uns die reißerische Inhaltsangabe vorlas, waren wir Feuer und Flamme. Es geht doch nichts über einen billigen Horrorfilm für einen gelungenen Filmabend mit Freunden! Also liehen wir Re-Animator aus und nahmen auch gleich noch eine große Packung Chips und ein paar Flaschen Bier mit.

Der Film war herrlich blutig, und wir amüsierten uns prächtig. Als ich die anderen jedoch weit nach Mitternach verließ, um im Schlafzimmer in meinem eigenen Bett zu schlafen, ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Klar, ein Serum zu brauen, um tote Menschen zu reanimieren war eine schreckliche Blasphemie und funktionierte im wahren Leben vermutlich sowieso nicht. Aber vielleicht konnte es mir gelingen, meine eigenen Leichen mit der richtigen Mixtur zu neuem Leben zu erwecken?

Als Chemielaborantin komme ich natürlich an alle möglichen Substanzen heran, an die andere nicht gelangen. Also sah ich mich an meinem nächsten Arbeitstag mal im Labor um. Wachstumshormone – das klang doch schon mal gut. Lysergsäurediethylamid? Warum nicht, das soll schließlich die Kreativität erhöhen. Und kreativ sollten meine Geschichten ja sein. Und Anabolika, um sie so richtig stark zu machen. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon; etwas Alkohol kann nie schaden; so ging ich durch das Vorratslager. Natürlich achtete ich darauf, von nichts zu viel zu nehmen, schließlich wollte ich ja nicht gleich wieder wegen Diebstahls gefeuert werden. Aber ein paar Milligramm hin oder her, das konnte schon mal aus ganz harmlosen Gründen daneben gehen.

Immer, wenn die anderen Raucherpause machten, mixte ich an meinem Serum. Abends nahm ich es mit nach Hause und probierte es an meinem ersten Notizbuch aus. Doch außer nassen Flecken zeigte es keine Wirkung.

Ich mixte unverdrossen weiter, probierte exotische Substanzen aus, Gifte und Gegengifte, und eines Tages war es so weit.

Ich kam von der Arbeit nach Hause, und gleich nach dem Abendessen legte ich wie immer meine Notizbücher vor mich und schlug willkürlich eine unfertige Geschichte auf. Dann entkorkte ich die Phiole, die ich aus dem Labor mitgebracht hatte, und träufelte vorsichtig mit einer Pipette ein, zwei Tropfen auf das Papier – genug, um die Geschichte zu befeuchten, aber nicht so viel, dass die Schrift unleserlich würde. Erst geschah nichts, und ich dachte schon, es wäre wieder ein Reinfall gewesen. Doch dann begannen die Buchstaben schwach zu glimmen. Ich schaute näher hin. Bewegten sie sich etwa? Tatsächlich, sie zitterten, und dann glitt mein Blick auf die letzte, unfertige Zeile der Geschichte, die hintersten Buchstaben.

Sie zitterten, sie leuchteten, und dann gebaren sie neue Lettern. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie die Geschichte sich selber fortschrieb. Ich las die neuen Worte, und mein Herz schlug schneller. Sie waren gut! Sie waren mindestens so gut wie alles, was ich bisher geschrieben hatte, wenn nicht sogar besser.

Jetzt hatten sie das Ende der Seite erreicht, und statt innezuhalten, schoben sie den Rand des Papiers nach unten. Ich blätterte mit zitternden Fingern um. Auf der nächsten Seite begann eine weitere Geschichte, auch sie unabgeschlossen. An einer Stelle hatte das Serum begonnen durchzusickern, und schon begannen auch hier die Buchstaben zu zittern und zu glühen und sich zu vermehren.

Ich hatte es geschafft.

(08.02.2014, 1071 Wörter. Leider habe ich es nicht ganz geschafft, die Geschichte fertigzuschreiben, und außerdem wäre sie irgendwann zu lang geworden für einen einzigen Post. Die Fortsetzung gibt’s nächste Woche, versprochen!)

Teil II
Teil III

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9 Kommentare

  1. Wer hat keine Leichen im Keller? Zum Glück gibt es bei mir auch noch ein paar davon, die irgendwann mal als fertige Geschichte enden oder nicht.
    Mit Chemie stehe ich leider zum Glück auf Kriegsfuss. Was da sonst rauskommen würde?

    1. Ja, es ist vermutlich besser, Geschichten auf die altmodische Art fertig zu schreiben :-)

  2. Jetzt weiß ich, wie manchen Autoren es schaffen, jedes Jahr 1-2 neue Romane mit vielen hundert Seiten zu schreiben… Und ich dachte, die wären einfahc nur sehr kreativ.

    1. Tja, so kann man sich täuschen. Aber der einfachste Weg ist nicht immer der beste – warte bis nächste Woche…

      1. Ich bin gespannt!

  3. Klasse! Hätte ich gewusst, dass es so einfach ist mit den alten Texten … ;-) Also so unter uns, magst du mir eine Portion buchstäblicher Anabolika geben? ;-)

    1. Lieber nicht… warte mal den zweiten Teil ab, ob du dann immer noch begeistert bist :-P

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