Re-Animatrix (Teil II)

(Teil I)

Schnell schlug ich das nächste Buch auf und tupfte Serum auf seine Seiten. Beim dritten probierte ich, ob es reichte, nur die Kanten des geschlossenen Buches zu benetzen. Immerhin war das Serum auch von der ersten auf die zweite Geschichte durchgesickert.

Es funktionierte, und so hatte ich im Nu den ganzen Stapel befeuchtet. Dann verkorkte ich die Phiole wieder, lehnte mich zurück und beobachtete mein Werk.

Bald schon quollen die Bücher über vor Geschichten. Ich las hier und dort hinein, fasziniert von diesen Werken, die meine waren, obwohl ich sie nie fertiggeschrieben hatte. Dennoch war ich stolz auf sie. War nicht alles, was das Serum vollbrachte, auch mein Werk?

Nach einer Weile fiel mir jedoch etwas Seltsames auf. Ich las eine der Geschichten, an die ich mich noch erinnerte. Es war eine Liebesgeschichte gewesen, unbeschwerte Romantik, ein paar komödiantische Wirrungen und dann ein Happy End, zu dem ich irgendwie nie gekommen war. Was ich nun jedoch las, war verstörend. Die Frau in der Geschichte hatte sich in eine gewalttätige Stalkerin verwandelt, während der Mann ihr reihenweise fremdging und seine wechselnden Geliebten mies behandelte. So war das nicht gedacht gewesen… Oder hatte ich das unbewusst schon im Anfang angelegt, und das Serum brachte es ans Tageslicht?

Ich las eine andere Geschichte. Das hier war eine Satire gewesen, und als der Prominente, um den es darin ging, aus dem Rampenlicht verschwunden war, hatte ich keine Lust mehr gehabt, daran weiterzuschreiben. Doch in der neu erstehenden Fortsetzung hatte auch er sich zu einem Ungeheuer gewandelt.

Das kam mir dann doch unheimlich vor. Ich las eine andere Geschichte, und noch eine, und noch eine. Sie alle verwandelten sich immer mehr in Horrorstories. Psychopathische Mörder, hinterhältige Verräter, Mord und Totschlag überall. Ich war entsetzt. Hatte ich etwa ein Monster geschaffen?

Ich ließ die Geschichten erst einmal liegen und ging schlafen. Es war ein langer Tag gewesen, und ich war müde. Morgen, so dachte ich, wären die Texte sicher alle beendet, und dann konnte ich sie immer noch in Ruhe durchgehen und die schlimmsten Auswüchse verwerfen oder überarbeiten.

Gegen Mitternacht wurde ich von einem Geräusch geweckt. Eine Weile lag ich verwirrt in meinem Bett, unsicher, ob es nur ein Traum gewesen war, doch dann hörte ich es wieder: Ein Kratzen und Rascheln, wie von Mäusen in einer strohgedämmten Wand. Ich stand auf und lauschte. Woher kam es? Hoffentlich nicht aus der Küche, dachte ich noch, Mäuse in der Küche kann ich so gar nicht gebrauchen.

Noch ganz schlaftrunken tapste ich in den Flur. Das Rascheln wurde lauter, je mehr ich mich dem Wohnzimmer näherte. Wenigstens nicht in der Küche, war mein letzter Gedanke, bevor ich die Tür öffnete.

Eine riesige dunkle Masse schwappte mir raschelnd entgegen, ergoss sich über den Flur und wickelte sich um meine Beine. Erschrocken erkannte ich, dass es Papier war, Berge von Papier. Ich versuchte mich von den Schlangen zu befreien, die sich um meine Füße geschlungen hatten, doch sie schienen sich festzuklammern, und mit jeder Schlinge, die ich löste, legte sich eine neue um mich. Schließlich griff ich mit beiden Händen danach und versuchte es abzureißen – schließlich war es nur Papier, nicht wahr? – doch es erwies sich als erstaunlich reißfest. Noch dazu schnitten die Ränder mir bei jeder falschen Bewegung in die Haut, und wer schon einmal einen Papierschnitt hatte, der weiß, wie höllisch das wehtut.

Endlich gelang es mir, mich zu befreien. Meine Beine und Hände waren von blutigen Striemen bedeckt, und noch immer quoll Papier aus dem Wohnzimmer, meine wiedererweckten Geschichten, die ich doch nur fertigstellen wollte und die sich nun weigerten zu enden.

Ich versuchte, den Haufen zurück ins Wohnzimmer zu drücken und die Tür zuzumachen, doch die Geschichten stemmten sich mit einer Kraft dagegen, die mir fast zielgerichtet schien. War dies mehr als ein Stapel unbeseelter Seiten?

Entsetzt beobachtete ich, wie Papierstreifen die Wände hochkrochen wie Tentakel, nach der Tür griffen und sie aus dem Rahmen hoben. Ich wich zurück, stolpernd und humpelnd. Meine zerschnittenen Füße hinterließen blutigen Abdrücke auf dem Dielenboden.

Eine Ecke des vordersten Tentakels erreichte das Blut, und ich traute meinen Augen kaum. Es saugte die Flüssigkeit auf, bis der Boden wieder so sauber war wie zuvor. Dann stürzte sich ein zweiter Tentakel auf einen anderen Blutfleck, dann ein dritter, und jetzt tastete die ganze Monstrosität den Boden nach frischem Blut ab.

Ich wandte mich von dem grausigen Anblick ab und floh, so schnell ich konnte, aus der Wohnung. Hinter mir hörte ich das Rascheln des Monsters. Hatte es mein Blut gewittert? Wusste es, dass ich es geschaffen hatte? Ich weiß es nicht, aber es nahm umgehend die Verfolgung auf. Ich stürmte die Treppe hinunter und rannte auf die Straße. Der Asphalt war kalt unter meinen nackten Füßen, aber ich hatte keine Zeit, Schuhe zu holen; das Monster quoll schon aus der Haustür. Wohin sollte ich fliehen?

Ich rannte blindlings die Straße entlang. Steine und Scherben bohrten sich in meine Fußsohlen, und das Blut, das ich hinterließ, schien das Monster noch gieriger zu machen. Ich überquerte eine nachtleere Fahrbahn, ohne nach rechts oder links zu schauen, bog um eine Ecke, dann noch eine, immer in der Hoffnung, meinen unheimlichen Verfolger abzuschütteln.

Es half alles nichts. Das Rascheln folgte mir, unaufhaltsam, unentrinnbar.

Jemand kam aus einem Hauseingang auf mich zu.

„Soschbätnoch unnerwegs?“, lallte er und streckte den Arm aus, wie um mich aufzuhalten. Ich stieß den Betrunkenen – denn das war er offensichtlich – von mir, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, und rannte weiter. Er prallte gegen die Wand und schimpfte hinter mir her, doch ich hielt nicht inne, bis seine Flüche in Schreckens- und dann in Schmerzensschreie übergingen.

Ich konnte nicht anders. Ich musste stehenbleiben und zurückschauen.

Die Geschichten, die inzwischen zu einem zwei Meter hohen Haufen aus verschlungenem Papier angewachsen waren, hatten sich um ihn gewickelt. Mehrere Bahnen pressten seine Arme an den Körper und seine Beine zusammen, sodass er weder weglaufen noch Widerstand leisten konnte. Andere Papierarme machten sich daran, ihr Opfer zu verzehren. Kante um Kante schnitten sie in seine Haut, saugten sein Blut aus den frischen Wunden und fügten ihm neue zu. Das Monster zerfetzte ihn vor meinen Augen, bis es ihn andlich fallenließ. Er rührte sich nicht mehr.

Doch nicht einmal dieses Opfer hatte den Blutdurst meiner Kreatur gestillt, im Gegenteil, es schien sie befeuert zu haben. Mit neuer Energie nahm sie die Verfolgung auf.

(08.-12.02.2014, 1061 Wörter. Oje, die Geschichte wächst und wächst… sollte sie etwa doch nicht ganz so fiktiv sein? Den dritten und hoffentlich letzten Teil gibt’s nächste Woche.)

Teil I
Teil III

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4 Kommentare

  1. […] fertigzuschreiben, und außerdem wäre sie irgendwann zu lang geworden für einen einzigen Post. Die Fortsetzung gibt’s nächste Woche, […]

  2. Da bekommt der Satz „Ich bin eingewickelt worden“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung ;-)

  3. Uaaargh! Ich wusste gar nicht, dass Geschichten über unfertige Geschichten so blutig sein könnnen.

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