Der Waldvogel

Der Waldvogel (avis silvestris) lebt nicht, wie sein Name vermuten lässt und wie von Laien oft fälschlich angenommen, im Wald; der Wald lebt vielmehr auf ihm. Dieser der Gattung Giganteae Fantasticae angehörige Riesenvogel ist durch ein dichtes, struppiges Gefieder ausgezeichnet, in dem sich Erde verfängt, die wiederum zahlreichen Pflanzen Nahrung bietet. Dadurch siedelt sich im Laufe des übrigens sehr langen Lebens dieses Tieres dichtes Gestrüpp auf seinem Leib, insbesondere seinem Rücken, an, das dem Waldvogel sowohl Nahrung als auch Tarnung bietet.

Das Gefieder der Küken ist braun und flaumig; nach ca. zwei Jahren wird es durch das leuchtend gelbe, härtere Gefieder des adulten Tieres ersetzt. In dieser Periode sind die Jungvögel am verwundbarsten: noch nicht zu ihrer vollen Größe herangereift, ohne die Tarnung des erdfarbenen Kükengefieders oder des dichten Bewuchses älterer Tiere. Insbesondere fallen viele Jungvögel ohne ausreichenden Pflanzenbewuchs dem Vogel Rock zum Opfer, der als einer der wenigen Beutegreifer groß genug ist, um einen jungen Waldvogel zu töten und fortzuschleppen.

Die Jungvögel versuchen dieser Gefahr zu entgehen, indem sie sich mit Vorliebe in Schlamm und Erde wälzen, um ihr Gefieder zu verdecken und ersten Pflanzenbewuchs zu fördern. Nach ein bis zwei weiteren Jahren ist die Farbe des Gefieders meist nicht mehr erkennbar. In diesem Alter verlässt der Jungvogel die elterliche Obhut, um einen Partner zu suchen und eine eigene Familie zu gründen.

Waldvögel sind meist stille, bewegungsarme Tiere, die Monate auf einem Fleck verbringen können. Umso beeindruckender ist ihre Balz. Das Männchen breitet seine Flügel aus, die meist die letzte gelbe Stelle seines Gefieders sind, und vollführt einen Tanz um seine Angebetete, die ihn, wenn er ihr zusagt, mit trillerndem Gesang begleitet. Das Männchen nimmt die Melodie des Weibchens auf, bis dieses wiederum in seinen Tanz einfällt, der im Paarungsakt mündet. Der Anblick zweier ausgewachsener Waldvögel, die ihr Balzritual ausführen, tanzend auf insgesamt vier mammutbaumdicken Beinen, die ungeheuren Krallen zierlich angezogen, der Gesang begleitet vom Rauschen der Baumkronen auf ihren Rücken, ist wahrhaft einzigartig.

Wenige Tage nach der Paarung legt das Weibchen vier bis sechs Eier von ca. drei Metern Länge und zweieindrittel Metern Durchmesser, die von beiden gemeinsam bebrütet werden. Nach zehn Monaten schlüpfen die Küken. Nun wechseln sich die Eltern bei der Brutpflege ab, bis die Jungen, wie oben beschrieben, nach drei bis vier Jahren ihre eigenen Wege gehen. Stehen alle Jungvögel auf eigenen Beinen, trennt sich das Paar und sucht neue Partner.

Waldvögel sind opportunistische Allesfresser. In ihren Ruhephasen, insbesondere während des Brütens, picken sie Nahrung aus den Wäldern auf ihrem Rücken; während ihrer Streifzüge jagen sie durchaus auch Säuger bis zur Größe von Rindern, sofern diese sich nicht zu schnell bewegen, begnügen sich aber auch mit Büschen und Bäumen, die sie oft im Ganzen verschlingen. Während der Aufzucht der Jungtiere ist ihre Ernährung besonders fleischlastig. In dieser Phase fängt der herumstreifende Partner oft Tiere bei lebendigem Leib, um sie zu seinen Nachkommen zu tragen und diese das Jagen zu lehren. Nach und nach ziehen die Jungvögel auch auf eigene Faust zu kleineren Jagdausflügen los, stets unter dem wachsamen Auge der Eltern. Dennoch kommt es in dieser Zeit zu den größten Verlusten.

Der Waldvogel hat neben dem Vogel Rock, der wie oben beschrieben vor allem Jungvögel jagt, in diversen Drachenarten seinen größten Feind. Insbesondere den feuerspeienden Drachen hat er selbst in hohem Alter wenig entgegenzusetzen; einen gewissen Schutz bieten immerhin dichte Feuchtwälder, weshalb viele Waldvögel die Nähe zu Gewässern suchen.

Entgeht er seinen Fressfeinden, wird avis silvestris bis zu zweihundert Jahre alt. An der Dichte und Größe seines Bewuchses ist das Alter meist leicht abzuschätzen; bei toten Waldvögeln kann man zudem eine genaue Jahreszahl anhand der Schichten eines Schnabelquerschnitts bestimmen.

Der Waldvogel ist an sich ein friedliebender und harmloser Zeitgenosse, allerdings aufgrund seiner schieren Größe für Wesen von der Statur eines Menschen höchst gefährlich. Er ist schwer reizbar, aber auch schwer von einer einmal eingeschlagenen Richtung abzubringen. Man tut gut daran, ihm aus dem Weg zu gehen. Eine friedliche Koexistenz ist aber meist möglich.

(07.03.2014, 658 Wörter. Inspiriert von diesem Bild.)

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6 Kommentare

  1. Faszinierend! Die Viecher müssen einen ganz schön langen und wendigen Hals haben, wenn sie von ihrem Rücken fressen können. Und irgendwann musst du mal eine Geschichte schreiben, wo Waldvögel drin vorkommen, das ist bestimmt eine faszinierende Welt.

    1. Mal sehen, ob mir was dazu einfällt…

      Vielen Dank!

  2. Klasse geschrieben! Ich sah sie vor mir, diese „Bestien“, als mich vorsichtig durch den Wald pirschte. ;-) Ich mag solche Geschichten voller Fabelwesen uns „Geister.“ Die haben in Japan Tradition, wo es von Yokai und Obake nur so wimmelt :D Und wie du weißt, habe ich sogar eine Elfe zu Hause.

    1. Danke!

      Eine Elfe ist bestimmt besser im Haus als ein riesiger Waldvogel ;-)

      1. Ja, Elfen sind zarter und zerschlagen weniger Porzellan, als diese „Biester.“ ;-)

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