Wind (Teil 2)

Der Schultag war vorbei, endlich, und statt nach Hause zu gehen, wo mich sowieso niemand erwartete, ging ich in den Park. Ich kam oft hierher, vor allem, weil meine Klassenkameraden selten hier waren. Im Augenblick war es ihnen zu kalt, und im Sommer gingen sie lieber ins Schwimmbad oder an den nahen See. Nicht, dass sie mich je eingeladen hätten mitzukommen; aber nur weil sie mich ignorierten, hieß das nicht, dass ich nicht hörte, was sie besprachen.

Die Tage, an denen sie mich ignorierten, waren mir ohnehin die liebsten. Heute war ein solcher Tag gewesen, und so hatte die gute Laune, die ich seit gestern Abend hatte, die Schule überstanden. Ich weiß nicht, ob sie spürten, wie weit sie mich gestern getrieben hatten, oder ob sie sich einfach mit anderen Dingen beschäftigt hatten. Vielleicht wirkte ich auch so gelassen, dass ich kein leichtes Opfer mehr war – sie lieben es, mich zum weinen zu bringen. Ich weiß nicht, warum sie mich in Ruhe gelassen hatten, und es ist mir auch egal. Ich habe schon vor langer Zeit den Versuch aufgegeben sie zu verstehen. Ich bin nun einmal anders als sie.

Jedenfalls ging ich nach der Schule so schnell wie möglich in den Park. Er war leer – das Wetter war kalt und windig, und die kahlen Bäume sahen nicht sehr einladend aus, und so hatte ich den ganzen Park für mich. Ich stieg auf den kleinen Hügel in der Mitte und setzte mich auf die Bank der Aussichtsplattform. Es war der höchste Punkt im Park, und der Wind pfiff hier noch stärker als unten, aber mir war das nur recht.

Wie gestern schien er mich freudig zu begrüßen. Er spielte mit meinen Haaren und streichelte mein Gesicht. Ich ließ es geschehen.

Ob sich das Erlebnis von gestern wohl wiederholen ließ? Ich war seit dem Morgen nicht mehr sicher, ob ich all das nicht nur geträumt hatte. Jetzt war die Gelegenheit, das zu prüfen. Ich atmete tief durch. Dann stand ich auf und trat an den Rand der Plattform.

Der Wind frischte auf, wie um mich in meinem Entschluss zu bestärken. Ich sah mich noch einmal um, doch es war niemand zu sehen, und obwohl der Park nicht sonderlich groß war, war er dicht genug bewachen, um mich vor Blicken aus den umliegenden Häusern zu schützen.

Ich breitete die Arme aus und sprang – oder vielmehr hüpfte, aber es genügte. Der Wind ergriff mich und wirbelte mich nach oben. Ich ruderte mit den Armen, um mein Gleichgewicht zu halten, aber erst als ich aufgab und mich dem Wind überließ, bekam ich mich wieder unter Kontrolle.

Der Wind versuchte mich hochzuziehen, weit über die Baumkronen hinauf, aber es war mitten am Tag, und ich hatte noch immer Angst entdeckt zu werden. Mit aller Gewalt versuchte ich unten zu bleiben, und tatsächlich, ich konnte bestimmen, wohin der Wind mich trug. Ich sauste zwischen den kahlen Bäumen hindurch, und die Bö, die mich trug, schüttelte die letzten Blätter aus ihren Zweigen. Es fiel mir immer leichter, meine Bahn zu kontrollieren. In Kurven und Slaloms wehte ich zwischen den Stämmen herum, immer darauf bedacht, dem Rand des Parks nicht zu nahe zu kommen.

Es war ein riesiger Spaß. Im Sportunterricht war ich nie gut gewesen, aber jetzt erreichte ich Geschwindigkeiten, die ich zu Fuß nie schaffen konnte. Immer wieder streifte ich Äste, verfingen sich Zweige in meinen Haaren oder meinem Mantel, aber es machte mir nichts aus. Im Gegenteil, der Schmerz erinnerte mich daran, dass ich das alles nicht träumte.

Irgendwann wurde ich müde. Ich wusste nicht, wie spät es war – der Himmel war noch hell, aber die Sonne war schon hinter den Häusern verschwunden. Es wurde Zeit heimzugehen. Nicht, weil meine Eltern mich vermissen würden, aber ich musste noch Hausaufgaben machen. Es genügte, dass meine Klassenkameraden mich hassten. Ich hatte keine Lust, mich auch noch mit meinen Lehrern anzulegen. Also landete ich wieder auf der Aussichtsplattform, wo ich meine Schultasche zurückgelassen hatte, und machte mich auf den Heimweg.

Der Wind wirbelte um mich herum, als wollte er mich dazu überreden, länger zu bleiben. Ich lächelte. Wann hatte sich zuletzt jemand über meine Gegenwart gefreut? „Ich komme wieder“, versprach ich leise, und dann schaute ich mich hastig um, ob jemand gesehen hatte, wie ich mit der Luft redete.

Bis ich zu Hause war, war es dunkel. Ich schloss die Tür so leise auf, wie ich konnte, und schlich in mein Zimmer. Aus dem Wohnzimmer konnte ich den Fernseher hören. Wie es aussah, waren meine Eltern abgelenkt. Umso besser; wenn wir gar nicht erst miteinander sprachen, konnten sie mir auch nicht die gute Laune verderben.

Ich konnte es kaum erwarten, am nächsten Tag wieder in den Park zu gehen. Wie auch immer dieses Wunder geschehen war, es hatte mir den besten Tag meines Lebens beschert. Von nun an, da war ich sicher, würde alles besser werden.

(13./14.03.2014, 805 Wörter. Der erste Teil ist hier zu finden.)

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2 Kommentare

  1. Uii, mal sehen, was passiert, wenn die Klassenkameraden das mitkriegen, was da los ist… Das wird bestimmt interessant.

    1. Mal sehen… ;-)

      Danke fürs Lesen!

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