Freitagabend

Ein Schluck Absinth, und seine Sorgen rückten ein Stück weg. Ein Glas Absinth, und der Abend begann, besser auszusehen.

Zum ersten Mal, seit er sich in die Bar gesetzt hatte, sah Vincent auf. Er war früh dran, und neben dem kleinen Ecktisch, an dem er sich verkrochen hatte, war nur ein einziger weiterer Tisch besetzt, am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Eine Gruppe junger Leute saß dort und hatte offensichtlich eine Menge Spaß. Vincent rümpfte die Nase und schaute wieder auf sein Glas. Es war beunruhigend leer.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, stand der Kellner wieder vor ihm.

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“

Vincent hob den Kopf. „Noch einen, bitte.“ Er zeigte auf das leere Glas, und der Kellner nickte, nahm es mit und verschwand wieder hinter der Theke. Vincent folgte ihm mit den Augen. Dann blieb sein Blick an der Wand hinter dem Tresen hängen. Sie war bis obenhin bedeckt mit Regalen voller Flaschen, die in verheißungsvollen Grüntönen schimmerten.

Vincent seufzte. Wenn er das Geld hätte, würde er gern einmal all die verschiedenen Sorten Absinth durchprobieren. Doch bis sich der Erfolg einstellte, würde er eben beim billigsten bleiben. Immerhin wechselte der durch; Vincent bestellte immer den „Absinth der Woche“, und auch wenn das nie einer der wirklich besonderen war, hatte er auf diese Weise schon so einiges gekostet, ohne dass es ihn zu viel gekostet hätte.

Natürlich wäre es noch billiger, gar keinen Absinth zu trinken. Er könnte auf billigeren Schnaps umsteigen, oder am besten ganz aufhören zu trinken… Aber er hatte nicht die Kraft aufzuhören, und es war ja nicht nur der Alkohol, der ihn immer wieder in diese Bar lockte. Absinth inspirierte ihn auf eine ganz besondere Art und Weise.

Da stand auch schon ein neues Glas vor ihm. Vincent tauchte den Löffel mit dem Zuckerstück in die hellgrüne Flüssigkeit und entzündete es dann an der Kerze. Während der Absinth auf dem Löffel brannte und den Zucker schmolz, ließ Vincent seine Gedanken schweifen. Eines Tages, da war er sicher, würde der Erfolg kommen. Er durfte nur nicht aufgeben. Er war gut, das wusste er, und eines Tages würde ihn jemand entdecken und einem zahlungskräftigen Publikum vorstellen, und dann würde sich seine harte Arbeit endlich auszahlen.

Er wusste, dass er das beschleunigen könnte, wenn er mehr Zeit darauf verwendete, sich bei Galerien und Mäzenen vorzustellen, die Werbetrommel in eigener Sache zu rühren, aber erstens verbrachte er diese Zeit lieber mit Malen, und zweitens war er einfach nicht gut darin, sich selbst zu verkaufen. Wenn er doch nur mehr Talent dafür hätte! Er kannte schlechtere Künstler, die mehr verdienten als er, einfach, weil sie das, was ihre Malerei an Mittelmäßigkeit hatte, durch charmantes Auftreten und unnachgiebige Selbstdarstellung aufwogen. Er dagegen? „Charmant“ war wohl das letzte Wort, mit dem man ihn beschreiben würde.

Die Flamme in seiner Hand erlosch, und er rührte den Zucker mit einem Schluck Wasser in sein Glas, bis er sich aufgelöst hatte. Dann trank er, bis sich auch seine düsteren Gedanken aufgelöst hatten. Der Erfolg würde ihn schon finden. Und bis dahin war ihm die Inspiration genug.

 

(23.03.2014, 513 Wörter. Diese Woche etwas später als sonst. Was soll ich sagen? Absinth.)

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8 Kommentare

  1. Trotzdem danke ob mit oder ohne absinth

  2. Ich las es auch später als sonst. Passte also ;-)

    1. Dann ist ja gut :-)

  3. „….der Erfolg würde ihn schon finden.“
    Wuderbarer Sehnsuchts-Abschluss-Satz für jene wiederkehrenden Gedanken an einer Bar.

  4. Sabrina · · Antwort

    Hah, ausgerechnet ein Vincent, und mir Pflaume wurde das erst auf der Hälfte des Textes klar, warum, in dem Absinth-Zusammenhang. *dong*

    Ich mag diese kleine Szene von dem Mann, der mit sich allein trinkt, obwohl er unter so vielen anderen sitzt, seine Einsamkeit und das Fehlen von Interaktion mit Personen, obwohl sie durchaus um ihn sind und seine Gedanken sie berühren. Es wirkt auch stimmig, was in seinem Kopf vorgeht, seine Fragen, Zukunftssorgen, was ihn so umtreibt, nur in diesem einen Moment. Es ist eine sehr schöne Innensicht, auch im handwerklichen Sinne einfach gut gemacht. Hat auch die richtige Länge. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Könnte ich mir irgendwie als Szene in einem größeren Werk vorstellen, in dem man einfach genug Zeit hat, auch mal soetwas ungehetztes, nur aufs Innenleben eines Moments Konzentriertes zu schreiben, statt sich wie in einer Kurzgeschichte immer zum größtmöglichen Ballen von irgendwelchen Vorgängen gedrängt zu fühlen.

    Mag sein, dass es daran liegt, dass ich die Bar kenne, die du beschreibst, aber ich kann ihn richtig gut „sehen“. Ich mags.

    1. Tröste dich, du bist die erste, der der Vincent auffällt ;-)

      Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Freut mich, dass dir der Text so gut gefällt :-)

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