Schmetterlinge

Das Flügelschlagen von Schmetterlingen reißt sie aus dem Schlaf. Taumelnd, traumtrunken schlägt sie die Augen auf, schlägt nach den Flügeln, die sie umflattern, forttragen, fortführen wollen, aber sie will nicht, will nicht wach sein, will nicht fort, will bleiben.

Es hilft nichts. Schmetterlinge wie Gewitterwolken hüllen sie ein, halten sie wach, halten sie in der Gegenwart, obwohl die Gegenwart nichts ist, das sie halten könnte, nichts, wovon sie etwas hält.

Sie hätte nie gedacht, dass Schmetterlinge so laut sein können, denkt sie. Allein wirken sie so leise, aber allein ist wohl jeder leise, selbst ein einzelner Elefant ist nichts, erst im Vergleich wird er groß und laut. Sie fasst sich an den Kopf, ihre Gedanken sind furchtbar groß und laut im Vergleich zu ihrem Traum, ihrem sanften Schlummer, aus dem sie gerissen wurde. Ihr Kopf schmerzt.

Sie schlägt wieder nach den Schmetterlingen, aber in dieser Masse sind sie weder leise noch scheu. Sie schlagen zurück, und das Schmettern ihrer Flügelschläge dröhnt in ihrem Kopf.

Sie will fort, will fliehen, will fliegen, aber nur die Schmetterlinge können fliegen, sie selbst ist mit Erdenschwere an die Erde gebunden, und nach der Leichtigkeit ihres Traums scheint ihre Schwere noch schwerer zu tragen.

Sie lehnt sich zurück in die Kissen, sehnt sich zurück in ihren Traum, der leicht war und leise und licht, ohne die Schwere der Erde und das Schmettern von Schwingen und die Schatten der Schmetterlinge, so viele Schmetterlinge, sie hätte nie gedacht, dass es überhaupt so viele gibt, in diesem Land, auf dieser Welt, und jetzt scheinen alle hier zu sein, in ihrem Zimmer, in ihrem Kopf, und es schmettert und dröhnt.

Sie schließt die Augen, um die Schatten nicht mehr zu sehen, um die Schmetterlinge auszusperren, aber sie kann die Augen noch so fest verschließen, ihre Ohren schließen sich nicht, ihre Haut schließt sich nicht, die Flügel der Schmetterlinge sind überall. Es hilft nichts, nichts hilft, sie wird aufstehen müssen.

Träge drückt sie sich hoch, taumelt zur Tür. Die Schmetterlinge folgen ihr, sind schon da, schneller als sie, mehr als sie. Sie begleiten sie aus dem Zimmer, in die Küche, ins Bad, wie der Igel den Hasen, und wie der Hase möchte sie umfallen, in Ohnmacht fallen, ohnmächtig fühlt sie sich schon, aber das Flügelschlagen hält sie wach.

Wasser läuft, kühl und klar und frisch, aber es erfrischt sie nicht, es macht ihren Kopf nicht klarer, und kühl war ihr schon, so im Schatten der Schmetterlinge. Sie trinkt es trotzdem. Es schmeckt nach nichts, und ihr Mund fühlt sich staubig an, als hätten die Schmetterlinge darin ihre Flügelschuppen verloren. Woher kommen sie überhaupt? All die Schmetterlinge, wie sind sie hereingekommen? Sie weiß, dass sie wach ist, es ist ihr schmerzhaft bewusst, sie ist so wach wie sie schwer ist, und sie spürt bei jeder Bewegung, wie die Schwere sie zur Erde zieht. Dennoch scheinen all die Schmetterlinge aus einem Traum gekommen zu sein, aber aus welchem? Nicht aus ihrem, der war leicht und leise und licht, so voller liebevollem Licht; die Schmetterlinge müssen aus einem Alptraum stammen. Sie hätte nie gedacht, dass Schmetterlinge ein Alptraum sein könnten.

Sie öffnet ein Fenster, voll Hoffnung auf frische Luft, und das Sonnenlicht schlägt ihr entgegen wie eine Ohrfeige, blendet sie, und es rauscht in ihren Ohren, das Rauschen von Schmetterlingsflügeln, und als sie die Augen wieder öffnen kann, sieht sie gerade noch, wie die Gewitterwolke an ihr vorbeifliegt, flattert, rauscht, und dann ist sie weg und es ist wieder still und sie ist allein. Nur die Kopfschmerzen leisten ihr noch immer Gesellschaft, der Schmerz und die Schwere und das Wachsein. Sie versucht darüber nachzudenken, aber es ist zu schwer, ihre Gedanken sind zu groß und laut. Schließlich beschließt sie wieder einzuschlafen.

Sie schließt das Fenster und die Augen und hofft, dass sie beim nächsten Mal leiser aufwacht.

(29.03.2014, 634 Wörter)

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3 Kommentare

  1. Gern gelesen. Und nächste Woche dann die Fortsetzung „Schmetterlinge im Bauch?“ ;-)

    1. Danke :-)

      Hm, eher nicht. Mit so viele Schmetterlingen gäbe das wohl arge Bauchschmerzen ;-)

  2. Ich stelle es mir furchtbar vor, das seidig-samten raschelnde Donnern von Schmetterlingsflügeln.

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