Ein Gespräch vom Ende der Welt, wie wir sie kennen

„Vielleicht sind sie gar nicht so schlimm“, sagte Bruce, und da wusste ich, dass er zu viel getrunken hatte. Ich nahm ihm die Whiskeyflasche weg.

„Klar“, antwortete ich, „klar, vielleicht sind die verdammten schuppigen Biester gar nicht so schlimm. Vielleicht kommen sie in Frieden. Vielleicht wollen sie uns helfen, auf eine höhrere Bewusstseinsstufe zu gelangen. Und dass sie uns umbringen und unsere Städte zerstören und unsere Kinder fressen, ist sicher nur ein einziges großes Missverständnis.“

„Könnte doch sein, oder?“ Er griff nach der Flasche, und ich zog sie rasch aus seiner Reichweite. „Ich meine, sie müssen hochentwickelt sein. Sie haben Raumschiffe gebaut und sind damit wer-weiß-wie-weit geflogen. Das sind nicht irgendwelche Monster, das sind hochintelligente Wesen! Was, wenn wir einfach zu dumm sind und sie uns deswegen einfach für simple Tiere halten?“

„So ein Blödsinn. Wer sagt, dass sie die Raumschiffe selber gebaut haben? Vielleicht sind das irgendwelche interstellaren Parasiten. Wie in den Alien-Filmen. Und die eigentlich intelligenten Außerirdischen haben sie schon längst umgebracht. Warum sonst haben sie nicht mal versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen?“ Ich nahm diese Diskussion viel zu ernst, das merkte ich. Wahrscheinlich hatte ich auch schon zu viel getrunken. Ich stellte die Whiskeyflasche unter den Tisch, damit keiner von uns mehr in Versuchung kam.

„Was, wenn nicht?“, Bruce blieb hartnäckig. „Was, wenn sie versucht haben, Kontakt aufzunehmen, und wir einfach nicht weit genug entwickelt sind, um das zu verstehen? Wenn wir einen Neandertaler anfunken würden, würde der doch auch nichts merken. Weil wir zu weit entwickelt sind für ihn.“

„Aber sie sehen doch, dass wir Städte und Straßen gebaut haben. Herrgott, wir haben ganze Inseln aufgeschüttet und Seen geschaffen! Das macht doch kein dummes Tier.“

„Ameisen bauen Städte. Biber bauen Staudämme. Und wir haben trotzdem kein Problem damit, sie umzubringen – weil wir sie für dumm halten.“

„Das ist doch Blödsinn“, beharrte ich. „Wir sind keine Ameisen. Und diese verdammten Biester sind Monster.“

„Für eine Ameise ist das Kleinkind ein Monster, das sie zertrampelt, ohne es zu merken“, sinnierte Bruce.

„Wirst du jetzt auch noch philosophisch?“, spottete ich. „Weißt du was? Du kannst ja versuchen, deine hochintelligenten Außerirdischen zu kontaktieren und ihnen zu erklären, dass wir keine Tiere sind. Wenn‘s klappt, bin ich sicher, dass du einen Orden kriegst. Aber ich werde währenddessen meinen verdammten Job machen, und der ist es, ihnen die schuppige Birne wegzuknallen, solange noch ein Haus auf Erden steht.“ Ich leerte mein Glas und knallte es auf den Tisch, um meine Aussage zu unterstreichen. Bruce zuckte bei dem plötzlichen Geräusch zusammen.

„Vielleicht sollte ich das wirklich versuchen“, meinte er nachdenklich. Ich lachte. „Na, dann viel Erfolg! Wir wissen noch nicht mal, ob sie der Sprache mächtig sind, aber klar. Halt ein Kaffeekränzchen mit ihnen. Grüß sie lieb von mir. Und wenn ich sie morgen wieder wegballere, grüße ich sie mit jeder Rakete von dir.“ Ich stand auf. „Wir sollten jetzt ins Bett gehen. Und Bruce“, ich wurde ernst, „wenn du nicht mehr auf sie schießen willst, lass dich krankschreiben oder tritt aus dem Dienst aus. Wenn ich morgen da rausgehe, will ich mich auf dich verlassen können.“

Er sah auf, direkt in meine Augen, und nickte. „Keine Sorge, Kathy. Wenn ich im Cockpit sitze, bin ich ganz bei der Sache. Aber wenn mir was einfällt, wie wir sie kontaktieren können: Würdest du mir helfen?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. Er schien das tatsächlich ernst zu meinen… Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, aber gut, wenn es mir den besten Partner, mit dem ich je geflogen war, warmhielt, klar.

„Hand drauf“, versprach ich ihm. „Solange du an meiner Seite bist, wenn‘s knallt, bin ich an deiner Seite. Egal, wohin du gehst.“

Er schlug ein, und dann machten wir uns endlich auf den Weg ins Bett.

(05.04.2014, 636 Wörter. Fragt mich nicht, ob „sie“ wirklich so schlimm sind. Ich habe keine Ahnung, wohin diese Szene führen könnte.)

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10 Kommentare

  1. Hmmm, irgendwie hab ich bei der Szene die Bilder von Pacific Rim im Kopf… Aber wahrscheinlich sind die Biester hier nicht ganz so riesig und ausserdem haben sie ja Raumschiffe.

    1. Haben wir den Film einmal zu oft gesehen? :-P Aber ja, ein bisschen hat er mich hier wohl inspiriert.

  2. Dann mal weiter :)

  3. Pacific Rim war nicht mein erster Gedanke. Mehr Prometheus. Oder Dark Skies.

    1. Die habe ich allerdings beide nicht gesehen… Aber natürlich darf jeder sich dabei denken, was er oder sie will ;-)

  4. bitte daran weiterschreiben!

    1. Oje, ich hab doch keine Ahnung, wo das hinführen soll! Aber es freut mich natürlich, dass es dir gefällt. Vielleicht wird eines Tages doch noch was draus? Aber ich würde nicht die Luft anhalten ;-)

  5. Von leichter Hand geschrieben. Aber so, wie du die ersten 636 Wörter ausbreitest, wird die Geschichte mit 1272 noch nicht zu Ende erzählt sein. Ein Roman? ;)

    1. Ein Roman? Oje, da würde ich ja, bei 500 Wörtern die Woche, bis an mein Lebensende dran sitzen! :-P

  6. „Ameisen bauen Städte. Biber bauen Staudämme. Und wir haben trotzdem kein Problem damit, sie umzubringen – weil wir sie für dumm halten.“

    Was für ein geiler Satz! Den muss ich mir echt mal merken ;-)

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