Feuer und Flamme (Teil 2)

Ich glaub, ich bin nicht ganz normal. Zumindest, was die Sache mit dem Feuer betrifft. Meine Mama hatte mir ja eigentlich immer wieder verboten, damit zu spielen, aber es macht so viel Spaß! Also machte ich das nur noch heimlich, wenn sie meine kleine Schwester aus dem Kindergarten abholte und ich schon mal Mittagessen kochte.

Aber dann kam Ina in die Schule.

„Du bist jetzt eine von den Großen“, sagte ich zu ihr. „Also, nicht so groß wie ich, deshalb musst du immer noch auf mich hören, aber du bist kein Baby mehr.“ Sie nickte und guckte mich mit ihren Kulleraugen an. Ina hat wunderschöne blaue Kulleraugen, nicht so wie meine braunen. Sie ist überhaupt ein hübsches Kind, was das, was später passiert ist, fast noch schlimmer macht. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass das passieren würde.

Jedenfalls erklärte ich ihr, dass sie als Große jetzt auch lernen musste, Große-Leute-Sachen zu machen. „Kochen zum Beispiel“, sagte ich, „seit ich kein Baby mehr bin, hab ich das Mittagessen gekocht, und jetzt, wo du auch groß bist und Mama deshalb länger arbeiten geht, kannst du mir helfen.“

„Au ja“, rief sie, „und dann gibt es jeden Tag Pfannkuchen!“ Pfannkuchen sind nämlich ihr Lieblingsessen.

„Naja, vielleicht nicht jeden Tag“, schränkte ich ein, weil ich Spaghetti eigentlich viel lieber mag. „Ab und zu werd ich ja auch kochen, du musst das nicht alleine machen. Und außerdem ist jeden Tag das Gleiche langweilig.“

Sie streckte mir die Zunge raus, weil sie genau weiß, dass ich höchstens einmal die Woche Pfannkuchen mache . Aber schließlich musste ich ihr erst beibringen, wie das ging, also musste sie nett zu mir sein. Ich schlug vor, dass wir erstmal mit Nudeln anfangen, weil das viel leichter ist als Pfannkuchen. Da war sie ein bisschen enttäuscht, aber ich versprach ihr, wenn sie das mit den Nudeln hinkriegte, könnten wir als nächstes Pfannkuchen lernen. Und danach ganz viele andere leckere Sachen, und wenn Mama mir am Wochenende was Neues beibrachte, was sie manchmal tat, dann durfte Ina dabeisein und das auch lernen. Da war sie wieder zufrieden.

Ich zeigte ihr also, wo die Nudeln stehen und wieviel Wasser man braucht und wie man den Gasherd anmacht, um das Wasser zu kochen.

„Mit dem Herd musst du vorsichtig sein“, warnte ich sie, „das Feuer ist lustig, aber wenn es vom Herd wegkommt, kann es Sachen kaputtmachen. Mir ist mal ein Abtrockentuch verbrannt“, gab ich zu. „Ich hab’s weggeworfen, und Mama hat es nicht bemerkt, also verpetz mich nicht. Jedenfalls musst du gut aufpassen und darfst das Feuer nicht vom Herd wegbringen.“ Ich fasste in die Flamme, um ihr zu zeigen, wo das Feuer bleiben sollte. Als ich die Hand herauszog und eine kleine Flamme mitkam, pustete ich sie aus. „Siehst du? Ganz vorsichtig.“

Ina nickte und streckte auch einen Finger nach dem Feuer aus. „Das ist ja heiß!“, rief sie und zuckte zurück.

„Ja, heiß ist es schon, aber es tut dir nichts. Schau!“ Ich fasste wieder hinein und zog eine kleine Flamme heraus. Dann ließ ich sie von Finger zu Finger hüpfen, um ein bisschen anzugeben. „Ganz harmlos.“ Ich pustete sie wieder aus.

„Wirklich?“, Ina guckte zweifelnd, aber schließlich bin ich ihre große Schwester, und leider glaubte sie mir. Wenn ich gewusst hätte, dass ich nicht normal bin, hätte ich ihr das nie gezeigt. Aber ich wusste es doch auch nicht! Also biss sie die Zähne zusammen, steckte einen Finger ins Feuer und zog ihn gleich wieder heraus. Es kam keine Flamme mit, nur die Haut war rot geworden.

„Es klappt nicht“, beschwerte sie sich, „und mein Finger tut weh.“ Sie steckte ihn in den Mund, dann nahm sie ihn wieder heraus und pustete darauf.

„Naja, ich hab das auch üben müssen“, gab ich zu. „Macht ja auch nichts, wenn das noch nicht klappt, dann kann dir nicht viel passieren.“ Insgeheim war ich ein bisschen froh, dass ich noch so viel Vorsprung hatte. Schließlich war ich die große Schwester. Ich musste doch besser sein als sie.

Inzwischen kochte auch das Wasser, also ließen wir das Feuer erstmal und taten die Nudeln hinein. „Jetzt musst du auf die Uhr schauen“, erklärte ich, „wenn die Nudeln zu lange kochen, dann werden sie ganz labbrig und schmecken nicht mehr. Kannst du schon die Uhr lesen?“ Sie schüttelte den Kopf, also zeigte ich ihr, welches der Minutenzeiger ist und wie weit er gehen durfte.

Dann erklärte ich ihr, wie man Soße macht und worauf man dabei achten muss, und bis das Essen fertig war, tat ihr Finger nicht mehr weh, und wir hatten das mit dem Feuer komplett vergessen. Am Abend, als Mama heimkam, erzählte Ina ganz stolz, dass sie jetzt auch kochen konnte, und Mama lobte sie, aber dann nahm sie mich beiseite und sagte mir, dass ich bloß vorsichtig sein sollte mit Ina in der Küche.

Ich war sauer. Schließlich war ich schon groß, ich wusste, was ich tat! Aber sie schaute ganz traurig, und sie sah so müde aus, dass ich nicht böse sein konnte. Ich versprach ihr, immer gut auf Ina aufzupassen, und ich meinte das auch. Ich hab mir auch immer Mühe gegeben, wirklich, ich wollte doch eine gute große Schwester sein. Wenn ich da schon gewusst hätte, dass ich nicht normal bin, hätte ich noch viel besser aufgepasst, und dann wäre das alles vielleicht nicht passiert. Aber das wusste ich eben noch nicht.

Bis ein paar Tage später diese Sache passierte.

Aber das erzähl ich ein andermal.

 

(12.04.2014, 919 Wörter. Der erste Teil ist hier zu finden.)

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3 Kommentare

  1. Oh, die versprochene Fortsetzung! Und jetzt müssen wir wohl auf Teil 3 warten. ;)

    1. Genau ;-) Mal sehen, wie lange ich dafür brauche…

  2. Oh, wieder ein Cliffhanger… Jetzt will ich dann auch wissen, was da passiert ist. Aber irgendwie drückt sich die Protagonisten wohl davor, es zu verraten. Und das ist natürlich fies, macht es aber auch spannender.

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