Samstagmorgen

Einen Kaffee, dann musste ich los. Es war spät, aber für einen Kaffee musste noch Zeit sein. Ich trank schnell und verbrannte mir die Lippen. Gern hätte ich mir mehr Zeit genommen, alle Zeit der Welt, um den bitteren Geschmack zu genießen und das Koffein wirken zu lassen, aber ich war spät dran. Ich warf einen Blick auf die Uhr und pustete in meine Tasse. Mit einer Mischung aus Vorsicht und Verzweiflung schlürfte ich den Kaffee so hastig, dass ich ihn kaum schmeckte. Den letzten Schluck ließ ich in der Spüle zurück und rannte aus dem Haus.

Auf dem Weg zur S-Bahn drang der Geschmack langsam von meiner Zunge in mein Gehirn, aber das Aroma des Kaffees war verloren gegangen, und alles, was ich schmeckte, war Bitterkeit. Ich war müde. Gern hätte ich noch ein bisschen länger geschlafen, mich noch einmal im warmen Bett umgedreht, wäre den Tag langsamer angegangen, aber es war spät, und ich musste mich beeilen.

Die S-Bahn fuhr ein, als ich die Station erreichte, und ich rannte, bis ich mich in einen Sitz fallen lassen konnte. Kaum war ich still, da setzte sie sich schon in Bewegung. Ich sah auf die Uhr auf dem langsam an mir vorbeiziehenden Bahnhof und atmete durch. Ich war spät dran, aber ich konnte es noch schaffen.

Die Bitterkeit des Kaffees füllte jetzt meinen ganzen Mund. Meine Lider waren schwer, aber der Kaffee oder der Stress oder der bittere Geschmack oder alles zusammen hielt mich wach. Ich schaute nach draußen, aber es war nur dieselbe alte Stadt, die vor dem Fenster vorbeizog, so grau und müde wie ich mich fühlte.

Ich hatte immer noch das Gefühl, mich beeilen zu müssen, aber ich konnte nichts tun, konnte nicht rennen, konnte meinen Kaffee nicht schneller trinken. Ich musste abwarten. Die S-Bahn fuhr meinem Ziel entgegen, und ich hatte sie erreicht und fuhr mit; mehr war im Augenblick nicht zu tun.

Ich schaute in die Scheibe, nutzte sie als Spiegel, sah die Ringe unter meinen Augen und das schlecht gebürstete Haar. Man sah mir an, dass ich zu wenig geschlafen hatte und zu spät aufgestanden war. Meine Haut war käsig und meine Lippen blass. Ich versuchte wieder hinter mein Spiegelbild zu schauen, aber die dunkle Stadt wies mich ab.

Die S-Bahn wurde langsamer, fuhr in die nächste Station ein. Ich schaute nach der Bahnhofsuhr, aber sie hing an der falschen Stelle oder ich saß im falschen Winkel, und ich konnte nicht sehen, wie spät es war. Es machte nichts. Ich wusste, dass ich spät dran war, und ich konnte nichts daran ändern.

Graue, müde Menschen stiegen ein. Jemand setzte sich mir gegenüber und schaute durch mich hindurch mit jenem Blick, den die Menschen in vollen S-Bahnen haben, wenn sie überall Fremde sehen, aber niemanden anschauen wollen. Ich schaute wieder aus dem Fenster. Die S-Bahn fuhr weiter.

Station um Station wurde es voller. Ich war nicht die einzige mit meinem Ziel. Während die S-Bahn anfuhr und bremste und hielt und wieder anfuhr, wurde es draußen heller, aber die Sonne huschte nur von den Häuserschatten hinter eine Wolkendecke, anstatt zum Vorschein zu kommen. Ich dachte an meine eigene Decke zu Hause im Bett, das jetzt auskühlte, und an den letzten Schluck Kaffee in der Spüle, den ich gern in Ruhe genossen hätte, wenn es nicht so spät gewesen wäre.

Die S-Bahn hielt ein letztes Mal, und ich stand auf und verließ den Wagen, wie alle, die bis zur Endstation gefahren waren. Auf dem Bahnsteig war es kalt, und ein Windstoß trieb mir bittere Tränen in die Augen. Ich warf einen Blick auf die Uhr und rannte los. Es war spät, aber noch hatte ich etwas Zeit. Gern hätte ich mir mehr Zeit genommen, um den Weg in Ruhe zurückzulegen und nicht außer Atem zu geraten, aber es war spät.

Als ich ankam, war ich außer Atem, und mein Herz klopfte schnell und verteilte das Koffein bis in die Spitzen meiner Finger, die zu zittern begannen. Ich warf einen Blick auf die Tafel, Ankunft, Abflug, Gate, und rannte weiter.

Dann war ich da, und die Automatiktür öffnete sich und du kamst heraus, mit einem Koffer in der Hand, mit Ringen unter den Augen und schlecht gebürstetem Haar, deine Haut war käsig und deine Lippen blass, aber ich war da, ich war nicht zu spät, und du nahmst mich in den Arm, und meine Finger zitterten nicht mehr.

Als wir endlich zusammen zu Hause waren, dauerte es nicht lang, bis das Bett wieder warm war.

(25.04.2014, 747 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Eine schöne Momentaufnahme ist dir gelungen. Und zum Thema Bitterkeit sage ich nur: Tee und noch mal Tee. ;-)

    1. Morgens brauche ich einfach Kaffee zum Wachwerden… Tee braucht mir da zu lange ;-)

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