Kennenlernen

Wann immer jemand Melanie und Karim fragte, wie sie sich kennengelernt hatten, schauten sie einander an, dann zu Boden, und dann kicherten sie verlegen und versuchten das Thema zu wechseln. Manchmal funktionierte das. Meistens machte es den Fragesteller erst recht neugierig, und dann kamen sie nicht darum herum, es zu erzählen. Das war immer sehr unangenehm.

Es war ein warmer Frühlingstag gewesen. Melanie war auf dem Weg zum Einkaufen, und während sie an der Ampel lehnte und darauf wartete, dass es grün wurde, spielte sie mit den Trägern ihres Stoffbeutels und schaute den Autos zu. Dass Karim in diesem Moment hinter ihr die Straße entlangkam, bemerkte sie nicht, und auch er achtete wohl kaum auf sie.

Dann raste ein Porsche mit deutlich mehr als den erlaubten fünfzig Sachen auf die Kreuzung, bog in letzter Sekunde rechts ab und wickelte sich um den Verteilerkasten neben Melanie. Sie machte einen Satz zurück und stolperte gegen Karim, der in diesem Augenblick die Ampel erreichte.

Die nächsten Minuten erlebte sie unter Schock, und in ihrer Erinnerung schien ein dichter Schleier über allem zu liegen. Sie wusste noch, dass sie einen Krankenwagen gerufen hatte, aber nicht mehr, was sie gesagt hatte. Das einzige, was ihr noch immer deutlich vor Augen stand, war der Fahrer des Porsche, der irgendwann aus seinem zerbeulten Auto gekrochen war und der erst gegen den Verteilerkasten trat, als wäre der Unfall dessen Schuld, und sich dann nach dem Straßencafé am Eck umsah, um die Reaktion der beiden hübschen Mädchen am einzigen besetzten Tisch zu prüfen. Und Karims Arme, die sie festhielten, als sie fiel; die würde sie nie vergessen.

Während der Porschefahrer abwechselnd seine Frisur zu retten versuchte, den Verteilerkasten beschimpfte und zusammenzuckte, wann immer er seinen linken Arm bewegte, musste Karim Melanie wohl gefragt haben, ob alles in Ordnung war; jedenfalls erzählte er das immer. Das einzige, was sie antwortete, war immer wieder „Oh mein Gott“. Melanie selbst erinnerte sich an kein Gespräch.

Schließlich kam der Krankenwagen und nahm den Porschefahrer mit, obwohl der behauptete, dass er nur einen Kratzer hatte. Erst als der Sanitäter ihn zum Rückspiegel seines Wagens führte und ihm zeigte, dass das, was er anstelle von Haargel in seine blondierten Spitzen geschmiert hatte, Blut aus einer Kopfwunde war, gab er nach. Melanie starrte ihm fassungslos hinterher, dann wanderte ihr Blick fast automatisch zu den jungen Frauen im Straßencafé. Sie waren offensichtlich beeindruckt, aber vermutlich nicht auf die Art, die sich der Porschefahrer erhofft hatte.

Kurz darauf hielt ein Polizeiwagen neben ihnen und spuckte einen Trupp Polizisten aus, die die Unfallstelle absperrten. Einer der Polizisten kam auf Melanie und Karim zu.

„Haben Sie den Unfall beobachtet?“, fragte er ohne Umschweife. Melanie nickte. „Oh mein Gott“, wiederholte sie. „Oh mein Gott.“

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Der Beamte runzelte die Stirn. „Sind Sie verletzt?“

„Ich glaube, sie steht unter Schock“, mischte sich Karim ein. „Vielleicht sollte sie auch zum Arzt? Sie stand verdammt nah dran, als das Auto da reingekracht ist.“

Der Polizist musterte ihn, dann Melanie, die immer noch das Wrack anstarrte und keinen ganzen Satz herausbrachte. Schließlich nickte er. „Wahrscheinlich haben Sie recht. Können Sie mir vorher noch den Namen und die Adresse von Ihnen beiden sagen? Wir würden gern Ihre Aussage aufnehmen.“

An dieser Stelle, das hatte Karim irgendwann zugegeben, war er in Versuchung gewesen, ihre Adresse aus ihr rauszukriegen, um sie später wiederzutreffen. Dann war ihm eingefallen, was für ein mieses Verhalten das in dieser Situation gewesen wäre, und er hatte dem Beamten nur seine eigene Adresse genannt und gesagt, dass Melanie sich melden würde, nachdem sie beim Arzt gewesen war.

Zu seiner großen Freude hatte sie das tatsächlich getan, wie er feststellte, als sie sich das nächste Mal sahen: im Warteraum der Polizeiwache, wo sie beide ihre Aussage zu Protokoll geben wollten. Zu seiner noch größeren Freude hatte sie ihn wiedererkannt und sich bedankt, dass er sich um sie gekümmert und sie zum Arzt gebracht hatte. Sie unterhielten sich, während sie warteten, und als sie zuerst fertig war, wartete sie auf ihn. Sie verabredeten sich auf einen Kaffee, dann gingen sie zusammen ins Kino, und eine Woche später waren sie ein Paar.

Wann immer jemand sie fragte, wie sie sich kennengelernt hatten, mussten sie jedoch an jenen warmen Frühlingstag denken, an dem sie beinahe zugesehen hätten, wie jemand starb, und sie schauten einander an, dann zu Boden und versuchten das Thema zu wechseln.

 

(04.05.2014, 734 Wörter)

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