Der Poltergeist

Beatrice schloss die Augen und konzentrierte sich. Ihre Lippen formten ein Mantra, das ihr Mentor ihr für genau solche Fälle beigebracht hatte. Ja, sie konnte es spüren – da war etwas, eine Präsenz, ein-

„Geht es Ihnen gut?“

Beatrice riss erschrocken die Augen auf und blickte in das Gesicht ihrer Kundin, einer älteren Damen mit aubergine gefärbten Haaren. „Ja, äh, alles in Ordnung. Ich wollte bloß… Ich muss mich sammeln“, erklärte sie. Verdammt, jetzt war sie komplett aus dem Konzept, und die Frau starrte sie auch noch erwartungsvoll an… Sie begann zu schwitzen. Warum hatte Wolfgang sie allein zu diesem Termin geschickt?

Die Kundin schaute sie noch immer an, aber jetzt sah Beatrice deutlich die Zweifel, die sich in ihre Miene schlichen. Sie schluckte. Dann zwang sie sich zu einem Lächeln und versuchte ihrer Stimme einen professionellen Klang zu geben.

„In diesem Raum haben Sie den Poltergeist also als erstes bemerkt?“, fragte sie nach, obwohl sie die Antwort kannte – die Dame hatte ihr ungefähr fünfzehn Minuten lang alles erzählt, was sie in diesem Zimmer mit ihrem jenseitigen Besuch erlebt hatte. Doch sie schien es nicht bemerkt zu haben, sondern nickte nur eifrig und fing schon wieder an: „Ja, zuerst waren es nur Geräusche, ich dachte, das sind Mäuse, Sie wissen ja, wie das ist in so einem alten Haus, aber dann…“

„Gut“, unterbrach Beatrice sie rasch. „Dann ist das vermutlich sein Zentrum. Bitte seien Sie jetzt ganz still, ich werde Kontakt zu ihm aufbauen.“ Sie scheuchte die Frau mit einer Handbewegung an den Rand des Zimmers. Dann stellte sie sich in der Mitte auf – was nicht ganz einfach war, denn das Zimmer stand voller Möbel – und machte, was sie für ein hoheitsvolles Gesicht hielt. Sie hoffte, das würde die alte Schnepfe davon abhalten, sie schon wieder zu unterbrechen.

Sie atmete tief durch und schloss wieder die Augen, gab sich diesmal aber Mühe, eine Pose einzunehmen, die „es geht mir gut, ich arbeite, unterbrich mich nicht“ ausdrückte. Sie war nicht sicher, ob ihr das gelang. Bei Wolfgang sah das immer so einfach aus – er kam bei einem Kunden an, strahlte seine ruhige Autorität aus, und alle fraßen ihm aus der Hand. Beatrice unterdrückte einen Seufzer. Was gäbe sie dafür, auch so gelassen zu sein.

Sie zwang sich zur Konzentration. Ja, da war ein Poltergeist; er war in diesem Zimmer, aber nicht in ihrer Nähe, sondern ganz am Rand… Lauerte er ihnen auf? Hatte er Angst vor ihr? Der Gedanke gab ihr ein bisschen mehr Selbstbewusstsein. Ja, er sollte Angst vor ihr haben, denn sie würde ihn von diesem Ort bannen und zurück auf die Andere Seite schicken, wo er hingehörte!

Jemand kicherte. Sie zuckte zusammen und schlug unwilllkürlich die Augen auf.

Die alte Dame stand noch immer an derselben Stelle und beobachtete Beatrice mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis. Sie sah allerdings nicht wie jemand aus, dem nach Kichern zumute war.

Beatrices Blick wanderte nach oben. Hinter ihrer Kundin stand ein hohes Regal voller alter Bücher, und die Reihe direkt über ihrem Kopf wanderte langsam nach vorn.

Wieder hörte sie ein geisterhaftes Kichern.

„Weg da!“, rief sie erschrocken, als sie begriff, was vor sich ging. Sie sprang auf die Dame zu, stolperte dabei beinahe über ein zierlich geschnitztes Beistelltischchen und riss sie in letzter Sekunde mit sich. Die beiden Frauen landeten übereinander auf einem Sessel, während dort, wo die ältere eben noch gestanden hatte, eine Bücherlawine niederging. Beatrice erschauderte. Wenn das die alte Frau getroffen hätte…

„Was tun Sie da?“, empörte sich die Frau. „Sie sollten den Poltergeist vertreiben, nicht mit ihm spielen!“

„Das wollte ich ja“, verteidigte sich Beatrice. „Entschuldigen Sie. Ich brauche einfach noch ein bisschen mehr Zeit. Vielleicht sollten Sie währenddessen rausgehen, damit Sie nicht mehr in Gefahr sind?“ Sie rappelte sich auf und versuchte, auch ihrer Kundin hochzuhelfen, doch die schlug die angebotene Hand zur Seite.

„Jetzt wollen Sie mich auch noch aus meinem eigenen Wohnzimmer werfen? Also wirklich. Ich glaube, man hat mich angelogen, was Ihre Fähigkeiten betrifft.“

Beatrice wurde rot. „Es tut mir leid, so war das nicht gemeint, wirklich. Bitte, lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Und natürlich können Sie auch bleiben… Vielleicht halten Sie einfach Abstand zu Regalen, ja?“

Die Dame zog ein finsteres Gesicht, stellte sich dann aber mit verschränkten Armen an eine relativ unmöblierte Stelle des Zimmers. Beatrice atmete tief durch und griff dann nach ihrer Tasche.

Sie holte ein Stück geweihte Kreide heraus und ging zu dem Bücherregal, das der Poltergeist verwüstet hatte. Rasch zeichnete sie einen Bannkreis darum, um ihn an Ort und Stelle zu halten. Dann begann sie mit dem Ritual, das ihn zurück auf die Andere Seite schicken sollte.

Kaum hatte sie angesetzt, unterbrach sie jedoch wieder ein Kichern, dieses Mal von der anderen Seite des Raumes. Sie fuhr herum. Da, ein Bild an der Wand wackelte, drohte sich vom Haken zu lösen. Wie war er so schnell dorthin gekommen? Sie musste unaufmerksam gewesen sein. Wenn sie doch nur leichter spüren würde, wo er gerade war… Sie müsste sich wieder konzentrieren, doch ihre Kundin war ohnehin schon ungeduldig. Rasch durchquerte sie das Zimmer und zeichnete auch um das Bild einen Bannkreis.

Doch der Poltergeist war schon weitergezogen. Jetzt warf er ein Sofakissen nach ihr, dann, kaum hatte sie das Sofa erreicht, riss er die Gardine vom Fenster, und während sie dorthin stolperte, kippte hinter ihr ein Sessel um.

Verschwitzt und schwer atmend stand sie schließlich mitten im Raum und drehte sich um die eigene Achse. Wo steckte der verdammte Geist? Wenn wenigstens ihre Kundin nicht jeden ihrer Misserfolge beobachtet hätte! Aber so merkte sie, dass sie keine Chance hatte, die Konzentration aufzubringen, um den Poltergeist zu finden. Sie musste warten, bis er sich wieder zu erkennen gab.

Etwas raschelte, dann fiel etwas Schweres auf den Boden und rollte ein Stück. Beatrice fuhr herum. Ihre Tasche! Der Mistkerl war an ihrer Tasche, und das Schwere war ihre gusseiserne Weihrauchschale gewesen. Sie hob sie rasch auf, bevor er damit etwas kaputtmachen konnte, und griff nach ihrer Tasche.

Da kam ihr ein Gedanke. Natürlich, die Weihrauchschale! Sie stellte sie auf das Tischchen, holte ein Stück Kohle aus der Packung in ihrer Tasche und kramte nach einem Feuerzeug.

Als die Kohle brannte, streute sie einige Weihrauchkörner und verschiedene Kräuter darauf. Rasch breitete sich ein schwerer, süßlicher Duft im Zimmer aus.

Die Kundin hustete vorwurfsvoll, und Beatrice zuckte zusammen, beschloss dann aber, das zu ignorieren. Sie würde sich hinterher entschuldigen.

Nachdem der Rauch den Duft durch das ganze Zimmer getragen hatte, schloss sie zum dritten Mal die Augen und konzentrierte sich. Da war er, hinter dem Sofa, und jetzt, wo sie die Ruhe hatte, genau auf ihn zu achten, merkte sie, dass ihr Plan geklappt hatte. Die Weihrauch-Kräuter-Mischung hatte ihn betäubt und träge gemacht.

Lang würde das nicht anhalten, aber lange genug. Sie nahm wieder die Kreide in die Hand und zog einen Bannkreis um das Sofa. Dann begann sie das Ritual von Neuem.

Dieses Mal klappte alles reibungslos. Das Hüsteln ihrer Kundin wurde zwar von Minute zu Minute lauter und vorwurfsvoller, doch inzwischen wollte sie die Sache nur noch hinter sich bringen.

Endlich war der Poltergeist gebannt. Beatrice sackte ein Stück zusammen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihre Übungen mit Wolfgang waren nie so anstrengend gewesen!

Die Stimme ihrer Kundin riss sie wieder aus ihren Gedanken.

„Sind Sie dann jetzt fertig?“, fragte sie scharf. Beatrice straffte sich und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. Dann drehte sie sich um.

„Ja. Dieser Poltergeist wird Sie nicht mehr belästigen“, versprach sie, so munter sie konnte. „Und wenn Sie andere übernatürliche Probleme haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden. Ich freue mich, Ihnen zu helfen!“

Die Dame hüstelte. „Und wer hilft mir, hier wieder Ordnung zu schaffen?“, fragte sie spitz. „Wer wischt diese ganze Sauerei weg, die Sie mit ihren Kreidekritzeleien gemacht haben? Und wie“, sie hob einen anklagenden Finger, „kriege ich diesen Geruch wieder aus meinen Polstern?“

Beatrice zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht“, gab sie zu. „Ich bin Spiritistin, keine Möbelfachfrau. Aber mein Vorschlag wäre Lüften…“

(09.05.2014, 1.355 Wörter)

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2 Kommentare

  1. Ui, die Kundin ist aber auch nervig… Was bin ich froh, kein Spiritist zu sein und mich mit sowas rumärgern zu müssen…

    1. Tja, so ist das eben in Dienstleistungsberufen… ;-)

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