Für eine Handvoll Eis

Die Sonne sank zwischen blutroten Wolken. Staub tanzte in den letzten Strahlen, die durch die beiden Fenster in der Vorderseite des Saloons drangen, und als die Tür aufschwang, reichte der lange Schatten des Neuankömmlings bis an die Bar, wo er im großzügigen Ausschnitt von Sally, der Bardame, zur Ruhe kam.

Alle Augen wandten sich zur Tür. Die sonnenverbrannten Cowboys, die eiskalten Geschäftsmänner und raubeinigen Halunken, die sich wie jeden Abend hier versammelt hatten, wussten sofort, dass der Neue keiner von ihnen war. Er gehörte nicht hierher, das spürten sie. Es sprach aus seinen blitzenden Augen, aus seinem allzu sauberen Halstuch und seinen allzu blanken Sporen; vor allem aber aus der Tatsache, dass er ein Pinguin war.

Er watschelte hinein und auf die Bar zu. Die Tür schloss sich hinter ihm, und das Dämmerlicht schwappte wieder in den Saloon wie warmes Wasser. Die Gäste wandten sich wieder ihren Flaschen und Spielkarten zu, doch die Stimmung wollte nicht so recht wiederkommen. Die Gegenwart des Fremden war ihnen gegenwärtig wie ein Jucken an einer schwer erreichbaren Stelle, und sie könnten sich erst wieder entspannen, wenn sie sich gekratzt hätten.

Der Pinguin schien davon nichts zu merken. Er hatte die Bar erreicht und hüpfte auf einen Hocker, um mit Sally auf Augenhöhe zu kommen.

„Einen Bourbon“, bestellte er, „mit Eis. Viel Eis.“

Sally hob eine Augenbraue, aber bevor sie etwas antworten konnte, stand einer der Männer auf und legte dem Pinguin eine Hand auf die Schulter, oder zumindest dahin, wo er die Schulter vermutete; irgendwo zwischen Flossenansatz und Kopf.

„Wenn du Eis suchst, bist du hier falsch“, knurrte er. „Wir wollen hier keinen wie dich.“

Der Pinguin bewegte sich leicht zur Seite, und die Hand glitt an seinem öligen Gefieder ab. Er drehte sich zu dem Mann um.

„Einen wie mich? Wie meinst du das?“, erkundigte er sich höflich.

„Einen Vogel“, erklärte der Mann und spuckte vor dem Pinguin auf den Boden. „Wir wollen hier keine Galgenvögel, schrägen Vögel oder sonstigen Vögel. Der einzige, der hier einen Vogel hat, ist der Irre Sam, und auch der traut sich nicht in unseren Saloon.“

Der Pinguin musterte seinen Gegenüber von oben bis unten und von unten bis oben. Er sah aus wie ein echter Gauner, einer, der auch vor einem Mord nicht zurückschreckte, mit verkniffenen Augen, einem struppigen Schnurrbart und vernarbtem Gesicht. Seine Hände lagen jetzt auf den Griffen der beiden Revolver in seinem Gürtel, und sie lagen dort, als wären sie mit den Waffen verwachsen. Der Pinguin wusste, dass dieser Mann nicht zögern würde, ernst zu machen. Nicht, weil er sich besonderer Menschenkenntnis rühmte; aber er hatte genau dieselbe Visage vor dem Büro des Sherriffs gesehen, auf einem der Fahndungsplakate. Old Ironhand Bill, wie er dort genannt wurde, hatte schon größere Kerle als ihn auf dem Gewissen.

Der Pinguin hob die Flossen. „Das tut mir leid für den Irren Sam. Dies scheint mir ein sehr schöner Saloon zu sein, auch wenn die Bedienung ein wenig langsam ist.“

Dieser Angriff auf ihre Ehre weckte Sally aus der Schreckensstarre, in die sie Old Ironhands Auftritt versetzt hatte, und sie beeilte sich, dem Pinguin seinen Bourbon einzuschenken. Als sie jedoch eine etwas ranzige Schachtel mit Eiswürfeln aus dem Kühlschrank holte und sich anschickte, sie dem Drink hinzuzufügen, hielt Bill ihre Hand fest. Sie sah zu ihm auf.

„Der Vogel trinkt pur“, beschied er ihr, „wie ein Mann, oder er fliegt hier raus, wie ein Tier.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Solange er im Voraus bezahlt“, sagte sie gleichmütig. Sally wusste es besser als sich mit Old Ironhand Bill anzulegen.

Der Pinguin zog ein paar Münzen aus der Tasche an seinem Gürtel und legte sie auf die Theke. Dann nahm er das Glas und leerte es mit einem Schluck, ohne die Augen von Old Ironhand zu nehmen.

Er knallte das leere Glas auf die Theke.

„Eis“, verlangte er. „Viel Eis.“

Wieder hielt Bill Sallys Hand fest.

„Du trinkst gut, Vogel“, gab er zu, „aber vielleicht bist du nur ein Schluckspecht. Um dein nächstes Glas musst du spielen“, und er zog ein Bündel speckiger Karten aus der Jackentasche. „Voller Einsatz.“

Der Pinguin sah ihm ins Auge. „Und du?“, fragte er, „was setzt du ein?“

Old Ironhand grinste. „Meinen Anteil an der Postkutsche von letzter Woche.“

„Das, was du noch nicht versoffen hast, meinst du“, mischte sich Sally ein. „Komm schon, hast du Angst vor einem Vogel, oder warum setzt du so wenig?“

Old Ironhands Gesicht verfinsterte sich. „Geschwätziges Weib“, knurrte er. „Aber gut. Den Rest von meinem Anteil und mein bestes Pferd.“

„Deal“, der Pinguin nickte. „Teil aus.“

Der Gangster gehorchte, und bald darauf waren sie in ihr Spiel vertieft. Der Pinguin holte Münze um Münze aus seiner bodenlos scheinenden Tasche, und Runde um Runde strich er satte Gewinne ein. Schweiß sammelte sich auf Old Ironhands Stirn, und schließlich, nach einer besonders zähen Runde, musste er aufgeben. Wenn ihm nichts einfiel, würde er zu Fuß heimgehen.

Sally schob dem Pinguin einen neuen Bourbon über die Theke, doch als sie Eis hinzufügen wollte, hielt Bill sie wieder fest.

„Du spielst gut, Vogel“, gab er mürrisch zu, „aber vielleicht bist du auch nur ein Kiebitz.“

„Ich habe es nicht nötig zu schummeln“, sagte der Pinguin ruhig. „Das Glück gehört den Tüchtigen.“

Bill rümpfte die Nase und spuckte auf den Boden. „Halt den Schnabel“, befahl er. „Wenn du so tüchtig bist, dann beweis mir, dass du nicht betrogen hast.“

Der Pinguin hob die Flossen. „Wie? Du glaubst mir ja offensichtlich nicht.“

„Dann lass uns das wie Männer regeln“, Old Ironhand streichelte geistesabwesend seine Revolver. „Ich fordere dich zum Duell. Zehn Schritt, drei Schuss. Erstes Blut. Ich bin ein Mörder, aber kein Metzger“, und er lachte über seinen eigenen Witz.

Der Pinguin leerte den zweiten Bourbon, hüpfte von seinem Hocker und watschelte nach draußen. „Einverstanden“, rief er über die Schulter zurück. „Kommst du? Oder willst du vorher nochmal auf die Toilette?“

„Dir werd ich‘s zeigen, du kleiner Geier“, knurrte Old Ironhand, und seine Hände schlossen sich schon um die Griffe seiner Waffen. „Kommt ruhig raus und schaut zu“, rief er laut den anderen zu, „heute Abend gibt‘s Grillhähnchen! Ich hoffe, du schmeckst“, wandte er sich an den Pinguin, der vor dem Saloon auf ihn wartete.

„Man sagt, Pinguine schmeckten nach Tran“, antwortete der. „Ich habe das aber noch nicht selbst probiert, aus Gründen, die dir hoffentlich naheliegend erscheinen.“

„Ach, halt den Schnabel“, knurrte Bill. „Los geht‘s.“ Sie stellten sich Rücken an Rücken auf und gingen (oder watschelten) zehn Schritt. Dann drehten sie sich um, und in einer einzigen flüssigen Bewegung zog Old Ironhand Bill die Schießeisen, denen er seinen Namen verdankte, und feuerte – rechts, links rechts – auf den Pinguin. In fast demselben Tempo hatte der Pinguin auch seine Waffe gezogen – einen etwas zu neuen, etwas zu glänzenden Revolver, den er mit der einen Flosse hielt, um mit der anderen abzudrücken. Doch noch schoss er nicht. Stattdessen duckte er sich leicht, und Old Ironhands Schüsse, die jeden Menschen niedergestreckt hätten, zischten harmlos über seinen ohnehin niedrigen Kopf hinweg. Nachdem der dritte Schuss verhallt war, zielte er umständlich und drückte einmal ab.

Old Ironhand ließ die Waffen fallen und griff nach seiner rechten Hand. „Du Mistvieh!“, jaulte er. Blut troff von dem verletzten Glied. Der Pinguin hob eine Flosse. „Soll ich die anderen beiden Schüsse auch noch abfeuern, oder reicht dir das?“, erkundigte er sich höflich. Old Ironhand würdigte ihn keiner Antwort. Stattdessen schrie er nach einem Arzt und versuchte dann, die beiden Revolver mit der Linken aufzuheben und wieder in ihren Halftern zu verstauen, was auf der rechten Seite gar nicht so einfach war.

Der Pinguin kehrte langsam in den Saloon zurück. Die Menge folgte ihm stumm. Er hüpfte wieder auf seinen Barhocker und legte ein paar Münzen auf den Tresen.

„Kann ich jetzt mein Eis haben?“, fragte er.

Old Ironhand Bill näherte sich ihm von hinten.

„Du schießt gut, Vogel“, knurrte er, „aber vielleicht bin ich nur ein Unglücksrabe. Dennoch, ich sehe, du bist einer von uns“, und er legte ihm wieder die Hand auf die Schulter, oder zumindest dahin, wo er die Schulter vermutete; irgendwo zwischen Flossenansatz und Kopf.

Sally schenkte einen dritten Bourbon ein und holte wieder das Eis aus dem Kühlschrank.

Diesmal hielt Bill sie nicht auf.

(16.05.2014, 1386 Wörter)

Advertisements

10 Kommentare

  1. Nach der Situationsbeschreibung zu Beginn hätte ich natürlich am wenigsten mit dem Pinguin gerechnet: Gut! :)

  2. Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an Old Ping Pinguin nehmen und Ohrfeigen verteilen. In gewissen Kreisen, oder gegen Dummheit. Auf jeden Fall habe ich die Geschichte gern gelesen, sie hat mir Spaß gemacht :-)

    1. Das freut mich :-)

  3. Ich musste sehr lachen bei der Beschreibung, wie der Schatten des Neuen im Ausschnitt der Bardame zur Ruhe kommt.

    1. Dann hat es ja funkioniert ;-)

  4. Sabrina · · Antwort

    Loooool, damit hast du ja echt den Vogel abgeschossen, geniale Geschichte. Dieser Pinguin hat so dermaßen die Ruhe weg, der erinnert mich die ganze Zeit irgendwie an einen gewissen Herrn P. Er hat so eine automatische Ignoranz des nicht-Optimalen, sozusagen den natürlichen Brachialoptimismus. :D Überhaupt ist diese Geschichte fast schon P-esk. ;) Die musst du mal auf einer Lesung vortragen. Sehr schöne Dialoge.

    1. Danke :-) Ich muss zugeben, P. ist ein bisschen mit schuld daran… Ich habe nach einem Thema gefragt, und er hat sich „was mit einem Pinguin“ gewünscht. Nu, hat er gekriegt ;-)

      1. Jetzt soll ich also wieder Schuld sein? Naja, er bekommt ja sein Eis, also sollte das wohl kein Problem sein:-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: