Das Grün von Südafrika

Die meisten denken, wenn sie das Wort „Afrika“ hören, an Wüsten und Savannen, und wenn sie überhaupt an Bäume denken, dann an Dattelpalmen inmitten von Sandmeeren oder einsame Schirmakazien über grasbewachsenen Ebenen.

Wenn ich „Afrika“ höre, dann denke ich an Wälder; an die Berghänge von Constantia, an denen Ghost Gums ihre Rinde abwerfen wie deutsche Bäume ihr Herbstlaub, an die Silberbäume in Kirstenbosch, an den schattigen Pfarrgarten, in dem wir die heißesten Nachmittage verbrachten. Und ich denke an das Grün, das am Kap der Guten Hoffnung allgegenwärtig ist und so ganz anders als das Grün von Deutschland.

Deutsches Grün ist saftig, regengetränkt und nie allzu weit von einem Fluss oder Bach entfernt. Wir sind ein nasses Land, und wenn man unser Grün betrachtet, dann ist das offensichtlich. Die südafrikanische Provinz Westkap dagegen ist trocken; große Teile sind von Steppe bedeckt oder von der Karoo-Halbwüste. Am Kap und entlang der Küste liegt die Garden Route, und sie ist grün – hier gedeiht der südafrikanische Wein, dessen Crème sich vor den Spitzenpprodukten anderer Länder nicht verstecken muss, und die Gärten, die ihr ihren Namen gaben, sind der Stolz ihrer Besitzer. Dennoch ist dieses Grün ein anderes als das deutsche. Es ist trockener, staubiger, geht ein wenig ins Olivgrüne; es ist das Grün des Veld und der Aloen, das Grün des Fynbos und der Proteen, einer endemischen Spezies der Kapflora.

Was das ganze Jahr über Wasser braucht, wächst hier nur in teuer bewässerten Privatgärten. Die einheimische Flora ist robust und hält auch die heißen Sommer aus. Direkt am Kap, wo der warme Agulhas-Strom feuchte Winde heranträgt, die der kalte Benguelastrom zum Abregnen bringt, ist es nasser, doch auch in Kapstadt muss im Sommer das Wasser rationiert werden. Außerhalb der hohen Mauern, hinter denen die Reichen ihr schlechtes Gewissen verstecken, wächst Zähes, Genügsames, Einfallsreiches, das seine Chancen zu nutzen weiß und sich in Felsspalten festklammern und die trockenen Bergwinde aus der Karoo überstehen kann. Und dann, wenn der Wind aufhört und der Regen zurückkommt, blüht es, in Formen, die es anderswo nicht gibt. Kapstadt ist die artenreichste Großstadt der Welt; am Tafelberg gibt es mehr endemische Pflanzenarten, also solche, die sonst nirgends vorkommen, als beispielsweise Großbritannien überhaupt an Pflanzenarten hat.

Das Grün von Südafrika ist kein leuchtendes Grün. Die Blüten der Kapflora sind nicht auffällig, nicht einmal, wenn sie so groß sind wie die der Königs-Protea; zu zart sind ihre Farben, und importierte Rosen und Bougainvilleen überstrahlen sie mit Leichtigkeit. Ihre Blätter sind oft klein und hart oder ledrig, um die Verdunstung klein zu halten und dem Wind zu trotzen. Doch sie haben dieses ganz eigene Grün, das in all seinen Schattierungen von dunkelgrün bis silbern immer seinen Charakter bewahrt.

Ich weiß, das Westkap ist nicht Südafrika; ich bin sicher, im Rest des Landes gibt es viele andere Töne. Südafrika ist, in jeder Beziehung, ein buntes Land, und seine sechsfarbige Flagge zeigt nur einen winzigen Ausschnitt. Doch die Farbe, die für mich immer mit diesem Land verbunden sein wird, die Farbe, die ich dort jeden Tag sah und die ich hier in all unserem Grasgrün und Laubgrün und Schilfgrün doch immer wieder vermisse, ist das Grün der Kapflora; das Grün von Südafrika.

(06.06.2014, 528 Wörter)

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4 Kommentare

  1. melcoupar · · Antwort

    Danke schön für diese Reise in ein Land, das nicht meines ist, ich aber sehr liebe.

    1. Danke fürs Lesen und den freundlichen Kommentar!

  2. Grüne Worte an einem trockenen und heißen Tag. Und das in 528 Worten. Da wird mir ganz grün ums Herz ;-)

    1. Vielen Dank! Ich hoffe, du findest auch einen schattigen Garten :-)

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