Miramundi

Miramundi! Du Glorreiche, Krone des Imperiums, Königin der Küste; deine langen, flaggengeschmückten Arme reichten bis zu den Smaragdinseln, und dein Hafen nahm Schiffe aus der ganzen bekannten Welt auf, nahm ihre Schätze in Empfang, dich mit neuen Juwelen zu schmücken, deine Festmahle mit feinsten Gewürzen zu verzaubern und deinen Ruhm und Reichtum zu mehren. Du warst die größte Stadt des Reiches, größer noch als die Hauptstadt, der Königssitz, und reicher dazu; deine Schiffe haben die Welt erforscht und Gold und Edelsteine, Gewürze und edle Stoffe zurückgebracht und Nachrichten aus fernen Ländern. Dein marmornes Antlitz war mit Geschmeiden geschmückt und mit Seide behangen, und dein Reichtum ist der Neid der Welt.

Miramundi! Du Stolze, Herrin des Handels, Herrscherin über den Goldfluss und den Fluss des Goldes; deine von Ringen klimpernden Finger reichten bis tief ins Herz des königlichen Palastes, und deine Kaufleute hatten tiefe Taschen und einen festen Griff. Dass das Zentrum des Imperiums nicht in deinem Herzen war, hat dich immer geschmerzt; warst du nicht die Reichste, die Schönste, die Wichtigste? Und doch hat dich der königliche Fuß nur einmal im Jahr berührt, dich durchschritten und dem Meeresgott sein Opfer gebracht, ohne die Tempel des Mammon eines Blickes zu würdigen. Du aber wusstest, wo die wahre Macht lag. Deine Abgesandten waren es, die dem König ihre Huld gewährten, nicht umgekehrt; deine Herren waren es, denen das Ausland Botschafter und Geschenke sandte. Das Herz des Reiches, das wusstest du, schlug in deiner Mitte, und die Adern der Flüsse und Straßen versorgten den Rest des Landes. Ach! Miramundi, wenn du es doch wusstest, warum warst du so gekränkt?

Miramundi! Du Schöne, Fürstin des Tanzes, Göttin der Nacht; deine Feste und Freudenhäuser waren berühmt über die Grenzen hinweg, und die Verlockung deines süß duftenden Schoßes reichte bis an die Enden der Welt. Dichter besangen dich, Künstler bemalten dich; wer dich berührt hatte, kam nicht mehr von dir los, und wer dich nie berührte, sehnte sich ein Leben lang nach dir. Dein Ruf eilte dir voraus, und wärest du nicht so großartig gewesen, man hätte fürchten müssen, dass du ihm nie gerecht werden könntest. Doch deine Feste waren so rauschend, wie man sich erzählt; der Wein floss in Strömen, die die Mündung des Goldflusses wie ein Rinnsal wirken ließen, und deine Fackeln und Lampions machten die Nacht zum Tage. Die besten Musiker der Welt kamen, dir zum Tanz aufzuspielen, und deine geschwungenen Straßen wurden zur Bühne geschwungener Glieder. Selbst ein Alltag in deinem Schoß war ein Fest für die Sinne, dein Leib jeden Morgen parfümiert im Duft der Gewürze und Salböle, mit denen du handeltest, dein Antlitz geschmückt mit Blumen, dein Herz immer offen und zügellos, deine Beine immer in Bewegung, jederzeit bereit zum Tanz und zur Liebe.

Miramundi! Du Erhabene, du Höchste – wie tief bist du gesunken! Der Schmuck von deinen Fassaden gerissen und deine Tempel geplündert, deine Fahnen zerrissen und deine Schminke ins Meer gewaschen. Die See, die dir deinen Reichtum brachte, hat deine Fundamente unterspült und deine Schiffe zerschlagen, und mit allem Gold der Welt konntest du sie nicht aufhalten. Was ist von dir geblieben, du Schönste, du Stolzeste? Nicht einer deiner Türme, die doch einst den Himmel kratzten, ragt mehr über die Wellen. Das Reich, dessen Ruhm du in die Welt getragen hast, ist nicht mehr, deine Bürger sind in alle Winde zerstreut, und keiner spricht mehr das Kreol deiner Straßen.

Miramundi! Wunder der Welt! Was ist von dir geblieben? Ein Name, eine Erinnerung, Ruinen am Meeresgrund – dein Ruhm aber, deine Legende, sie haben dich überlebt.

(21.06.2014, 588 Wörter)

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