Im Weizenfeld

Susanne trat aus dem Wald und folgte dem Feldweg bis auf die Kuppe des Hügels. Die Sonne stand schon tief und ließ das Weizenfeld auf dem gegenüberliegenden Hügel golden glühen, während die Senke dazwischen halb im Schatten lag. Ein leichter Wind kam auf und zerrte einzelne Haare aus ihrem Zopf. Sie ließ es geschehen.

Eine Zeitlang stand sie einfach so da und genoss den Sonnenuntergang. Ein paar Vögel zwitscherten, und ab und zu bewegte sich das Korn auf eine Weise, die die Bewegung kleiner Tiere verriet; davon abgesehen schien sie allein zu sein. Sie lächelte. Susanne liebte ihre abendlichen Spaziergänge, und die Gegend hier war wirklich wunderschön. Sie würde sie vermissen, wenn ihr Urlaub zu Ende war und sie wieder in die Stadt zurückfahren musste, das wusste sie schon jetzt.

Langsam ging sie weiter, zurück in Richtung Dorf. Das Bauernpaar, bei dem sie ein Zimmer gemietet hatte, würde sich sicher Sorgen machen, wenn sie zu lange weg blieb; obwohl sie wenig mit den Dörflern zu tun hatte, war ihr doch nicht entgangen, dass sie alle eine nahezu abergläubische Furcht vor der Dunkelheit hatten. Sie fand das ein wenig lächerlich, aber sie wollte es auch nicht darauf ankommen lassen, die Leute zu beunruhigen.

Das Weizenfeld schimmerte jetzt in tiefem Orange. Es wurde merklich kühler, und Susanne schlang die Arme um den Körper. Sie hätte eine Jacke mitnehmen sollen, dachte sie, aber als sie aufgebrochen war, war es so herrlich warm gewesen, dass sie daran überhaupt nicht gedacht hatte. Zum Glück war es nicht mehr allzu weit bis zum Gasthaus.

Als sie das Weizenfeld erreichte, hielt sie inne. Sie war nicht mehr allein; folgte ihr jemand? Sie lauschte. Die Schritte kamen näher, und als sie sich umdrehte, erschrak sie, wie nahe ihr der Fremde schon gekommen war.

„So spät noch allein unterwegs, junge Dame?“, rief der Mann ihr entgegen. „Wissen Sie nicht, wie gefährlich das ist?“

„Warum denn?“, fragte sie leichthin, „hier ist doch niemand. Was soll mir schon passieren?“

Jetzt hatte er sie eingeholt und musterte sie. „Sie sind der Feriengast“, stellte er fest. „Sie haben es wohl noch nicht gehört?“

„Was gehört?“ Susanne setzte sich wieder in Bewegung, und der Mann passte seine Schritte den ihren an.

Er schwieg eine Weile, und sie überlegte schon, ob er ihre Frage nicht gehört hatte. Sie hatte aber auch keine Lust nachzufragen. Ihr war nicht nach einem Gespräch, und sie wünschte sich, er würde wieder schneller gehen und sie überholen, aber wann immer sie ihr Tempo verlangsamte, tat er es ihr nach. Er schien entschlossen, mit ihr zusammen zurück zu gehen.

„Leute verschwinden“, sagte er schließlich leise. Sie schaute ihn überrascht an. Er bemerkte ihren Blick und zuckte mit den Schultern. „Das ist es, was man sich im Dorf erzählt. Leute, die abends allein unterwegs sind, verschwinden. Bisher ist erst einer wieder aufgetaucht. Der alte Kraber. Hunde haben seine Leiche ausgebuddelt, hinten im Wald.“ Er wies in die Richtung, aus der sie beide gekommen waren.

Susanne schauderte. „Ist er… wurde er…“

„Umgebracht.“ Der Mann sah ihr in die Augen. „Sie sagen, ein Mörder geht um.“

„Warum ist dann das Dorf nicht voller Polizei?“

„Wie gesagt, es ist erst einer wieder aufgetaucht. Niemand weiß, ob die anderen wirklich tot sind oder nur abgehauen. Und der alte Kraber wurde erschlagen; Mord oder ein Unfall, ein abgebrochener Ast? Wer weiß das so genau? Niemand möchte schlafende Hunde wecken.“

„Ich dachte, seine Leiche wäre vergraben gewesen? Wie soll ein abgebrochener Ast das tun?“

„Er lag unter Laub. Das kann auch der Wind gewesen sein.“ Der Mann hob die Hände in einer Geste des Man-weiß-es-nicht. Erst jetzt fiel Susanne auf, dass er einen dicken Wanderstock trug.

„Warum haben dann alle Angst?“, fragte sie betont forsch. „Vielleicht ist wirklich nichts passiert. Vielleicht hatte der alte Kraber Pech, und die anderen hatten die Schnauze voll vom Landleben.“

Ihr Begleiter sah sie an und wiegte den Kopf. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“ Er wog den Wanderstock in beiden Händen.

Susanne blieb stehen. Der Mann hielt ebenfalls an. Er stand jetzt vor ihr auf dem Weg, breitbeinig, sodass sie ins Feld ausweichen müsste, wollte sie an ihm vorbei. Sie stemmte die Arme in die Hüften.

„Was soll das?“, fragte sie. „Wollen Sie mir Angst machen?“

„Angst?“, der Mann lächelte dünn. „Angst ist manchmal ein guter Ratgeber. Ich will Sie nicht erschrecken. Nur warnen.“

„Warnen“, wiederholte Susanne. „Na, dann vielen Dank. Jetzt bin ich gewarnt, und Sie können in Ruhe heimgehen.“

„Wollen wir den Weg nicht gemeinsam fortsetzen? Wir müssen doch beide ins Dorf.“

„Ich habe ganz gern meine Ruhe.“

Er schüttelte den Kopf. „Haben Sie mir denn gar nicht zugehört? Es ist gefährlich, nachts allein unterwegs zu sein.“

„Ich kann mich wehren“, behauptete sie.

„Das dachte Hannes sicher auch“, sagte der Mann leise. „Hannes war Einsatzleiter bei der freiwilligen Feuerwehr. Schützenkönig. Ein Schrank von einem Mann. Seit vier Tagen hat ihn niemand mehr gesehen.“

„Das war der große Blonde, nicht wahr?“, fragte sie. Sie erinnerte sich an ihn. Er war hübsch gewesen, auf eine etwas grobschlächtige Art, und hatte rührend tollpatschig im Wirtsgarten mit ihr geflirtet.

Der Fremde nickte. „Und? Glauben Sie, dass Sie etwas gegen den ausrichten können, der Hannes umgelegt hat?“

Susanne grinste herausfordernd. „Ich bin ziemlich sicher, ja.“

„Wie? Sie sind nur…“

„…eine Frau?“, ergänzte sie. „Ja, das hat der alte Kraber auch gesagt. Wollte mich unbedingt sicher nach Hause bringen. Wie galant von ihm! Dabei wollte ich doch nur meine Ruhe haben.“ Jetzt schüttelte sie den Kopf.

Der Mann starrte sie an, offensichtlich verwirrt. Sie seufzte. „Und Sie werden mich auch nicht in Ruhe lassen, oder?“, fragte sie nach. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich verstehe nicht…“

„Nein, natürlich nicht. Niemand hier versteht mich. Es gibt nur eine Sprache, die jeder kapiert.“ Sie zog die Stahlrute aus der Tasche und ließ sie mit einer Handbewegung auf volle Länge aufschnappen. Mit demselben Schwung führte sie die beschwerte Spitze gegen seine Schläfe. Er brach ohne ein weiteres Wort zusammen.

Die letzten Strahlen der Sonne färbten das Weizenfeld blutrot.

(26.06.2014, 1018 Wörter)

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6 Kommentare

  1. Na toll. Ich konnte nicht aufhören zu lesen und jetzt liege ich mit einer Gänsehaut im Bett. Hörspielcd voll mit solcher Gruselkurzgeschichten, ich würde sie hören. Überraschendes Ende, gefällt mir!

  2. Ein interessanter Text. Interessant auch das Ende und seine Details. Vor allem beweist die Geschichte, dass Mann niemals Frau unterschätzen sollte. Mit, oder ohne Stahlrute ;-)

    1. Dachte ich mir doch, dass dir das gefallen würde ;-)

  3. Toller Spannungsaufbau und überraschende Wende! Super!

    1. Vielen Dank für das Lob! Es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.

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