Ein nicht ganz perfektes Verbrechen

„Was machst du da?“ Melanie beugte sich über Sabrinas Schulter. Die verdeckte hastig, was vor ihr auf dem Tisch lag.

„Sei nicht immer so neugierig“, motzte sie, doch ihre kleine Schwester ließ sich nicht so schnell abspeisen. „Zeig doch mal“, verlangte sie und zerrte an Sabrinas Arm. Dabei stieß sie gegen die Klebstoffflasche und warf sie vom Tisch.

„Pass doch auf!“, rief Sabrina und bückte sich danach. Das nutzte Melanie natürlich sofort aus, um ihre Bastelarbeit zu begutachten.

„Du hast ‚Meerjungfrau‘ falsch geschrieben“, stellte sie fest, „das schreibt man mit zwei ‚e‘ und ohne ‚h‘. Und warum sollte Babsi dir ihre Meerjungfrau-Barbie geben? Ich dachte, ihr könnt euch nicht leiden.“

„Das geht dich gar nichts an“, motzte Sabrina und versuchte, ihr das Blatt Papier, mit dem sie sich die letzte halbe Stunde beschäftigt hatte, wieder wegzunehmen. Melanie jedoch wich ihr schnell aus. Dann rannte sie aus dem Zimmer, den Zettel immer noch in der Hand. Sabrina setzte ihr nach.

„Was? Du hast gesehen, wie sie Tobi geküsst hat? Iiih!“

„Gib das wieder her!“, schrie Sabrina und rannte hinter Melanie her. „Du verstehst das nicht. Jetzt gib mir endlich meinen Brief zurück! Sonst behaupte ich hinterher, dass du ihn geschrieben hast“, fiel ihr plötzlich ein, „da sind jetzt nämlich überall deine Fingerabdrücke drauf.“

„Was?“, Melanie ließ den Zettel erschrocken fallen. „Stimmt ja gar nicht! Du hast ihn geschrieben!“

„Kannst du nicht beweisen. Und jetzt sind deine Fingerabdrücke drauf“, triumphierte Sabrina, und um das zu unterstreichen, streckte sie ihr noch die Zunge heraus.

„Gar nicht!“, rief Melanie und wich vor dem Drohbrief zurück, als stünde er in Flammen. „Oder?“ Sie war verunsichert. Immerhin hatte sie den Brief in der Hand gehabt. Waren jetzt wirklich ihre Fingerabdrücke darauf? Konnte Sabrina tatsächlich behaupten, dass es Melanie war, die Babsi erpressen wollte?

„Aber ich kenn Babsi doch gar nicht“, fiel ihr ein. „Nur vom Sehen. Ich bin gar nicht in ihrer Klasse und du schon, und außerdem könnt ihr euch nicht leiden. Sie wird dir nie glauben, dass du das nicht warst.“

„Aber sie kann’s nicht beweisen“, behauptete Sabrina und hob den Brief vorsichtig mit den Fingerspitzen auf. „Weil jetzt nämlich nur deine Fingerabdrücke drauf sind. Und wenn ich erst ihre Meerjungfrau-Barbie habe, tu ich sie in dein Zimmer, wenn du nicht da bist, und mache ein Foto davon. Dann sieht es so aus, als hättest du sie.“

„Das ist voll gemein!“, jetzt weinte Melanie fast. „Ich sag’s Mama!“

„Dass du gesehen hast, wie Babsi Tobi geküsst hat und sie jetzt erpresst?“

„Aber das war ich gar nicht! Das warst du!“

„Das kannst du nicht beweisen.“ Sabrina streckte ihr noch einmal die Zunge raus. „Weil du nämlich überall Fingerabdrücke hinterlassen hast, und wenn Babsi zur Polizei geht, finden sie dich.“

Melanie starrte sie wütend an, aber das beeindruckte ihre Schwester leider überhaupt nicht. Dann fiel ihr etwas ein. „Weißt du was? Mach doch, was du willst, du dumme Kuh“, rief sie, plötzlich wieder fröhlich, und rannte zur Wohnungstür. „Ich hab eine viel bessere Idee.“

„Was hast du vor?“, rief Sabrina besorgt, doch Melanie flitzte an ihr vorbei und aus dem Haus. Auf der Straße fiel ihr auf, dass sie noch barfuß war, doch sie wollte ja auch nicht weit laufen. Wieder zurück in die Wohnung traute sie sich nicht – wer wusste schon, was Sabrina mit ihr machen würde? Ihre Schwester konnte ganz schön gemein sein, das wusste sie aus leidvoller Erfahrung.

Doch heute würde sie es ihr heimzahlen, oh ja. Sie hatte Babsis Haus erreicht und klingelte Sturm. Jetzt würde sie ihr einfach alles erzählen, was sie herausgefunden hatte, und dann würde Babsi Sabrina gar nichts mehr glauben, jawohl.

Sie klingelte wieder und wieder, doch niemand öffnete. Verflixt, wo steckte Babsi nur?

„Na, du willst wohl zur Barbara?“, fragte jemand. Melanie zuckte zusammen und drehte sich um. Eine ältere Frau stand hinter ihr, einen Schlüssel in der Hand.

„Ja, genau. Ist da denn niemand zu Hause?“

Die Nachbarin, denn das war sie wohl, schüttelte den Kopf. „Hat sie dir das nicht erzählt? Die sind alle weggefahren, die ganzen restlichen Sommerferien. Ich gieße ihre Blumen, deshalb kann ich dir ganz sicher sagen, dass sie erst in vier Wochen wieder da sind.“

„Oh“, machte Melanie und ließ den Kopf hängen. Dann musste sie plötzlich grinsen. „Vier Wochen, sagen Sie? Das ist ja ne Ewigkeit! Bis dahin hat Sabrina bestimmt alles wieder vergessen. Super!“ Und sie hüpfte fröhlich zurück nach Hause.

Die Nachbarin sah ihr kopfschüttelnd hinterher. „Super findet sie das? Na, da hat die arme Barbara aber eine schöne Freundin…“

(05./06.07.2014, 774 Wörter. Jaja, arme Babsi…)

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7 Kommentare

  1. Du solltest Kinderbücher schreiben :D

  2. Wie fies! Aber eine schöne Geschichte, wie die beiden sich gegenseitig übertrumpfen wollen.

  3. Könnten meine Schüler sein. Oder meine Brüder damals vor … zwanzig Jahren.

  4. fliegenderplattenkondensator · · Antwort

    Das ist ja super süß geworden. Eine sehr gute und überraschend bodenständige Umsetzung der zwei nicht ganz einfach zu vereinenden Stichwörter. (Ich mein nur so im Vergleich, wenn man mal an meine abstruse Bildversion denkt… :D)

    1. Danke :-) Freut mich, dass es dir gefällt.

  5. Sehr lebendig erzählt in authentischer Sprache!

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