Abschied

Du bist voll Vorfreude, aufgeregt, ja, aber im besten Sinn; wenn du an die Zukunft denkst, an das, was unmittelbar vor uns liegt, kannst du es kaum erwarten, so sehr freust du dich darauf. An das, was später kommt, kommen wird, kommen könnte, denkst du nicht. Zukunft, das sind für dich die nächsten Tage, die nächsten Gelegenheiten, die nächsten Chancen. „Risiko“ ist für dich nur der erste Teil von „no risk, no fun“, und du wirst dir den fun nicht nehmen lassen. Nicht von mir, und nicht von deinen eigenen Befürchtungen.

Wenn ich an die Zukunft denke, an das, was unmittelbar vor uns liegt, denke ich an die langen Tage und noch längeren Nächte ohne dich. Ich freue mich für dich, natürlich freue ich mich für dich; aber für mich selbst kann ich mich nicht freuen. Du wirst fort sein, weit weg von mir, und obwohl du versprichst, mich anzurufen, mir zu schreiben, immer an mich zu denken, weiß ich, dass du dafür wenig Zeit haben wirst. Zu viel Neues wird dich in Anspruch nehmen, zu viele Chancen und Gelegenheiten und all die neuen Menschen, die du kennenlernen wirst. Wenn ich an das denke, was später kommt, kommen mag, kommen muss, wird mir flau. Es ist nicht einmal das Risiko, das ich fürchte. Natürlich, es kann alles mögliche passieren; dein Flugzeug könnte abstürzen, du könntest überfallen werden oder verunglücken oder dir eine exotische Krankheit einfangen – das sind Möglichkeiten, an die ich am liebsten nicht denke, weil sie die schlimmsten sind, aber ich beruhige mich damit, dass sie auch die unwahrscheinlichsten sind.

Naheliegendere Dinge beängstigen mich mehr. Was, wenn es dir dort so gut gefällt, dass du nicht zurückkommst? Was, wenn du dich dort in einen anderen verliebst? Jetzt sagst du, dass das nie passieren wird, aber Menschen ändern sich, Zeiten ändern sich, und du willst alles auf einmal ändern und glaubst trotzdem, mir versprechen zu können, dass unsere Liebe die einzige Konstante sein wird, nachdem wir bisher nie länger als eine Woche voneinander getrennt waren?

Du umarmst mich, hältst mich noch einmal fest und versicherst mir, dass du mich immer lieben wirst. Ich zwinge mich zu lächeln und stimme dir zu. Ich bin ja nicht das Einzige, das dich hier hält, das dich zurücklocken wird aus diesem fernen, fremden Land, in dem du ein Jahr verbringen willst, das für dich eine Brücke – so nennst du es, „Brückenjahr“ – und für mich ein Abgrund ist. Und wenn es dir noch so gut gefällt, rede ich mir ein, du wirst zurückkommen. Unsere Liebe wird das aushalten, ist sie nicht stark? Ist sie nicht wahrhaftig? Du wirst mich nicht vergessen, die Erinnerung wird nicht verblassen und durch ein neues Gesicht ersetzt werden, das dir dort näher ist als meines.

Doch eines ist sicher, eines ist kein „Vielleicht“ und kein „Was, wenn“ und kein „Risiko“, sondern Gewissheit. Du wirst dich ändern in diesem Jahr. Du wirst neue Leute kennenlernen, eine neue Sprache sprechen, in neue Situationen geraten. Du wirst daraus lernen, du wirst dich entwickeln; du wirst nicht mehr derselbe Mensch sein, wenn du zurückkommst. Am Ende dieses Jahres wird für dich eine Epoche vergangen sein und für mich nur dreihundertfünfundsechzig ganz normale Tage, in denen ich mit meinen alten Freunden über die alten Themen sprechen werde.

Wenn du zurückkommst, als neuer Mensch – werden wir noch zusammenpassen?

 

(13.07.2014, 556 Wörter. Selbst erlebt habe ich das nicht, aber ich habe erlebt, wie die Beziehung eines mir bekannten Paares nach einem Auslandsjahr der einen zerbrach.)

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