Die Sandameise

Die Sandameise (cataglyphis arenosa) ist eine Schuppenameise (formicina) aus der Gattung der Wüstenameisen. Ihr bevorzugter Lebensraum ist an häufig frequentierten Badestränden und Spielplätzen, doch sie fühlt sich prinzipiell an allen Orten mit ausreichend Sand wohl. Der Trend, künstliche Badestrände an Flussufern und in Cocktailbars aufzuschütten, hat ihren Lebensraum bis in dicht besiedelte Städte ausgedehnt.

Cataglyphis arenosa ist, auch im Vergleich zu nahen Verwandten, eine extrem kleine Spezies, deren Angehörige nur bis zu einem halben Millimeter groß werden. Mit bloßem Auge ist sie kaum zu erkennen, und meist sind es nur die Auswirkungen ihrer emsigen Tätigkeit, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Zudem ist sie extrem anpassungsfähig, und ihr Chitinpanzer nimmt die dominante Färbung ihrer Umgebung an. Dies ist kein aktiver Prozess wie die Färbung des Chamäleons oder der Kraken, sondern vielmehr eine Form der Mikroevolution; nach der Wanderung in ein neues Gebiet passt sich die Färbung innerhalb weniger Generationen dauerhaft an. Der genaue Ablauf war lange Zeit ein Rätsel, bis es gelang, diese Entwicklung unter Laborbedingungen zu beobachten. Offenbar löst Stress, wie ihn beispielsweise eine neue Umgebung auslöst, eine höhere Variation der Panzerfärbung unter den Nachkommen der Königinnen, also eierlegenden Weibchen, aus (wie bei den meisten Ameisenarten können auch bei Sandameisen mehrere Königinnen in einem Bau koexistieren). Die für die Brutpflege zuständigen Arbeiter wiederum töten alle unpassend gefärbten Larven, sodass innerhalb kürzester Zeit nur farbangepasste fortpflanzungsfähige Jungtiere zur Verfügung stehen, deren Panzerfärbung die weiteren Generationen bestimmt.

Der Bau der Sandameise kann sich über mehrere Quadratmeter erstrecken und reicht bis zu vier Meter in die Erde. Trotz ihrer geringen Körpergröße sind sie fleißige Bauherren und können große Mengen Sand und Erde bewegen. Im Inneren besteht der Bau aus einem komplexen System aus Gängen und Kammern. Nach außen nimmt er verschiedene Formen an, von simplen Hügeln, die auch von Wind und Wetter geformt sein könnten, bis zu komplexen Gebilden mit Gräben, Türmen und manchmal sogar Verzierungen aus Muscheln, deren Zweck bisher noch nicht ergründet werden konnte. Diese Bauten werden von Laien oft für Sandburgen gehalten, sind aber bei längerer Observierung leicht davon zu unterscheiden: Während menschengemachte Sandburgen unter dem Einfluss von Wind und Tiden meist schnell zerfallen, behalten die Bauten der Sandameise ihre Form über lange Zeit. Mithilfe eines simplen Vergrößerungsglases kann man die Arbeiter dabei beobachten, wie sie die Fassade ständig ausbessern und erweitern.

Auch in den unauffälligeren Hügelbauten sind stets Arbeiter am Werk; wer den Fehler macht, sich auf ihnen niederzulassen, wird dies spätestens bei der Rückkehr vom Strand bemerken. Sandameisen haben keine Scheu vor Menschen und bauen einfach um sie herum und, wenn sie ihnen zu nahe kommen, auch über sie hinweg. Wer also schon einmal nach einem Strandbesuch feststellen musste, dass der Sand an Stellen geraten ist, die nie mit dem Boden in Berührung waren, darf sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei einer Kolonie Sandameisen bedanken, deren Bau er zu nahe gekommen ist.

Die natürlichen Feinde der Sandameise sind hauptsächlich Ameisenlöwen, die genau wie sie selbst sandige Umgebungen bevorzugen, und diverse andere räuberische Insekten. Doch auch von ihnen hat sie wenig zu befürchten; nicht nur ihre exzellente Tarnung schützt sie, sondern auch ihre aggressive Verteidigung von Bau und Brut lässt fast jeden Fressfeind einen großen Bogen um sie machen – wenn er sie denn rechtzeitig sieht.

(27.07.2014, 535 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme – Teil 1 ist noch offen.)

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4 Kommentare

  1. Ich bin verwirrt. Ist das nun eine von dir erfundene Ameisenart? Ich bin ja keine Ameisenexpertin, aber Google zumindest kennt Cataglyphis arenosa nicht. Wenn also ja, dann kannst du stolz auf deinen Sachtext sein, weil er einem die Existenz dieser Ameisen absolut vorgaukelt (und auch ansonsten ein guter Sachtext ist). Wenn nicht: Ziemlich interessant, das mit der Farbevolution, das wusste ich gar nicht, dass Ameisen das können. ^^

    1. XD Guck mal auf die Tags. Dass ich das unter „fantastische Zoologie“ einordne, sollte ein Hinweis sein :-P

      1. Oh, Tags, darauf habe ich nicht geachtet (so wie meistens nie), aber es wäre in der Tat ein guter Ort gewesen, um der Sache auf den Grund zu gehen. ;)

  2. Oh, das ist ja mal wieder ein großartiger Text…
    Ich mag diese sandburgenbauenden Ameisen irgendwie. Wenn man die dann noch dazu erziehen könnte, Blattläuse vom Balkon zu verjagen, würde ich vorschlagen, unseren Balkon mit Sand zu füllen.

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