Algen

Es hatte mit der Algenblüte in China angefangen. Natürlich hatten sie schnell eine Erklärung – Chemikalieneintrag, Düngemittel, die die Algen zum Sprießen brachten und die Strände unter einer meterdicken grünen Matte begruben. Vielleicht stimmte die Erklärung sogar; vielleicht waren es die Chemikalien, die das alles ausgelöst hatten.

Was nicht stimmte, war, dass es danach nicht weitergehen würde.

Zum einen kam die Algenblüte wieder, und wieder und wieder, jedes Jahr. Zum anderen brachte sie etwas mit; doch das bemerkten wir erst, als es zu spät war. Wie hätten wir es auch ahnen können?

Als die ersten Badegäste auf grünen Pelz statt weißen Sand stießen, wateten sie hinein und hindurch, um nach dem Meer zu suchen. Natürlich gesellten sich zu den Erklärungen bald Warnungen, immerhin hatten die Algen durch übermäßige Düngung mit teils hochgefährlichen Chemikalien so extrem vermehrt, und es lag nahe, dass sie die Giftstoffe immer noch in für Menschen schädlichen Mengen enthielten. Die Badegäste aber waren gekommen, um Spaß zu haben, und wenn sie an den Sand nicht herankamen, ließen sie ihre Kinder eben mit Algen spielen. Dass die grüne Pest jedes Jahr pünktlich wiederkam, trug dazu bei, dass man sich daran gewöhnte.

Und so spielten die Kinder mit den Algen, wühlten darin, verkleideten sich als Sumpfmonster, bewarfen sich mit den feuchten Büscheln. Und trugen den Parasiten auf dem Heimweg mit in die Städte. Dort verbreitete er sich weiter, und Touristen wie Geschäftsreisende nahmen ihn mit in die ganze Welt.

Als man ihn nach ein paar Monaten das erste Mal in einem Patienten nachwies, hatte er sich bereits auf mindestens vier Kontinenten ausgebreitet. Als die Symptome auftraten, gab es keine Nation mehr, die nicht betroffen war. In Binnenländern ebbte die Epidemie bald ab; der Parasit brauchte Salzwasser, und die Befallenen, die nicht so leicht ans Meer kamen, starben so schnell, dass sie nur wenige anstecken konnten. An den Küsten dagegen trieb die Krankheit die Leute ans Meer und ins Wasser.

Wer noch nicht infiziert war, floh die Küste. Wohnraum im Landesinneren wurde teuer. Die Reichen verschanzten sich weitab vom Meer, und wer es sich leisten konnte, folgte ihnen, doch bald brachten die ersten Flüchtlinge den Parasiten mit. Eine neue Krankheitswelle brach aus. Die Wohlhabenden bauten Mauern und Zäune und wiesen jeden ab, der nicht nachweisen konnte, dass er sauber war. Die umliegenden Landstriche entvölkerten sich, weil die Gesunden in die geschützten Städte zogen, während die Kranken, Welle um Welle, ins Meer gingen oder starben.

Dann kamen die ersten Larven flussaufwärts.

Der Parasit verändert seinen Wirt; Landlebewesen wie wir Menschen werden zu Meerestieren, die Lunge verkümmert, Kiemen bilden sich, die Haare fallen aus und machen einer feuchten, aalähnlichen Schleimhaut Platz. Offensichtlich ist das Ziel der Parasiten, ihren Wirt zum Leben im Meer zu zwingen, wo sie die meisten Stadien ihres Lebens durchlaufen. Wieso sie aber gerade den Menschen befallen, verstanden wir erst, als die Larven kamen.

Sie sehen aus wie menschliche Kinder. Sie sind menschliche Kinder, nach allem was wir wissen, außer dass sie eben Träger des Parasiten sind. Sie schwimmen flussaufwärts und steigen weit im Landesinneren aus dem Wasser. Dort suchen sie nach Menschen, die sie aufnehmen, und anfangs gelang ihnen das auch. Wir waren gut darin, uns das Mitleid mit infizierten Erwachsenen abzugewöhnen, doch wir sind darauf gepolt, Kinder zu beschützen. Wir haben auch diese Kinder beschützt. Bis sie heranreiften und uns infizierten.

Heute lebt der Rest der Menschheit in abgeschotteten Gebirgsstädten, weit entfernt von allen Küsten und Flussläufen. Wasser ist knapp hier, aber zumindest sauber. Lebensmittel sind noch knapper. Es gibt kaum Boden, auf dem Nahrung züchten können; Fisch vermeiden wir aus naheliegenden Gründen, selbst Süßwasserfisch. Wir essen, was der Boden hergibt, und jagen Vögel, die sich in den umliegenden menschenleeren Gebieten offensichtlich prächtig vermehren und häufig unsere Refugien überqueren.

Wir hoffen, dass sie keinen Fisch fressen. Und vor allem keine Algen.

 

(02./03.08.2014, 634 Wörter. Inspiriert von Berichten über die Algenblüte in China; alles andere ist frei erfunden.)

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ein Kommentar

  1. Deine Erzählung erinnert mich gleich an mehrere Dinge: Daran, dass das Trinkwasser im Eerie See durch Algen verseucht ist, an einen Film, in dem (ich glaube, es waren) Algen durch Chemie verseucht sind, die Fische auch verseuchen und die Menschen dann auch. Es war ein seltsamer Film im Found Footage Stil … und an noch was anderes, aber das habe ich grad wieder vergessen :)

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