Ein Sommerabend

Die Sonne ist schon hinter den Häusern verschwunden, aber ihr Glanz hängt noch in den blutroten Wolken. Die Luft über dem Kanal ist schwer von Fäulnis, und Mückenschwärme lauern auf frisches Blut, aber es ist kühler hier am Wasser, und so füllen sich die Ufer. Ein Pärchen sitzt auf der Brücke und lässt die Füße durchs Gitter baumeln; eine Gruppe junger Männer ist über den Zaun geklettert und sitzt auf der betongefassten Böschung. Sie lassen eine Wodkaflasche kreisen und scheinen sich prächtig zu amüsieren. Etwas weiter kanalabwärts haben sich ein paar Freunde niedergelassen, Männer und Frauen, die einen ganzen Kasten Bier, Kekse und Chips dabeihaben. Sie sehen so aus, als wollten sie länger bleiben. Warum auch nicht? Die Nacht hat noch nicht einmal richtig angefangen.

Aus der Kneipe an der Ecke dringt Musik. Sie mischt sich mit den Klängen aus offenstehenden Fenstern und dem Gelächter der jungen Leute. Irgendjemand isst gerade zu Abend; man hört Besteck klirren. Über allem liegt eine Atmosphäre von Entspanntheit und guter Laune, als könnte an diesem Sommerabend nichts Schlimmes passieren, als hätte das ganze Viertel heute Urlaub von der Realität, die morgen wieder anfängt, mit unbezahlten Rechnungen, stressigen Jobs, harten Prüfungen und all den kleinen Ärgernissen, die der Alltag so mit sich bringt.

Nicht einmal, als ein Entenpaar sich um die Chips streitet, die einer der jungen Leute ins Wasser hat fallen lassen, kann das die Stimmung zerstören. Kaum jemand schenkt den Vögeln Beachtung, und wer ihnen einen Blick zuwirft, lächelt nur und wendet sich wieder ab.

Nur ein Augenpaar bleibt an ihnen hängen. Der Ausdruck darin ist schwer zu lesen, denn die Augen liegen im Schatten einer fleckigen Schirmmütze, und ihr Besitzer kauert im Schatten der Brücke. Vielleicht hat ihn deshalb noch niemand bemerkt? Er scheint immun gegen die gute Laune, gegen Lachen und Musik. Seine Mundwinkel hängen schon so lange, dass sie in den Falten seiner hageren Wangen verschwinden. Seine Hände umklammern eine Bierflasche, an der er immer wieder nippt, obwohl sie schon lange leer ist.

Er verlagert sein Gewicht, rückt sich zurecht zwischen den Einkaufstüten, die seine Habe enthalten, und zieht ein Ende seiner Decke über die Füße. Ist es dort im Schatten so viel kälter, oder ist die Bewegung reine Gewohnheit? Er sieht so aus, als würde er schon lange hier sitzen, länger als die Feiernden um ihn herum auf jeden Fall, aber wenn seine Augen so aus dem Schatten der Mütze und dem Schatten der Brücke auf die streitenden Enten blicken, ohne dass er eine Miene verzieht, könnte man meinen, er säße hier schon länger, als es die Brücke überhaupt gibt, er säße hier schon immer.

Das ist natürlich Unsinn. Er ist irgendwann hierher gekommen, und davor war er woanders; er war nicht immer obdachlos, er war nicht immer das, was wir einen Penner nennen. Auch er ist ein Mensch mit einer Geschichte. Vielleicht hat er sogar irgendwo Familie; vielleicht lebt seine Familie hier in der Nähe, hinter einem der offenen Fenster, aus denen Musik kommt oder das Klirren von Besteck. Keiner weiß, warum er obdachlos ist, und vielleicht hat er selbst es schon vergessen oder verdrängt. Er redet nicht darüber. Er redet überhaupt nicht, er sitzt nur hier im Schatten und beobachtet die Enten und nippt ab und zu an seiner leeren Bierflasche, wie um an der Party neben ihm teilzuhaben.

Einer der jungen Männer mit der Wodkaflasche lacht laut auf; vielleicht, weil ein Kumpel einen besonders guten Witz erzählt hat. Die anderen stimmen mit ein.

Der Penner wendet seinen Blick von den Enten zu der lachenden Gruppe. Einer seiner Mundwinkel hebt sich, entgegen allen Falten. Etwas rührt sich in seiner Brust, ein Grollen, ein Kollern. Ein Lachen.

Nein, er ist nicht immun. Auch wenn er so schien.

 

(08.08.2014, 619 Wörter.

Kleine Erinnerung: Dies ist die letzte Chance mitzubestimmen, wie „Probleme“ weitergeht! Mitte nächster Woche schließe ich die Abstimmung.)

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6 Kommentare

  1. Ich konnte die Sommerabendstimmung fühlen und habe den Mann unter der Brücke gesehen. Aber bei mir wäre er nicht nur ein Penner und sein Lachen hätte einen tieferen Sinn. Ach in meinem Kopf sind noch immer bunte, japanische Bilder. Und daraus wollen sich mystische Geschichten formen. Mal sehen :-)

    1. Vielen Dank für das Kompliment :-) Und wenn du wieder eigene Geschichten schreibst, würde ich sie gern lesen ;-)

      1. Kennst du das, wenn in deinem Kopf die Bilder Reigen tanzen? Wenn dich Worte wie Geschosse bombardieren? So geht es mir zur Zeit und ich stehe in Doppeldeckung. ;-)

  2. Aka Teraka · · Antwort

    Hat mich gerührt… danke.

  3. Stimmungsvoll und atmosphärisch.
    Schön.
    LG von Rosie

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