In Dublin (Teil 1)

Dublin ist eine alte Stadt, und wie in jeder alte Stadt gibt es dort alte Häuser, alte Straßen, alte Geschichten und alte Geister, und wenn man mit offenen Augen und Ohren die ersten beiden betritt, dann kann man die letzten beiden hören – und manchmal sehen.

Ich war an einem Samstag angekommen, und während das eindeutige Vorteile hatte – nicht zuletzt den Temple Bar Food Market –, hatte es auch Nachteile. Einer davon war, dass in Dublin – wie wohl in jeder größeren Stadt – samstagabends alle Restaurants voll waren. Leider waren die Supermärkte schon zu, und ich hatte Hunger, also wanderte ich ziellos durch die Innenstadt von Pub zu Pizzeria, auf der verzweifelten Suche nach etwas zu essen. Endlich fand ich in einer Seitenstraße einen alten Pub, in dem noch ein Tisch frei war. Erleichtert ließ ich mich auf den Stuhl fallen und zog die Jacke aus.

Es war voll, und so wunderte ich mich nicht, dass es eine ganze Weile dauerte, bis die Kellnerin mich bemerkte. Endlich, es war bestimmt das vierte Mal, dass sie an meinem Tisch vorbeirauschte, warf sie mir im Vorbeigehen einen Blick zu, stutzte, dann lächelte sie mich unsicher an. Ich lächelte zurück und bat sie um die Speisekarte. Sie nickte, und innerhalb von Sekunden lag das Gewünschte vor mir. Ich hätte mich gern bedankt, aber sie war schon wieder weg – es war wirklich sehr voll. Schade, sie war mir wirklich sympathisch… aber sie hatte nun mal einen Job, und der ging vor. Ich widmete mich also der Karte, die eine erstaunlich große Auswahl bot, was mir das Bestellen nicht unbedingt leichter machte.

Erst als ich mich entschieden hatte und wieder aufsah, um nach der hübschen Kellnerin zu schauen, bemerkte ich, dass mir gegenüber an meinem Tisch, den ich für leer gehalten hatte, ein Mann saß; seinem halb geleerten Getränk nach zu schließen schon seit einer Weile. Er hob sein Glas und eine Augenbraue.

Ich erschrak. „Entschuldigen Sie, ich hatte gar nicht gesehen, dass Sie hier sitzen – ist es okay, dass ich mich zu Ihnen gesetzt habe?“

Er lächelte und nickte leicht. „Gern. Ich bin so allein dieser Tage.“

Ich musterte ihn vorsichtig. Wollte er mit mir flirten? Er hob wieder sein Glas und prostete mir zu. Ich bin bis heute nicht sicher warum, aber seine Miene hatte etwas, das mich entspannen ließ. Ich lächelte zurück.

Dann tauchte schon die Kellnerin wieder auf. „Haben Sie sich entschieden?“

„Ja, vielen Dank“, ich schlug die Karte auf und diktierte ihr meine Bestellung. Dann schenkte ich ihr mein schönstes Lächeln und bedankte mich. Sie lächelte zurück, und während mein Herz höher schlug, verschwand sie wieder.

Kurz darauf stand sie wieder an meinem Tisch, den bestellten Cider in der Hand. Ich dankte, und nachdem ich ihr ein wenig nachgesehen hatte, wandte ich mich wieder meinem Tischgenossen zu. Jetzt war ich es, die das Glas hob. Er stieß mit mir an. Dann bemerkte er, mit einem Blick auf unsere sehr unterschiedlichen Gläser: „Eisgekühlter Champagner ist mein Lieblingsgetränk – völlig gegen den Rat meines Arztes.“ Er zog einen Mundwinkel hoch und zwinkerte mir zu. „Ich höre grundsätzlich nicht auf den Rat meines Arztes.“

Ich grinste. „Ein langes Leben bringt ja auch wenig, wenn man es nicht zu genießen weiß“, stellte ich fest. Er grinste zurück, und wir stießen an.

„Auf das Leben.“

„Auf das Leben.“ Er trank einen Schluck. „Ich investiere all mein Genie in mein Leben“, behauptete er, „und nur mein Talent in meine Werke.“

„Werke?“, hakte ich nach und betrachtete ihn. Seine weichen, gepflegten Finger hatten sicher nie ein Instrument berührt, und auch keinen Pinsel geführt. „Sie sind Schriftsteller?“, riet ich, „oder Dichter?“

Er lachte. Dann gab er zu, dass ich nicht ganz falsch lag, und rasch waren wir in ein Gespräch über das Leben und das Schreiben vertieft. Er war ein überaus geistreicher und amüsanter Gesprächspartner, und bald hatte ich meine Vorsicht und meine Schüchternheit verloren. Wir unterhielten uns prächtig und lachten viel, und fast hätte ich die Kellnerin übersehen, die mir schließlich auch mein Essen brachte. Im letzten Augenblick fasste ich, ermutigt von anregendem Gespräch und Getränk, nach ihrem Arm.

„Vielen Dank“, brachte ich hervor, „und, äh, kann ich bitte noch ein Glas haben? Und, äh, dir eines ausgeben?“ Das Blut schoss mir ins Gesicht, als ich mich das sagen hörte, aber sie stutzte nur kurz und lächelte dann freundlich. „Klar, gern“, sagte sie und verschwand wieder. Ich verbarg mein Gesicht in den Händen. „Oh Gott, war das plump“, stöhnte ich.

Mein Gegenüber lachte leise. „Man sollte immer verliebt sein“, empfahl er.

„Verliebt? Ich kenne sie doch gar nicht. Und sie will sicher nichts von mir, und außerdem muss sie arbeiten, und überhaupt, ich sollte mir das ganz schnell aus dem Kopf schlagen.“

Er schüttelte den Kopf und sah mich traurig an. „Behalte die Liebe in deinem Herzen. Ein Leben ohne Liebe ist wie ein sonnenloser Garten mit toten Blumen.“

Ich sah ihn überrascht an. So viel tief empfundenes Gefühl hatte ich nicht von ihm erwartet.

Für einen Augenblick war ich sprachlos.

Wer war dieser Fremde, der auf alles eine gewitzte Antwort wusste und offensichtlich in mir las wie in einem offenen Buch? Und woher kam die tiefe Trauer, die ich auf einmal in seinen Augen sah?

(23.08.2014, 878 Wörter. Hier geht’s zu Teil 2.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme – Teil 2 ist noch offen.)

Advertisements

4 Kommentare

  1. „Wer war dieser Fremde, der auf alles eine gewitzte Antwort wusste und offensichtlich in mir las wie in einem offenen Buch? Und woher kam die tiefe Trauer, die ich auf einmal in seinen Augen sah?“ Das klingt nach Fortsetzung!

    Übrigens: Habe noch schnell abgestimmt. Da gibt es jetzt wenigstens vorübergehend einen Wahlsieger. Patt wäre echt doof!

    1. Fortsetzung folgt (hoffentlich) kommende Woche… Bisher ist Dublin sehr inspirierend ;-)

      Danke fürs Mitstimmen!

  2. Ich weiß es, ich weiß es … nicht, wer der Fremde ist :D Oder doch? Auf jeden Fall mochte ich die Geschichte und habe nun noch mehr Lust auf Irland bekommen.

    1. Das freut mich :-) Die Auflösung folgt im Laufe der Woche ;-)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: