Fingerübungen

„Und eins! Und zwei! Und drei! Und vier! Und immer schön alle Finger gleichzeitig, Barbara, nicht nur zwei. Und nicht aus dem Rhythmus kommen, meine Lieben! Und zwei! Und drei! Und vier!“

Oh Gott. Warum mache ich das mit? Diese blöde Trainerin geht mir echt auf die Nerven, mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit. Als ob es auch nur einen Menschen in diesem Kurs gäbe, der das macht, weil er Spaß daran hat.

„Nicht abschweifen! Und eins! Und zwei! Na los, ein bisschen mehr Power!“

Argh. Wenn sich dieses dämliche Grinsen noch einmal in mein Gesichtfeld zwängt, weiß ich nicht, ob ich noch schweigen kann. Ich möchte schreien. Wenn sie wenigstens nicht so tun würde, als machten diese beschissenen Übungen Spaß! Training kann ich ja noch verstehen, ich will es ja, ich bin freiwillig hier, ich bin hier, weil ich gut werden möchte, und dafür muss man nun einmal trainieren. Aber diese aufgesetzte Grimasse von Fröhlichkeit macht mich einfach nur fertig. Wenn diese dumme Trulla mir zu nahe kommt, dann nehme ich meine wunderbar trainierten Finger und kratze ihr damit das falsche Lächeln aus der Visage.

„Nicht nachlassen! Und immer schön lächeln! Weiter geht’s, meine Lieben, immer schön im Rhythmus bleiben – und eins! Und zwei!“

Verdammt noch mal, hör endlich auf zu grinsen, du blöde Kuh! Oh Shit, sie schaut in meine Richtung. Ich ringe mir ein Lächeln ab. Der Schweiß rinnt mir schon über die Stirn vor Anstrengung, und meine Muskeln schmerzen. Wie lange wird diese Folter noch dauern? Ich habe jetzt schon keine Lust mehr, aber vermutlich haben wir noch nicht einmal die Hälfte für heute geschafft.

„Immer schön weiter! Nicht nachlassen! Die Halbzeit haben wir schon hinter uns“, verkündet die Trainerin unerträglich munter, als hätte sie meine Gedanken gehört. Also doch schon? Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen erleichtert.

„Aber jetzt nicht nachlassen, auch der letzte Durchgang muss sitzen, wir wollen hier schließlich keine schlampigen Bewegungen einüben. Na los, meine Lieben, keine Müdigkeit vorschützen, ihr schafft das! Und eins! Und zwei!“

Sie geht mir immer noch auf die Nerven. Aber gut, die Hälfte für heute haben wir geschafft, inzwischen müsste es sogar deutlich mehr als die Hälfte sein – da kann ich den Rest auch noch durchhalten. Und ich weiß, wenn ich durchhalte, wenn ich am Ende dastehe, verschwitzt und kaputt, aber mit dem Wissen, dass ich auch heute durchgehalten habe, dass ich es geschafft habe, dass ich nicht schlappgemacht habe – ich weiß, dass ich dann glücklich sein werde. Erleichtert, es hinter mir zu haben, aber auch glücklich über das Erreichte und darüber, meinem inneren Schweinehund eine weitere Niederlage zugefügt zu haben.

Ich habe ja die Hoffnung, dass er irgendwann, wenn ich ihn einmal zu oft besiegt habe, aufgibt. Oder wenigstens schwächer wird. Aber ich weiß, dass das nie passieren wird, also muss ich stärker werden. Und deshalb tue ich mir das hier an.

„Gleich haben wir’s!“, ruft die Trainerin, „noch sechs Wörter, fünf, nicht nachlassen, drei, zwei – geschafft!“

 

(03.02.2013, 500 Wörter. Jaja, keine Glanzleistung und noch dazu alt, aber ich bin gerade erst aus Dublin zurückgekommen und hatte noch keine Zeit, den zweiten Teil der Dublin-Geschichte abzutippen. Nächste Woche, versprochen!)

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3 Kommentare

  1. Mach dir mal keinen Stress mit Teil 2. Wir warten auch gern noch eine Woche. Dann aber will ich ALLES über Dublin wissen. Hörst du? ALLES! :D

    1. Alles? Hm, das ist aber ein bisschen viel, meinst du nicht? ;-)

      1. Alles in den üblichen 500 Worten. Du kannst das, ich glaube an dich ;-)

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