In Dublin (Teil 2)

(Teil 1)

Noch während ich über meinen Tischgenossen nachdachte und grübelte, ob mir nicht auch sein Gesicht bekannt vorkam, zwinkerte er mir plötzlich zu und deutete hinter mich. Ich drehte mich um, und da stand wieder die Kellnerin, ein frisches Glas Cider in der Hand und ein Lächeln auf den Lippen.

Ich war hin- und hergerissen, ob ich sie bitten sollte, sich zu uns zu setzen, oder ob ich lieber noch ein bisschen ungestört mit dem Fremden reden wollte, in der Hoffnung, sein Geheimnis zu ergründen, aber sie nahm mir die Entscheidung ab. Mit einem knappen „Bitte schön“ stellte sie das volle Glas vor mich, schnappte sich das leere und meinen Teller und verschwand wieder. Ich starrte ihr ein Weilchen hinterher, während ich versuchte, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Der Fremde hatte sie natürlich trotzdem bemerkt und grinste wieder. Ich errötete.

„Es tut mir leid. Sie halten mich sicher für schrecklich unhöflich.“

„Ach was. Es gibt nur eine wichtige Unterscheidung: Ein Gesprächspartner ist entweder unterhaltsam oder langweilig.“

Ich musste lachen. „Na gut. Ich hoffe, ich bin wenigstens nicht langweilig.“

„Würden wir uns dann so gut unterhalten?“

„Wohl nicht“, gab ich zu, „aber danke für das Kompliment.“ Ich seufzte. „Wenigstens einer, der mich interessant findet…“

„Nicht doch“, er hielt mir sein Glas entgegen, und ich stieß brav mit ihm an und trank einen Schluck. Es wirkte; ich wurde wieder munterer. „Was soll’s. Wahrscheinlich steht sie einfach nicht auf Frauen. Oder zumindest nicht auf mich.“ Ich seufzte. „Ich werd’s überleben.“ Ich zwang mich zu lächeln, und mein Gegenüber lächelte so gewinnend zurück, dass meine Laune gar nicht anders konnte als sich zu heben.

„Das ist der große Vorteil dieser Zeit“, bemerkte er trocken. „Man kann alles überleben, außer vielleicht den Tod.“

Ich nickte, dann stutzte ich. „Vielleicht? Was meinen Sie damit?“

Er zuckte mit den Schultern. „Oh, keine Ahnung. Manchmal verstehe ich kein einziges Wort, das ich sage. Ich bin einfach zu klug.“ Er zog eine dramatisch-tragische Miene und warf den Kopf zurück.

Ich musste lachen, und damit war jeder Gedanke an meinen vergeblichen Flirtversuch vergessen. Wir hatten noch eine Menge Spaß zusammen, aber irgendwann warf ich einen Blick auf die Uhr und erschrak. „Oje, ich glaube, ich sollte langsam ins Bett. Es tut mir sehr leid, und ich danke Ihnen für diesen schönen Abend.“ Ich lächelte ihn an, und er lächelte zurück.

„Ich sollte auch langsam los“, meinte er. „Es gibt da ein Hotel in Paris, auf dem mein Name steht; sie sollen seit meinem letzten Aufenthalt umdekoriert haben“, und er zwinkerte mir zu. Dann stand er auf und verneigte sich. „Es war mir ein Vergnügen.“

„Vielen Dank“, ich stand ebenfalls auf, „mir auch. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise nach Paris.“

„Oh, keine Sorge, ich bin nicht zum ersten Mal dort“, er lächelte und gab mir die Hand zum Abschied. Dann deutete er wieder hinter mich, und als ich mich umdrehte, stand dort die Kellnerin. Mein Herz setzte kurz aus, aber dann erinnerte ich mich daran, dass sie nichts von mir wollte als ein gutes Trinkgeld.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte sie, und ich nickte. „Ich würde dann gern zahlen, bitte.“ Sie neigte den Kopf und verschwand. Ich setzte mich wieder, um auf sie zu warten. Als ich jedoch zu meinem Gesprächspartner blickte, um vielleicht noch ein paar nette Worte mit ihm zu wechseln, war sein Platz bereits leer. Wollte er die Zeche prellen? Oder mich auf der Rechnung sitzen lassen? Ich hatte keine Ahnung, wie viel er getrunken hatte, aber sicher überstieg sein Champagnerkonsum mein Budget. Ganz ruhig, sagte ich mir, so wirkte er gar nicht. Vielleicht wollte er nur am Tresen bezahlen.

Nach ein paar Minuten war die Kellnerin wieder da und legte mir die Rechnung hin. Ich suchte nach der Summe – es stand übrigens kein Champagner darauf – und bemerkte, dass sie etwas Handschriftliches hinzugefügt hatte. Mit klopfendem Herzen entzifferte ich das Gekritzel: „Sorry viel los, würde dich gern wiedersehen. Morgen nachmittag am Merrion Square bei Oscar Wilde?“, und eine Telefonnummer. Ich grinste, holte mein Geld und einen Kugelschreiber heraus und notierte mir rasch die Nummer. Dann schrieb ich groß „JA! 3 p.m.?“ auf die Quittung und reichte sie ihr, zusammen mit einem Bündel Geldscheine, als sie wieder einmal vorbeieilte. Sie warf einen Blick auf den Zettel und lächelte mich dann strahlend an.

Am nächsten Tag stand ich um Punkt fünfzehn Uhr an einem Eingang des Merrion Square Park und suchte auf der Übersichtskarte nach dem Oscar-Wilde-Denkmal. Es war nicht weit entfernt, aber als ich ankam, stand sie schon da und begrüßte mich mit einem Lächeln.

„Hi! Schön, dass du gekommen bist. Es tut mir leid, dass ich gestern so gar keine Zeit für dich hatte… Ich hoffe, du hast dich nicht zu einsam gefühlt?“

„Einsam?“, fragte ich verwundert, doch sie sprach schon weiter: „An den Tisch setzen sich fast nie Gäste. Irgendwas hält sie davon ab, ich weiß auch nicht was – deshalb war ich so erstaunt, als ich dich dort gesehen habe. Tut mir leid, wenn das abweisend rüberkam. Mein Boss sagt, das liegt daran, dass es in der Ecke spukt, aber ich glaube, es ist einfach, weil sie ein bisschen dunkler und nicht so gemütlich ist.“

Ich hörte ihr erstaunt zu. Dann blickte ich hinter sie, zu der Statue eines Dandys mit schiefem Grinsen, der auf einem Felsen fläzte. Ich stutzte. War das nicht…

Die Kellnerin schaute sich nach dem um, was meinen Blick so fesselte. „Ach ja“, erklärte sie, „das ist Oscar Wilde. The fag on the crag, nennen wir die Statue. Als er noch in Dublin lebte, ist er angeblich auch in unserem Pub eingekehrt.“

„Ja“, sagte ich nachdenklich, „das kann ich mir denken.“ Dann sah ich ihr in die Augen. „Ist ja auch ein toller Pub. Vor allem die Kellner dort.“

(28./29.08.; 07.09.2014, 977 Wörter. Fertig abgetippt und leicht überarbeitet. Wer schon im ersten Teil erraten hat, wer der geheimnisvolle Fremde war, darf sich jetzt zur Belohnung auf die Schulter klopfen.)

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2 Kommentare

  1. Ich klopfe dann mal :D

    Nein, ich wusste natürlich nicht, dass es Oscar Wilde ist. Ich tippte auf James Joyce. Aber ich mag die Geschichte! Genau mein Ding. Nicht wegen der Kellnerin, mehr wegen dem mystischen Element. Fünf Daumen hoch dafür. Mindestens.

    1. Vielen Dank!

      Über James Joyce habe ich auch nachgedacht (klar, wenn’s schon in Dublin spielt), aber ich dachte mir, Oscar Wilde wäre passender – und könnte sich, würde er es noch mitkriegen, sicher prächtig darüber amüsieren, als Geist in einer Geschichte aufzutauchen.

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