Schmetterlinge und Sandeimer

Am Straßenrand liegt ein Eimer. Niemand ist sicher, wie er dahin gekommen ist; vielleicht hat ihn ein Kind auf dem Weg zum Spielplatz verloren. Es ist ein hübscher Eimer, himmelblau mit Wölkchen und Regenbögen darauf und ein paar Schmetterlingen. Sicher hatte das Kind viel Spaß mit ihm, er sieht abgenutzt aus, abgespielt. Jetzt aber hat niemand mehr Spaß daran. Im Gegenteil, dieser kleine Eimer wird einige Unannehmlichkeiten auslösen.

Es beginnt damit, dass ein Hoverboarder daran hängenbleibt, das Gleichgewicht verliert und gegen den Laternenpfahl an der Ecke prallt. Das Hoverboard rutscht unter seinen Füßen weg und landet zwischen den Stühlen eines Straßencafés. Der Eimer, von dem Schwung der Hoverdüsen aus seiner gemütlichen Ecke im Straßengraben gestoßen, rollt auf die Fahrbahn.

Der Hoverboarder, der jetzt nur noch ein Fußgänger ist, rappelt sich auf und reibt sich stöhnend den Kopf. Da wird eine ganz schöne Beule wachsen, das weiß er schon jetzt. Noch viel schlimmer ist aber, dass er jetzt den Vorsprung vor der Polizeidrohne verloren hat, die ihm auf den Fersen war, seit er vor siebenunddreißig Sekunden einer älteren Dame die Handtasche von der Schulter gerissen hat. Er schaut sich nach seinem Hoverboard um, aber noch bevor er es entdeckt, surrt die Drohne um die Ecke.

„Polizei!“, schnarrt sie mit monotoner Stimme. „Sie sind verhaftet!“ Es klingt wie aus einem Blecheimer gesprochen. Natürlich könnte die Drohne auch freundlicher klingen, menschlicher, aber die Sounddesigner der Polizei haben sie lieber auf maximale Einschüchterung optimiert. Es wirkt: Der Fußgänger, der ein Hoverboarder war, hebt die Hände und stammelt: „Ich, ich war’s nicht, ehrlich!“

Die Drohne glaubt ihm nicht. Sie gleicht ihr Videoarchiv mit seinem Gesicht ab, stellt fest, dass er nicht nur für den Diebstahl der Handtasche, sondern auch für diverse Vandalismen und kleinere Ladendiebstähle gesucht wird, und tasert ihn. Dann benachrichtigt sie ein Abholfahrzeug und fliegt wieder auf Streife.

Die Gäste des Straßencafés haben die Szene halb amüsiert, halb verschreckt beobachtet. Jetzt, da sie offensichtlich vorbei ist, wenden sie sich wieder ihren Designer-Koffeingetränken zu. Das Hoverboard, das zwischen den Tischen schwebt und langsam vor und zurück pendelt, beachten sie nicht. Umso interessanter findet ein Hund es. Er gehört wohl einem der Gäste, einem jungen Mann mit auf den Leib geklebter Gummihose und trendigem Anti-Iro, der gerade versucht, seine Freundin mit der Präsentation seines neuesten Lidtattoos zu beeindrucken; zumindest ist die Leine des Hundes um das Stuhlbein des dürren Kerlchens geschlungen.

Der Hund beschnüffelt das Hoverboard. Es ist neonbunt, wie sein Fell, und riecht interessant nach all den Straßen, über die es schon geboardet wurde von dem nun bewusstlosen Ex-Hoverboarder. Der Hund legt probehalber eine Pfote auf das Board. Es gibt ein bisschen nach und stabilisiert sich dann. Mit einem Satz springt der Hund hinauf und schwebt nun dreißig Zentimeter über dem Boden zwischen den Cafétischen. Von hier aus kann er auf die Tische sehen, ohne sich auf die Hinterbeine stellen zu müssen, und was er sieht, gefällt ihm. Mmm, Herrchens Freundin hat ihren Synthburger nur halb aufgegessen und spielt jetzt lustlos mit dem Zellulose-Salatblatt herum. Auf Zellulose steht der Hund nicht, aber Synthfleisch ist besser als der Fraß, der in seinem Futter steckt. Wenn er doch nur herankäme… Er streckt den Kopf vor, und das Hoverboard, das seine Gewichtsverlagerung als Befehl interpretiert, setzt sich in Bewegung.

In diesem Augenblick biegt ein Abholfahrzeug der Polizei mit heulendem Martinshorn und Blaulicht in die Straße ein und hält auf die Ecke zu. Kurz bevor es sein Ziel, den ehemaligen Hoverboarder, erreicht, erreichen die Strahlen seines Anti-Kollisions-LIDARs den blauen Eimer, der inzwischen die Mitte der Fahrbahn erreicht hat. Sofort springt das Kollisionsvermeidungssystem an, bremst die Supergrip-Reifen, entreißt das Steuer den Händen des Polizisten und schwenkt den Abholwagen gegen denselben Laternenpfahl, der schon des Hoverboarders Sturz gestoppt hat.

Der Hund auf dem Hoverboard zuckt zusammen und lässt das Hoverboard dadurch rückwärts fahren. Laut bellend prallt er samt Board gegen den Kellner, der gerade ein Tablett voll Designer-Koffeingetränken zu seinen Kunden bringen wollte, und bringt ihn zu Fall. Designergetränke spritzen auf Designerklamotten, und wie so oft, wenn zwei gute Dinge zusammenstoßen, ist das Ergebnis alles andere als optimal. Kunden springen auf, schreien, kreischen, auch der Dürre mit dem Anti-Iro, dessen Stuhl die Hundeleine gehalten hatte und nun, da sein wenn auch geringes Gewicht darauf fehlt, nicht mehr hält. Der Hund, nun befreit und von Kunstmilchschaum geblendet, rast in die Gegenrichtung davon, bis der Körper seines Besitzers das Hoverboard aufhält. Der Hund segelt in hohem Bogen darüber und gegen die Windschutzscheibe des Abholwagens, dessen Insasse sich gerade hinter seinem Airbags hervorkämpft. In seiner Panik verliert das Tier die Kontrolle über seine Blase und nässt den Hoverboarder, der nun wieder mit seinem Board vereint, aber noch nicht wieder bei Bewusstsein ist, die gestohlene Handtasche neben ihm und den Polizisten, der ihn abholen wollte, großzügig ein.

Jetzt hat ihn sein Herrchen wieder eingeholt und schimpft. Der Polizist, ebenso schlechter Laune, schließt aus dem beherzten Griff des Dürren auf seinen Besitz des Hundes, der ihn soeben mit biologischen Kampfstoffen angegriffen hat, und tasert ihn umstandslos. Dann, um auf Nummer sicher zu gehen, tasert er auch das Tier. Nun liegen drei bewusstlose Körper auf der Straße und harren ihrer Abholung. Der Polizist will sich an die Arbeit machen und die Delinquenten einladen, doch sein Abholfahrzeug kann vielleicht noch abholen, aber bis auf weiteres nicht mehr fahren.

Der Ex-Fahrer des Abhol-ex-Fahrzeugs, der nun wohl auch ein Fußgänger ist, flucht. Er kickt den blauen Eimer auf die Gegenfahrbahn, wo er bis an den gegenüberliegenden Straßenrand rollt und wieder zur Ruhe kommt. Sein Blau, seine Wölkchen, Regenbögen und Schmetterlinge leuchten unschuldig. Der Polizist spuckt ihm hinterher. Dann schaltet er mit einem Zwinkern, das beängstigend an eine Nervenerkrankung erinnert, sein Commimplantant vom Popradio auf den Polizeikanal und bestellt ein zweites Abholfahrzeug und einen Reparaturdienst.

Jetzt heißt es warten. Der Polizist schaut sich um und erblickt das Straßencafé, in dem der Kellner gerade versucht, des Chaos Herr zu werden. Immerhin ein Lichtblick, denkt der Polizist und betritt das Café, um ein Designer-Koffeingetränk zu beschlagnahmen.

Der Barista hat gerade noch Zeit, es zuzubereiten, als auch schon das zweite Abholfahrzeug eintrifft. Der Polizist, dank Koffeingetränk und Kunstmilchschaum wieder ein wenig mit der Welt versöhnt, schlendert hinaus und hilft seinem Kollegen beim Einladen der Delinquenten. Zum Dank nimmt der Kollege ihn trotz Uringeruchs mit auf die Wache, wo eine Dusche und eine frisch gewaschene Uniform warten. Schließlich wird auch das verunfallte Abholfahrzeug abgeholt, die letzten Designer-Koffeingetränk-Gläser vom Boden aufgesammelt und Kunstmilchschaumflecken weggewischt, und es kehrt wieder Ruhe ein.

Fast könnte man glauben, es wäre nichts passiert. Nur am gegenüberliegenden Straßenrand liegt ein Eimer, und die Zeugen dieser Szene werden sich noch lange daran erinnern, wie er dorthin gekommen ist.

 

(14.09.2014, 1107 Wörter.

Letzte Chance für die Abstimmung zum 2. Teil von „Probleme“ – Mitte der Woche schließe ich die Umfrage!)

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4 Kommentare

  1. Uii, sehr amüsant, was so ein kleiner verlorener Eimer so alles auslösen kann.

  2. Alles im Eimer. Gut! :-)

  3. Was für eine frische, irre Geschichte! Bester Slapstick, ohne gezwungen lustig sein zu wollen und angenehm ironisch mit einer gewissen Zurückhaltung (großartig der Einschub zum Abholfahrer, „der nun wohl auch ein Fußgänger ist“). Mit feinem Blick erzählt und ganz nah dran, sehr filmisch, ich mag auch das Präsens an der Geschichte. Wenn ich das einfach mal so sagen darf: Eine meiner liebsten deiner Geschichten.

    1. Oh wow, da werde ich ja ganz rot! Vielen Dank für all das Lob :-) Es freut mich, dass die Geschichte dir gefallen hat.

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