Großmutters Wald

Die Sonne war erst halb hinter dem Horizont verschwunden, aber sobald Stefanie zwischen die ersten Bäume trat, umfing sie die Kälte und Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht. Im Wald war immer eine andere Zeit, so schien ihr, so hatte es immer schon geschienen. Als sie vor Jahren, noch ein Kind, zwischen den Stämmen spielte und ihre Äste erklomm, waren ganze Jahre vergangen, in denen sie als Königin über ihr privates Narnia aus Blätterwesen und Bucheckernmännchen herrschte oder unbekannte Länder entdeckte und mit Feen sprach, und wenn ihre Großmutter sie zum Essen hereinrief, war sie doch erst viel zu kurz im Wald gewesen. Später, als sie sich zu alt fühlte, um auf Bäume zu klettern, und sich stattdessen an den Bach setzte, um ihre Füße zu kühlen und ein Buch zu lesen, hatte sie die Zeit ebenso vergessen können, und wenn sie wieder aufbrach, weil das Kapitel zu Ende oder die Schatten zu weit gewandert waren, konnte sie nie vorher sagen, wann genau sie am Waldrand auftauchen würde, ob es früh oder spät, noch immer warmer Sommernachmittag oder schon abkühlender Abend sein würde. Doch egal wann, jedes Mal, dass sie den Wald verließ, sah sie als erstes den Garten ihrer Großeltern und ihre Großmutter zwischen den Blumen, die ihr von dort zuwinkte.

Jetzt nicht mehr, erinnerte sie sich. Wenn sie heute den Wald wieder verließe, stände dort keine Großmutter, und wenn sie tagelang vom Waldrand auf den Garten starrte. Er gehörte jetzt ihr, der Garten und das alte Haus darin, und ihre Großmutter lag neben Großvater unter anderen Blumen.

Stefanie lief tiefer in den Wald hinein. Natürlich war es keine Überraschung gewesen, als die Nachbarin sie vor ein paar Tagen angerufen hatte. Ihre Großmutter war alt und schon lange sehr gebrechlich gewesen. Dennoch hatte die Nachricht sie hart getroffen, denn obwohl sie sie nur zwei oder drei Mal im Jahr gesehen hatte, hing sie doch sehr an ihr. Bei ihr hatte sie, so schien es ihr, die schönsten Sommer ihrer Kindheit verlebt, und sie war immer da gewesen, wenn Stefanie ein offenes Ohr gebraucht hatte, ob es um eine verpatzte Klassenarbeit ging, um Liebeskummer oder um Stress bei der Jobsuche.

Und jetzt war sie tot und begraben. Niemand würde mehr ans Telefon gehen, wenn Stefanie anrief. Niemand würde ihre Postkarten an die Küchentür hängen, um sie jeden Tag zu sehen, und ihre Briefe in sorgfältigem Sütterlin beantworten. Niemand würde sie zum Essen hereinrufen oder ihr aus dem Garten entgegenwinken.

Dem Garten, der jetzt ihrer war. Was sollte sie mit einem Haus auf dem Land? Ihre Arbeitsstelle war sechs Stunden mit dem Zug entfernt, ebenso wie der Rest ihres Lebens. Was hatte ihre Großmutter sich dabei gedacht, ihr das zu vererben? Stefanie schüttelte den Kopf. Darüber konnte sie morgen immer noch nachdenken. Heute Abend war es schlimm genug, in das leere Haus zurückzukehren. Sie würde ein Glas Apfelmus aus dem Keller holen, beschloss sie, und es auf dem Herd aufwärmen. Dann würde das Haus morgen früh riechen, als wäre ihre Großmutter noch da, als backte sie gerade frischen Apfelkuchen, und Stefanie würde sich noch ein paar Minuten länger vorstellen können, dass alles gut war, dass die Nachbarin sich geirrt hatte und Großmutter noch lebte und sich über den überraschenden Besuch freute.

Sie würde der Realität noch früh genug ins Auge sehen müssen. Aber morgen konnte sie sie noch ein paar Minuten zurückdrängen, und dann musste sie ohnehin wieder zurück. Das Haus würde sie später auflösen müssen. Sie schluckte. Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken; sie hatte heute schon genug geweint.

Es war jetzt tiefe Nacht im Wald. Stefanie konnte kaum noch die Bäume erkennen, und die Kälte ließ sie den Mantel fester um sich ziehen. Sie sollte umkehren, bevor sie über ein Wurzel stolperte und sich ein Bein brach, aber stattdessen schlug sie einen Bogen. Wenigstens ganz kurz wollte sie am Bach vorbeischauen, morgen hatte sie keine Zeit, ihr Zug ging zu früh.

Sie fand ihn ohne Probleme. Kurz bevor sie ihn erreichte, hörte sie sein Plätschern, und dann sah sie auch schon das silberne Band des Wassers. Die Baumkronen wichen zurück und gaben den Blick frei, und sie sah, dass der Himmel noch gar nicht ganz dunkel war. Wieder einmal war die Zeit anders vergangen, als sie sie empfunden hatte.

Stefanie folgte dem Lauf des Bachs bis an den Waldrand. An dem kleinen Steg, der ihr als Kind eine Brücke in ein fremdes Land gewesen war, verabschiedete sie sich von ihm und ging zurück zum Haus ihrer Großmutter. Gern wäre sie noch im Wald geblieben, aber der Gedanke daran, dass niemand sie zurückriefe, war ihr auf einmal unerträglich. Sie schlug einen kleinen Bogen durchs Dorf und näherte sich dem Haus von der anderen Seite. Bloß nicht den Garten sehen, dachte sie, bloß nicht auf die Blumen schauen. Sie schlich sich in das leere Haus und zog die Tür so leise hinter sich zu, als wollte sie niemanden wecken. Auf Socken tappte sie in die Küche. Als sie am Schlafzimmer ihrer Großmutter vorbeikam, blieb sie kurz stehen.

„Gute Nacht, Oma“, flüsterte sie, „ich hoffe, du schläfst gut.“

 

(28.09.2014, 846 Wörter)

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