Das Mädchen mit den langen Haaren

Es war einmal ein kleines Mädchen, dessen ganzer Stolz waren seine wunderschönen langen Haare. Es wusch sie jeden Tag mit einhundert Kräutern und bürstete sie mit einhundert Strichen, und das Haar glänzte mit der Sonne um die Wette, so schön glatt und gesund war es. Jeder, der es sah, bewunderte die Haare des Mädchens, und seine Eltern lobten es, weil es sie so gut pflegte.

Eines Tages jedoch lief das Mädchen beim Spielen ein wenig zu weit in den Wald und fand den Weg zurück nicht mehr. Es lief und lief, doch es geriet nur immer tiefer in den finsteren Wald. Die Bäume standen enger beieinander hier, und ihre Blätter hielten das Sonnenlicht fest, sodass nichts mehr glänzen konnte, und ihre Zweige griffen nach den Haaren des Mädchens und versuchten es festzuhalten. Es riss sich los, doch schon hatte sich der nächste Zweig darin verheddert, und je mehr es versuchte, dem Griff der Bäume zu entkommen, desto fester packten sie es.

Die Eltern des Mädchens indes begannen sich Sorgen zu machen. Es wurde langsam dunkel, und das Mädchen war noch nie so lange fort geblieben. Sie beschlossen sich auf den Weg zu machen, um es zu suchen.

Lange wanderten sie durch den Wald und riefen nach ihrer Tochter, doch niemand antwortete. Nur eine Eule rief ihr trauriges „Schuhu“ zurück, und bei diesem Klang wurde ihnen bang ums Herz. Was mochte ihrem Kind nur zugestoßen sein?

Schließlich kamen sie an die Stelle, an der der Wald am dichtesten und dunkelsten war, und hier fanden sie die erste Spur, dass ihre Tochter hier gewesen war: Zwischen den Zweigen glänzte etwas, und als sie danach griffen, sahen sie, dass es ein Büschel Haare war, so lang und glatt und gesund wie nur die Haare des Mädchens war, das sie suchten. Sie sahen einander an. Sollten sie erleichtert sein, eine Spur gefunden zu haben, oder sollten sie sich sorgen, was ihrem Kind passiert war? Warum nur war es hierher, an die dunkelste und dichteste Stelle des Waldes, gekommen? Und wie hatte es seine schönen langen Haare verlieren können, auf die es doch so stolz war? Mit bangem Herzen gingen sie weiter, und als sie den Namen des Mädchens ein weiteres Mal riefen, ließ die Angst ihre Stimmen beben.

Endlich kam eine Antwort: „Mutter! Vater! Hier bin ich! Helft mir!“ Es war die Stimme des Mädchens. So schnell sie konnten, drängten sie sich durch die dichten Zweige, bis sie an einen großen, knorrigen Baum kamen, dessen Äste bis zum Boden reichten, und in ihnen hing das Mädchen, die Haare zerzaust und struppig und fest mit den Zweigen verflochten.

Seine Eltern beeilten sich, ihm zu Hilfe zu kommen, doch so sehr sie an den Zweigen zerrten und an den Haaren zogen, sie konnten sie nicht voneinander lösen, und das Mädchen schrie vor Schmerzen. Schließlich griff der Vater zu seinem Messer und begann die Zweige abzuhacken. Es war nur ein kleines Messer, und so brauchte er eine Weile, doch schließlich hatten sie das Mädchen befreit. Die Mutter nahm es in den Arm und trug es nach Hause, und das Mädchen musste versprechen, nie mehr allein in den Wald zu laufen.

Das schreckliche Erlebnis jedoch hatte das Mädchen verändert. Es war still geworden und trübsinnig, zog sich immer mehr zurück und brauste schnell auf. Die Eltern sorgten sich sehr um ihr sonst so fröhliches Kind. Sie versuchten es aufzuheitern, doch es wollte nicht lächeln. Sie versuchten mit ihm zu reden, doch es wollte nicht antworten. Sie versuchten, seine schönen, langen Haare wieder zu waschen und zu bürsten, mit hundert Kräutern und hundert Strichen, doch das Mädchen wand sich und schrie, wann immer jemand nach seinem Kopf griff.

Es wurde immer schlimmer. Die Haare, die einst so schön geglänzt hatten, waren nun matt, stumpf und verfilzt, und ebenso matt, traurig und widerspenstig war das Mädchen. Bald mochten seine Freunde nicht mehr mit ihm spielen, und wenn die Eltern sie fragten warum, gaben die Kinder zu, dass sie Angst hatten vor dem Mädchen.

Zudem wurde es immer müder, und dunkle Schatten sammelten sich unter seinen Augen. Die Eltern brachten es zum Arzt, doch der fand es gesund und sagte nur, es sollte mehr schlafen. So brachten sie es früher und früher zu Bett, doch morgens war es immer müder und die Schatten unter seinen Augen immer tiefer.

„Es schläft nicht zu wenig“, stellten die Eltern fest, „es schläft schlecht. Vielleicht hat es Alpträume?“, und sie boten ihm an, dass nachts einer bei ihm bliebe, um die Alpträume zu vertreiben, doch das Mädchen schickte sie fort.

Eines Nachts jedoch schlich sich die Mutter um kurz vor Mitternacht ins Zimmer des Mädchens, um zu sehen, ob es denn gut schliefe. Es lag in seinem Bett und warf sich hin und her, die Augen fest geschlossen und offensichtlich von einem Alptraum geplagt. Da griff die Mutter nach ihm, um es zu beruhigen.

In diesem Augenblick schlug die Uhr Mitternacht, und das Mädchen riss seine Augen auf. Die Mutter erschrak. Seine Augen waren ganz fremd, rot wie das Höllenfeuer und alt wie der Baum, aus dem sie es hatten befreien müssen. Seine Haare, in denen noch immer die Reste der Zweige steckten, wanden sich wie Schlangen und griffen nach der Mutter. Sie sprang auf und rannte aus dem Zimmer, als wäre ihr der Teufel auf den Fersen.

Am nächsten Morgen erzählte sie dem Vater davon, und gemeinsam beschlossen sie, dass sie ihr Kind von dem Dämon befreien mussten, der es ganz offenbar besaß. Sie weckten das Mädchen und brachten es ins Badezimmer, obwohl es sich wehrte. Dann setzten sie es in die Badewanne und ließen Wasser ein, in das sie hundert Kräuter taten. Es duftete wundervoll, nach Kraft und Gesundheit, doch das Mädchen schrie, als würde das Wasser kochen, und seine Haare wanden sich wieder wie Schlangen, um nicht nass zu werden.

Doch die Eltern ließen nicht los, und schließlich gelang es ihnen, die Haare unterzutauchen und die Zweige und Blätter des alten Baums auszuwaschen. Dann hoben sie das Mädchen aus der Badewanne und trockneten es ab, um dann seine Haare zu bürsten mit hundert Strichen, doch die Haare entwanden sich ihren Fingern und trachteten danach, sie zu erwürgen, und schließlich erkannte die Mutter, dass der Dämon zu stark für sie war.

Eine einzige Möglichkeit fiel ihr noch ein, und obwohl es ihr in der Seele weh tat, griff sie nach einem Messer. Als das Mädchen sah, was seine Mutter tat, schrie es auf vor Angst, doch sie ließ sich nicht abhalten. Mit einem kräftigen Hieb schnitt sie die Haare ab und warf sie ins Feuer. Da heulte der Dämon noch einmal auf, und die Eltern glaubten, seine Augen in den Flammen zu sehen; dann war es vorbei.

Das Mädchen wurde bald wieder gesund und ebenso fröhlich wie vorher, doch in den Wald ging es nicht mehr, und seine schönen Haare hielt es von diesem Tag an kurz.

(04./05.10.2014, 1145 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme – Teil 3 ist noch offen.)

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7 Kommentare

  1. Ein wunderschönes Märchen zur Vorvorvorweihnachtszeit! Vielen Dank!

      1. Genau das mit wunderschönes Märchen wollte ich auch sagen. Wie fies, da war jemand anderes schneller:-)

  2. Ich mag solche mystischen Geschichten. Aber das weißt du vermutlich schon. Spontan hat sie mich an den Film „A Chinese Ghost Story“ erinnert. Auch dort gab es einen Baumdämon. Und natürlich jede Menge Kung Fu ;-)

    1. Hmmm, das Kung Fu fehlt in meiner Geschichte natürlich… Schön, dass sie dir trotzdem gefallen hat! ;-)

      1. Alles ist Kung Fu. Auch die Geschichte :-)

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