Besuch

Die Nacht war zu kurz, trotz Zeitumstellung; eine gute Freundin ist zu Besuch, nur übers Wochenende, und wir wollten jede Minute nutzen. Morgens sind wir müde und würden das Bett am liebsten gar nicht mehr verlassen. Doch auch das wäre verschwendete Zeit, Zeit, die wir zusammen verbringen könnten, also raffen wir uns auf und setzen Kaffee auf. Er hilft nur wenig.

Wir alle hängen in den Seilen, aber keiner hat wirklich Lust, den Tag zu Hause zu verbringen. Das Wetter ist angenehm trocken und nicht zu kalt. Wir beschließen, in die Gärten der Welt zu fahren. Dieses Wetter ist genau das richtige dafür: Über Nacht hat es geregnet, und alles ist saftig grün oder von leuchtendem Herbstrot, und die liebevoll angelegten und sorgfältig gepflegten asiatischen Gärten, durch die wir spazieren, sehen zu jeder Jahreszeit schön aus. Wir bewundern die kunstfertigen Mauern um die Höfe des koreanischen Gartens und begleiten seinen Bach bis hinunter zum Lavasteintor; wir folgen dem trockenen Steinfluss bis zum höchsten Punkt des japanischen Steingartens und dem lustig plätschernden Wasser wieder hinunter; wir schlendern um den chinesischen Seerosenteich und beobachten die Enten und den einsamen Schwan, die um das Steinboot herumschwimmen. Schließlich kehren wir im chinesischen Teehaus ein. Unsere Füße wollen Ruhe, unsere Körper Wärme, und unsere Augen werden schon wieder schwer. Die rot lackierten Fensterrahmen des Teehauses lächeln uns einladend zu, versprechen die Erfüllung aller Wünsche, und wir folgen gern.

Die Karte ist erst einmal überwältigend. So viele Sorten, ein Name blumiger als der andere – wie sich entscheiden? Schließlich wählen wir, im Bewusstsein, dass wir notgedrungen mehr Türen schließen als öffnen, und in der Gewissheit, dass dies nicht das letzte Mal sein wird, dass wir hier sind, und all die nicht gewählten Türen nur angelehnt sind und weiter auf uns warten.

Der Tee kommt, in einer Vielfalt von Düften und Farben, jede Sorte mit ihrer eigenen Tasse und Anweisungen der Kellnerin, wie lange sie zu ziehen hat. Sie gießt auf, und Dampf hüllt uns ein und kitzelt unsere Nasen. Wir warten geduldig und wärmen uns die Finger an den Tassen. Dann, eine nach der anderen, nippen wir vorsichtig, trinken, genießen, geben die Tasse weiter. Der Vorteil daran zu viert zu sein ist, dass wir vier Sorten probieren können.

Der Tee ist köstlich und verdient seine klangvollen Namen, die von Silber und Perlen, von Blumen und Schätzen erzählen. Bald sind wir alle wieder wach. Wir schlürfen und scherzen, gießen neu auf und lassen uns vom Tein und dem Gespräch beleben. Irgendwann beschließen wir, uns durch die Gebäckkarte zu essen, die zum Glück deutlich kürzer ist als die Teekarte. Nicht alles schmeckt jeder, aber genug, dass wir bald satt sind.

Noch ist Wasser da, lässt sich der Tee neu aufgießen. Wir versuchen den Augenblick festzuhalten, doch ein gewisses Bedürfnis meldet sich, und unser Besuch muss rechtzeitig zum Zug. Schließlich brechen wir auf, so ungern wir die Gastlichkeit des Hauses verlassen.

Aufgewärmt, erholt und erfrischt schlagen wir noch ein paar Bögen durch andere Gärten, erfreuen uns am Duft der Rosen und am Anblick herbstroter Ranken auf weißen Mauern, bis wir schließlich zum Ausgang zurückkehren. Jetzt heißt es Abschied nehmen, und wann sich wieder ein Besuch ergibt, ist noch nicht klar. Dennoch sind wir gut gelaunt. Wir haben die kurze Zeit genutzt, und wie die belebende Wärme des Tees wird dieses Wochenende eine Weile vorhalten.

Wir alle freuen uns auf das nächste Mal.

 

(26.10.2014, 563 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme – Teil 4 ist noch offen.)

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ein Kommentar

  1. Erstens: Die nächste Zeitumstellung kommt bestimmt und
    zweitens: Eine Tasse Tee ist immer die richtige Wahl!

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