Winter zu Besuch

Gestern kam der Winter zu Besuch. Ich hatte ihn nicht eingeladen, aber als ich morgens aus dem Haus trat, heftete er sich einfach an meine Fersen und kam überallhin mit. Er stieg mit mir in den Bus, und während die anderen in dem Gedränge ihre Jacken öffneten und an jeder Station die einströmende frische Luft genossen, kauerte ich mich auf meinem Sitz so weit weg von meinem ungebetenen Gast wie möglich und zog den Mantel enger um mich. Der Winter ließ sich davon nicht beirren. Vertraulich legte er einen Arm um meine Schultern und flüsterte mir Geschichen von Neuschnee und zugefrorenen Seen ins Ohr, und sein Atem blies mir in den Kragen und ließ mich frösteln.

Er folgte mir ins Büro und setzte sich auf meine Schreibtischkante. Er wolle gar nicht stören, erklärte er, er wisse, dass ich mich konzentrieren müsse, und dann baumelte er mit den Beinen und blies Schneeflocken in die Luft. Jedes Mal, wenn er sich ein bisschen zur Seite lehnte und meine Hand berührte, wurden meine Finger auf der Maus taub. Ab und zu stand er auf, um mir über die Schulter zu schauen, und sein Atem blies mir in den Nacken und ließ mich schaudern.

In der Mittagspause lud ich mir das Tablett mit heißer Suppe voll und suchte mir einen Kantinenplatz direkt neben der Heizung. Der Winter setzte sich neben mich, ehe jemand anders den Stuhl besetzen konnte, und legte seine Hand auf meinen Arm. Die Suppe sei zu heiß zum Essen, er würde mir helfen, versprach er und pustete. Bis ich den Löffel zum Mund geführt hatte, war sie lauwarm. Ich aß lustlos und an die Heizung gekauert. Irgendwann stand der Winter auf, um das Fenster zu öffnen, und sein Atem blies mir ins Ohr und ließ mich zittern.

Auf dem Heimweg folgte er mir noch immer, und obwohl ich versuchte, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, schlüpfte er mit mir in die Wohnung. Hilfsbereit nahm er mir den Mantel ab und hängte ihn an die Garderobe, aber als ich Hausschuhe überziehen wollte, konnte er sie nicht finden, und ich musste auf Socken gehen. Er bedauerte das, aber es hielt ihn nicht davon ab, sich an meine Fersen zu heften, bis mir die Kälte in die Fußsohlen kroch. Er folgte mir in die Küche und kühlte meinen Tee, er saß mit mir am Esstisch und lehnte sich an meine Schulter, er setzte sich zu mir aufs Sofa und massierte mir mit eisigen Fingern den Rücken. Ich versuchte von ihm abzurücken und wickelte mich in eine Decke, doch er schob sich zu mir hinein, und sein Atem blies mir auf den Arm und machte mir Gänsehaut.

Schließlich ging ich ins Bett, in der Hoffnung, dass er wenigstens das respektieren würde. Ich drehte die Heizung hoch und kuschelte mich in meine dickste Decke, doch er wollte nicht von mir lassen. Er setzte sich zu mir auf die Bettkante und erzählte mir Gutenachtgeschichten, von verschneiten Wäldern vereisten Flüssen, und als ich mich bibbernd wegdrehte, da hauchte er mir einen Kuss auf die Stirn, und sein Atem blies mir ins Gesicht und machte mir Alpträume.

Heute morgen wachte ich auf, voller Furcht, dass er noch immer da sein könnte, doch mein Schlafzimmer war leer. Ich ging zum Fenster und sah hinaus. Auf der Straße stand der Spätherbst und lächelte mir zu. Ich winkte, und er winkte zurück.

„Noch ist er nicht dran“, versicherte er mir und ließ einen Schwung goldener Blätter durch die Sonne wirbeln.

 

(01.11.2014, 580 Wörter.

Kurze Erinnerung: Die Abstimmung zu Probleme – Teil 4 ist noch offen.)

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2 Kommentare

  1. Meine Yuki(-onna) saß neben mir, als ich die Geschichte las. Sie hat gelacht und sagte, sie mögen diesen Text. Und so geht es mir auch. General Winter, Väterchen Frost, die Yuki-onna, das sind Figuren der Mythologie. Und doch so präsent in meinen Gedanken. Aber ärgern tun die mich nie. Eiskalte Grüße an dich ;-)

    1. Vielen Dank! Das freut mich, dass die Geschichte euch beiden gefällt :-)

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